US-Wahl - Trump oder Biden?

"Es hat nichts geholfen": Das sagen Westallgäuer zum Wahltag in den USA

GerhardOsterberger

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Bild: Evan Vucci/Patrick Semansky, AP, dpa

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Was Westallgäuer zur Präsidentenwahl in den USA sagen, warum die IHK Gefahren erkennt - und wie aufgeheizt die Stimmung in Lindenbergs Partnerstadt Saline ist.
04.11.2020 | Stand: 19:54 Uhr

Viele Menschen haben die Wahlnacht in den USA live am Fernsehen oder im Internet verfolgt – zumindest einen Teil davon. Die Heimatzeitung hat Reaktionen auf die Wahlnacht eingeholt: bei Westallgäuern, die in den USA leben, die aus den USA stammen oder die Interessen der Wirtschaft vertreten. (Wir berichten in unserem Live-Blog aktuell zur Wahl in den USA)

  • Bernhard Bauer (41) lebt seit zehn Jahren im Großraum Seattle und arbeitet dort als Maschinenbauingenieur. In den USA hat er auch seine jetzige Frau kennengelernt. Eine Rückkehr ins Allgäu schließt Bauer nicht aus, er hat sich aber aktuell in den USA eingerichtet. Obwohl er nicht mitwählen durfte, hat der frühere Röthenbacher den Wahlkampf intensiv verfolgt: „Das Niveau ist nicht schön.“ Zu oft werde unter die Gürtellinie gezielt. „Anstand, Moral und Integrität stehen nicht im Mittelpunkt dieser Wahlen“, sagt er. Von einem möglichen Wahlsieg Trumps wäre Bauer nicht überrascht, weil „die Umfragen nicht besonders verlässlich sind“. Sollte Biden am Ende die Nase vorn haben, fürchtet er keine Gewalt – „solange Herr Trump nicht dazu aufruft“. Im Gegensatz fürchtet Bauer Proteste, sollte Trump gewinnen. Der Frust bei jenen, die auf Missstände im Land hingewiesen haben, sei dann wohl groß. „Ihre Anliegen würden schließlich als nicht relevant erklärt.“ Auswirkungen auf sein eigenes Leben in den USA sieht Bauer nicht. Sein Heimatstaat Washington sei durch große Unternehmen wie Amazon, Microsoft und Boeing eigenständig – „und wird stabil demokratisch regiert“.

Auswanderer aus Ebratshofen: "Schwer enttäucht"

  • Gerhard Osterberger (57) stammt ursprünglich aus Ebratshofen, ist aber schon vor 30 Jahren in die USA ausgewandert. Seit 27 Jahren lebt er auf Hawaii und hat sich dort mit einer Schreinerei selbstständig gemacht. Er hat zwar ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht, aber keine amerikanische Staatsbürgerschaft und durfte somit nicht wählen. Hawaii sei „schwer demokratisch“ und auch sein Freundeskreis sei von Demokraten geprägt, berichtet Osterberger. Er hat während des Wahlkampfs festgestellt: „Die Medien sind nicht mehr neutral.“ Deshalb hat er sich auch in deutschen Medien über den US-Wahlkampf informiert. Persönlich war der 57-Jährige „schwer enttäuscht, dass man am Ende zwischen Biden und Trump entscheiden musste. Beide Parteien hätten bessere Kandidaten gehabt“. In der Wahlnacht musste er feststellen: „Eine amerikanische Präsidentenwahl hat sogar noch mehr Regeln als American Football.“ Egal, wie die Wahl am Ende ausgeht, Osterberger fürchtet, „dass es rund geht“ – zumindest auf dem Festland, nicht auf Hawaii. Dass Trump eine Niederlage akzeptiert „und einfach seine extra langen Krawatten einpackt und in Rente geht“, kann sich der 57-Jährige nicht vorstellen.

  • Tiffany Schief (35) lebt seit 15 Jahren im Westallgäu, geboren und aufgewachsen ist sie jedoch im US-Bundesstaat Iowa. Mittels Briefwahl hat sie dort ihre Stimme abgegeben – für Joe Biden. Elektronisch konnte sie verfolgen, dass ihre Stimme auch bereits gezählt wurde. „Es hat leider nichts geholfen“, stellt sie resigniert fest. Denn Iowa hat in der Mehrheit Donald Trump gewählt. Die Unruhe in der Wahlnacht hat sie kaum schlafen lassen. Nun hofft sie, dass nicht die Gerichte das vollständige Auszählen aller Stimmen verhindern. „Es ist das Recht eines jeden, eine Stimme zu haben“, sagt die junge Frau. Das gilt aus ihrer Sicht unabhängig davon, wem der beiden Kontrahenten das am Ende nutzt. Ihre größte Sorge ist, „dass es nun Unruhen gibt“. Auch in ihrer Heimatstadt Des Moines seien Geschäfte vorsorglich verbarrikadiert worden. Für Schief war Biden nicht der ideale Kandidat, „aber die bessere Wahl“. Sollte Trump am Ende gewinnen, hofft sie auf einen stärkeren Einfluss von Repräsentantenhaus und Senat. „Dort sieht es ja gut aus für die Demokraten.“

