Feiertag

Duftende Kräuter im verlassenen Grab

Kräuterboschen

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Kräuterboschen

Feiertag Zu Mariä Himmelfahrt werden im Allgäu traditionell Kräuterboschen gesegnet. Dahinter steht eine mittelalterliche Legende. Die Berichterstattung über den Brauch war im Lauf der Jahre sehr unterschiedlich
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Von von Charly Richter
13.08.2019 | Stand: 15:02 Uhr

Wer im Archiv der Redaktion nach Artikeln über Mariä Himmelfahrt sucht, findet eine beige Mappe voller Zeitungsausschnitte. Manche sind schwarz-weiß, einige kopiert, viele deutlich vergilbt. Handschriftlich wurden die Erscheinungsdaten am Rand notiert. Schon oft hat die Heimatzeitung über die Bräuche und Hintergründe zu Mariä Himmelfahrt berichtet. Aber die Informationen, die im Archiv nachzulesen sind, unterscheiden sich erstaunlich oft.

Worin sich alle Artikel einig sind: Mariä Himmelfahrt ist jedes Jahr am 15. August. Zu diesem Tag werden im Allgäu traditionell sogenannte Kräuterboschen gebunden, die in der Kirche gesegnet werden und den Besitzern danach Schutz bieten sollen. Alles weitere wird nur in einzelnen Artikeln genannt oder sogar jeweils unterschiedlich angegeben.

Mittelpunkt der Boschen ist fast überall die gelb blühende Königskerze. Aber welche Kräutersorten werden noch mit eingebunden? Das ist ziemlich offen. „Arnika, Kamille, Baldrian, Schafgarbe, Bohnenkraut, Dill, Pfefferminze, Kümmel und Thymian“ hieß es in einem Artikel von 2003. 1988 nannte man am Anfang der Aufzählung „Johanniskraut, Tausendgüldenkraut, Eisenhut, Thymian“. Die Heilkräfte der Pflanzen wurden 2008 besonders ausführlich beschrieben, zum Beispiel, dass Beifuß gegen Epilepsie und Johanniskraut gegen Depressionen helfen soll. 1994 und 2003 wurde darauf hingewiesen, dass auch mindestens ein Wurzelgemüse wie Karotte oder Rote Bete im Kräuterboschen enthalten sein soll. Dr. Otto Beck, der als Experte auf diesem Gebiet galt, sprach auch von Ähren heimischer Getreidesorten und Blütendolden.

Wie viele Kräutersorten in einen Kräuterboschen gehören, dazu weichen die Zahlen stark voneinander ab. Grund dafür ist wahrscheinlich, dass jedes Dorf seine eigenen Bräuche hat und mündliche Überlieferungen nicht immer ganz genau sind. „Sieben, elf, 33“ oder „über 100“ Kräutersorten wurden 2001 angegeben, 2008 „sieben, neun, zwölf, 15, 66, 77 oder sogar 99“. Einigen dieser Zahlen wird auch eine mystische Bedeutung zugeschrieben.

Neben den Heilkräften, die den einzelnen Pflanzen zugeschrieben werden, hat auch der ganze Boschen eine Schutzwirkung. Wird er nach der Segnung auf den Dachboden oder in den Herrgottswinkel eines Hauses gehängt, soll das Haus vor Unwetterschäden sicher sein. Befragte Personen berichten in den Artikeln auch wiederholt, dass sie während eines Gewitters zur Sicherheit Blätter aus dem Boschen verbrennen. Auch vor Krankheiten sollen die Kräuter schützen, besonders vor Viehkrankheiten. Dazu werden sie in den Stall gehängt oder den Tieren gleich ins Futter gemischt. Und ein Artikel von 2005 erwähnt, dass die Boschen sogar „Eheglück und Kindersegen bewirken“ könnten.

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Nachruf

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„Der größte Tag in der Marienverehrung“ wird Mariä Himmelfahrt in einem sehr alten Artikel genannt. Im Jahr 2000 ist die Erläuterung genauer: „Nach katholischem Glauben wurde Maria, die Mutter Jesu, nach ihrem Tod leibhaft in den Himmel aufgenommen.“ An diesem Feiertag will man „dem Schöpfer danken“ (1994) und seinen Segen erbitten.

Den Brauch mit den Kräuterboschen führen fast alle Artikel auf eine (mittelalterliche) Legende zurück. Laut dieser betraten die Apostel drei Tage nach Marias Begräbnis deren Grab und fanden statt ihres Leichnams duftende Blumen und Kräuter beziehungsweise, je nach Quelle, nur deren Duft vor. Eine interessante Vorgeschichte zu dieser Legende lieferte ein Artikel 1984. Dort hieß es, Eva habe bei der Vertreibung aus dem Paradies heimlich Samen mitgenommen und im Tal der Tränen ausgesät. Das Wissen um deren Heilkräfte sei jedoch verloren gegangen und nur Maria, „die Unbefleckte und Sündlose“, habe es wiederentdecken können. Diese Heilkräuter seien es gewesen, die die Apostel in Marias Grab fanden. Als Maria Würzweih und Büschelfrauentag wurde Mariä Himmelfahrt deshalb 2004 bezeichnet.

Besonders ältere Artikel informieren über die kirchengeschichtlichen Hintergründe des Feiertags. „Erstmals erwähnt wird die Kräuterweihe bei der Mainzer Synode 813. 100 Jahre später, bei der Kirchenversammlung von Aachen, wurde die Segnung auf alle deutschen Bistümer ausgeweitet“ steht in einem Artikel von 1999. Dass der Brauch seinen Ursprung nicht im Christlichen hat, legt ein Artikel von 1990 nahe. Er wollte mit der Beschreibung der angeblichen Kräuterheilkräfte „auch zeigen, wie sich gerade bei der Kräuterweihe Heidnisches mit Christlichem vermischt, wie Dämonenglaube zum christlichen Brauch verwandelt wird“. Wie jung das „katholische Hochfest“ eigentlich noch ist, darauf machte ein Artikel 1984 aufmerksam: „Aus theologischer Sicht liegt diesem Marienfeiertag ein kirchliches Dogma zugrunde.“ Dieses wurde erst 1950 von Papst Pius XII verkündet.

Aber wo hat man an dem Tag tatsächlich frei? In ganz Österreich und in Italien auf jeden Fall. Hierzulande ist das schwieriger. „Mariä Himmelfahrt gilt in Deutschland nur in Bayern und dem Saarland, und dort nur in Gebieten mit überwiegend katholischer Bevölkerung, als Feiertag“, hieß es im August 2000. Und obwohl der Artikel fast 20 Jahre alt ist – das ist noch heute so.