Wangen

Eigene Wohnung ermöglicht Integration

Geflüchtete Die Stadt Wangen macht auf ein Problem vieler Flüchtlingsfamilien aufmerksam: Sie leben in Unterkünften, obwohl sie selbstständig sein könnten
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Von sz
19.01.2020 | Stand: 16:40 Uhr

Die Stadt Wangen sucht Wohnungen für Geflüchtete. Laut einer Mitteilung sei es auf dem derzeit sehr engen Wohnungsmarkt vor allem für Familien mit mehreren Kindern schwierig, passenden Wohnraum zu finden. Was für angestammte Wangener Familien gelte, treffe ganz besonders auch auf Familien zu, die derzeit in der Flüchtlingsunterkunft im Herzmannser Weg leben.

14 Familien wohnen dort laut städtischer Mitteilung. Zwei kommen aus Afrika, zwei aus Afghanistan und zwei aus dem Kurdengebiet in Nord-Syrien, die übrigen aus dem arabischen Teil Syriens, berichten Andrea Schamm und Natalie Schneider. Die beiden Sozialarbeiterinnen wären froh, wenn sie den Familien zu Wohnungen verhelfen könnten, denn manche von ihnen leben bereits vier Jahre in den Unterkünften der Stadt – erst im Alten Spital, dann im Herzmannser Weg.

„Sie sollten hier raus, weil so keine Integration stattfindet“, sagt Natalie Schneider. Allein schon, wenn die Familien die Adresse angeben, sei klar, dass sie aus dem Flüchtlingsheim kommen – und damit seien sie stigmatisiert. „Wir sehen den Unterschied zu Familien, die den Wegzug geschafft haben. Die blühen richtig auf“, sagt Andrea Schamm und erzählt von einem Mann, der vor Kurzem beim Sozialdienst vorbeigeschaut hat. „Er kam zur Tür herein, strahlte und sagte ‚Servus‘“, so Natalie Schneider. Auf die Frage, wie es ihm und seiner Familie geht, habe er geantwortet: „Wissen Sie, wir sind jetzt erst richtig angekommen.“

Vor allem für die Kinder sei es wichtig, aus der Unterkunft wegzukommen, damit sie eben nicht nur untereinander spielen und sich damit weiter alleine in der arabischen, kurdischen, afghanischen oder afrikanischen Kultur sozialisieren. In einem Wohngebiet, wo auch deutsche Kinder leben, würden sie die Sprache schneller lernen und Gewohnheiten von ihren Spielkameraden annehmen. Die Eltern achten sehr darauf, dass sie lernen, betonen die Sozialarbeiterinnen. Und die Väter arbeiteten inzwischen fast alle. Das bedeutet, sie hätten das Geld, um eine Wohnung zu bezahlen und ihre Familie zu versorgen.

Das trifft auch auf Familie Hamid zu. Farhan Hamid ist vor vier Jahren mit seiner Frau Leila und den beiden Söhnen Hussein (heute 18), Ahmed (zwölf) und seiner Tochter Alaa (zehn) angekommen. Die kurdischen Syrer flohen aus ihrer Heimat Qamischli vor dem Krieg. Nach Deutschland gelangten sie über den Irak, die Türkei und schließlich den Balkan. „Ich hatte viel Angst um die Kinder“, sagt Leila Hamid. Oft hätten sie im Freien in Städten wie zum Beispiel in Izmir geschlafen. „Mein Mann saß rechts und ich links, und die Kinder haben in unserer Mitte geschlafen.“ Sie habe ihre Tochter Alaa oft an sich angebunden, damit sie im Schlaf nicht weglaufen konnte. „Mein Mann und ich haben fast nicht geschlafen, weil so viele Menschen unterwegs und um uns herum waren“, erzählt Leila Hamid. Einmal habe ihr Bruder aus Saudi-Arabien Geld geschickt, damit sie in einem Hotel übernachten konnten. Unterwegs habe sie vieles erlebt, an das sie nicht mehr erinnert werden möchte.

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Jetzt arbeitet Farhan Hamid über eine Leiharbeitsfirma bei Hochland in Vollzeit im Schichtbetrieb, der älteste Sohn Hussein (18) bereitet sich im Berufsschulzentrum Wangen auf eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker vor und verbessert derzeit seine Deutschkenntnisse. Der zwölfjährige Ahmed geht an die Martinstorschule, weil es dort eine – von der Bürgerstiftung Wangen finanzierte – Internationale Vorbereitungsklasse gibt. Demnächst darf er in der Werkrealschule in Niederwangen reinschnuppern, um zu sehen, ob er die Anforderungen bewältigen kann. Wenn ja, stehe einem Wechsel nichts im Wege. Tochter Alaa (zehn Jahre) besucht das Körperbehindertenzentrum in Weingarten, weil sie an Rheuma leidet und immer wieder wegen der Behandlung in der Schule fehlen muss.

Die Hamids wohnen laut Stadt in zwei Zimmern, wobei die Eltern das gemeinsame Wohn-Esszimmer auch als Schlafzimmer nutzen. Die drei Kinder schlafen in einem Raum, was vor allem für den Ältesten schwierig ist. Reagieren Farhan und Leila auf Wohnungsangebote, wollen die Vermieter laut Stadt meist gar nicht weiter sprechen, wenn sie erfahren, dass die Hamids aus Syrien stammen. Denn damit werde sofort vermutet, sie seien Araber, und Menschen arabischer Herkunft täten sich auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer. „Wir sind aber Kurden. Ja, wir sind Muslime, aber die Religion ist für uns egal“, sagt Leila Hamid. Oft werden sie abgelehnt, weil sie Vermietern zu fünft als zu große Familie gelten.

Leila Hamid lernt derzeit im Integrationskurs Deutsch. Sie ist vielsprachig aufgewachsen: mit Kurdisch, Arabisch und ein bisschen Farsi. Sobald sie besser Deutsch kann, will sie arbeiten. „Ich muss nicht zu Hause sitzen“, sagt sie und hofft, dass das Zuhause bald nicht mehr am Herzmannser Weg ist.