IHK-Regionalgeschäftsführer sieht Gefahren für die Wirtschaft - auch in der Region Schwaben

  • Aus Sicht der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist es „so gekommen, wie wir es befürchtet haben“, sagt Regionalgeschäftsführer Markus Anselment. Eine „Hängepartie über Tage oder Wochen“ sei für die Wirtschaft besonders schwierig. Die USA seien schließlich zweitwichtigster Handelspartner hinter China. Allein im Bereich der IHK Schwaben haben 650 Firmen intensiven Geschäftskontakt in die USA, 150 sind dort mit eigenen Niederlassungen vertreten, darunter auch einige Unternehmen aus dem Westallgäu. Mit Donald Trump als US-Präsidenten sei die wirtschaftliche Zusammenarbeit schwierig geworden, stellt Anselment mit Blick auf die „Nichteinhaltung von Handelsabkommen und Strafzölle“ fest. Mit Joe Biden wäre aus IHK-Sicht „mehr Verlässlichkeit“ zu erwarten. Doch gleichgültig, wer am Ende gewinnt, „amerikanische Interessen vertreten beide“, weiß Anselment und ergänzt: „Wir werden auch vier weitere Jahre mit Trump überleben, und ein Wahlsieg von Biden löst keine grenzenlose Euphorie aus.“ Viel wichtiger aus seiner Sicht ist, dass „Europa und Deutschland selbstbewusster werden“. Es gelte auch hier, die eigenen Interessen stärker zu vertreten – sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Wenn sich die USA noch mehr von der weltpolitischen Bühne zurückziehen, dann dürfe das Feld nicht China, Russland oder der Türkei überlassen werden.

Stimmung in Lindenbergs Partnerstadt Saline teils aufgeheizt

Wie die Stimmung vor der US-Wahl in Lindenbergs Partnerstadt Saline gewesen ist, weiß Peter Feind. Der Vorsitzende des Lindenberger Partnerschaftsvereins pflegt regelmäßige Kontakte in die Stadt. Doch der Hektik, die die Wahl begleitet hat, entzog sich Feind im Vorfeld, so gut es ging. „Jeder muss Geduld haben und abwarten“, sagt er. Gestern sei es schwierig gewesen, Menschen in Saline zu erreichen. „Dies kann damit zusammenhängen, dass einige unserer Freunde auch Stadtratsmitglieder sind und in dieser Rolle die Wahl beobachten oder bei der Auszählung der Stimmen beteiligt sind“. Ob in Saline Trump oder Biden gewonnen hat, „ergibt sich in den nächsten Tagen“.

Saline: Keine Lust, öffentlich die Meinung zu sagen

Die aufgeheizte Stimmung im Land hat vor der Wahl auch die 9000-Einwohner-Stadt erreicht: In Saline gibt es „sowohl Anhänger der Demokraten als auch welche der Republikaner“, sagt Feind. „Doch nicht alle wollen sich über politische Themen äußern, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.“ Die Spaltung in den USA wirke sich auch auf Mitglieder des „Saline-Lindenberg Friendship Comittee“ aus, dem Pendant zum Partnerschaftsverein.

Eine Trump-Gegnerin in Saline, erzählt der Vereinsvorsitzende, konnte mehrere Tage vor der Wahl nicht schlafen. „Sie regt sich darüber auf, wie der Präsident mit Corona und der angeblichen Wahrheit umgeht“, sagt Feind. Von einem Tag der Angst sei in der Partnerstadt die Rede gewesen, im Gegenzug forderten einige, „den wilden Spekulationen mancher Journalisten“ mit Skepsis zu begegnen.

Der Vorsitzende hält den Zweck des Partnerschaftsvereins, Gemeinden zu verbinden und Freundschaften in anderen Ländern zu pflegen, im Zuge der Wahl für besonders wichtig. „In erster Linie heißt das: Miteinander reden, sich zuhören und versuchen zu verstehen, warum manche Dinge anders sind oder warum sie jemand anders sieht“, erklärt Feind.

Lindenberger Bürgermeister empfiehlt Reise in die USA

Ähnlich formuliert auch Lindenbergs Bürgermeister Eric Ballerstedt die Bedeutung der Partnerschaft. Er empfiehlt jedem, eine Reise in die USA. „Amerikaner haben ein anderes Weltbild, oft auch historisch geprägt eine andere Sicht auf die Dinge.“ Bei der Partnerschaft gehe es aber nicht um die große Politik. Deshalb sei die Präsidentenwahl für das Verhältnis zweitrangig. Persönlich hat der Rathauschef auf einen Erfolg Bidens gehofft. „Er hat unabhängig von Inhalten normale Umgangsformen.“

Saline liegt in Washtenaw County, einem Bezirk des US-Bundesstaats Michigan. Bürgermeister Brian Marl orientiert sich an den Demokraten. Washtenaw County gilt eher als demokratischer Bezirk. Das liegt nicht zuletzt am Verwaltungssitz Ann Arbor: In der Großstadt steht mit der University of Michigan eine Universität, an der etwa 46 000 Studierende eingeschrieben sind. Was andere "US-Allgäuer" zum Wahlabend sagen, lesen Sie hier.

Bilderstrecke

Allgäuer zur Trump-Wahl 2016