Möggers

„Ich bin eine freche Fahrerin“

Ski alpin Nach drei Kreuzbandrissen geht Ariane Rädler (24) aus Möggers mit viel Energie in ihre erste komplette Weltcup-Saison. Die Österreichische Meisterin hat große Erwartungen

08.06.2020 | Stand: 14:32 Uhr

Das Leben ist immer genau so, wie man es nimmt. Ariane Rädler hat das zu ihrem Lebensmotto gemacht. Und sie will aus allem immer möglichst das Beste machen. Die Dinge positiv sehen. Sich auch an Kleinigkeiten erfreuen. Und sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen, sondern stattdessen daraus gestärkt hervorzugehen.

So wie nach ihren Kreuzbandrissen. Dreimal innerhalb kürzester Zeit hat sich die 24-Jährige aus Möggers (Vorarlberg) die schwere Knieverletzung zugezogen, von denen sich so mancher Sportler nie richtig erholt. Sie schon. Anstatt zu resignieren, hat sie neue Kraft und Motivation geschöpft. „Ich bin mein ganzes Leben Ski gefahren. Aber durch die Verletzung habe ich das erst zu schätzen gelernt. Da habe ich gemerkt: Das ist das, was ich wirklich will. Da will ich vorne dabei sein“, sagt die Profi-Skifahrerin. Und sie ist auf dem besten Weg dorthin: Die Vorarlbergerin gehört dem A-Kader des Österreichischen Skiverbandes an und fährt im Weltcup. Morgen fliegt sie mit dem ÖSV-Team zum Trainingslager in die USA, von dort aus geht es weiter nach Kanada, wo am 6. Dezember der erste Weltcup stattfindet.

Ariane Rädler blieb eigentlich gar nichts anderes übrig, als Skifahrerin zu werden. Aufgewachsen ist sie unmittelbar am Luggi-Leitner-Lift – und damit nur wenige hundert Meter entfernt vom Ortsschild Scheidegg. Ihr Papa war Trainer beim örtlichen Skiclub. Mit zweieinhalb Jahren stand sie das erste Mal auf der Piste. Sie besuchte die Skihauptschule in Schruns-Tschagguns und danach die Skihandelsschule Stams. Mit 15 bestritt sie ihr erstes FIS-Rennen, mit 17 gab sie ihr Debüt im Europacup. Dann folgte der erste heftige Rückschlag: Im Sommertraining 2015 riss sie sich das Kreuzband im linken Knie. Nur vier Monate nach ihrem Comeback stürzte sie – und riss sich erneut das Kreuzband. Doch sie ließ sich nicht unterkriegen. „Du willst nicht aufgeben, weil du denkst, es kann noch was kommen“, blickt sie auf diese schwere Zeit zurück.

Und so kämpfte sie sich wieder zurück auf die Piste. Im Winter 2017/18 fierte sie in Garmisch-Partenkirchen endlich ihr Weltcup-Debüt in der Abfahrt. Das ist neben Super-G und Super-Kombination ihre Lieblingsdisziplin. Zweieinhalb Monate später, Ende April 2018, erlitt sie zum dritten Mal in ihrer noch jungen Karriere einen Kreuzbandriss. Wieder OP bei einem Kniespezialisten in Innsbruck, wieder Reha, wieder mehr als ein halbes Jahr Pause. Und wieder das Comeback.

Im Januar 2019 gewann sie in der Abfahrt in Cortina d’Ampezzo ihre ersten Weltcuppunkte, eine Woche später fuhr sie mit Rang 12 im Super-G in Garmisch ihre bis dato beste Platzierung ein. Und das vor den Augen von Freunden und Familie: Ein riesiger Fanclub aus Möggers reiste an, um die 24-Jährige zu unterstützen. „Das ganze Dorf steht hinter mir“, freut sich Rädler. Ein Grund, weshalb sie sagt: „Ich bin extrem gern daheim.“ Je mehr und je weiter sie durch die Rennen in der Welt unterwegs ist, desto mehr weiß sie die Behaglichkeit und die Ruhe zu schätzen. Man kennt sich, man hilft sich. Hier hat sie ihre Freundinnen, mit denen sie sich in ihrer Freizeit gerne trifft, Kaffee trinkt und über Gott und die Welt ratscht. Wenn sie darüber spricht, lacht sie viel und strahlt. Sie ist glücklich.

Diese positive Energie will sie auf die Piste bringen. Die Voraussetzungen sind gut. Erstmals seit vier Jahren konnte die Sportsoldatin eine Vorbereitung ohne Verletzung durchziehen. „Ich habe jetzt schon mehr Trainingstage als letzte Saison“, sagt Rädler, die gerne mit dem Rad durch das Westallgäu fährt, um Kondition aufzubauen. Dementsprechend ambitioniert geht sie in den Winter – trotz der großen internen Konkurrenz. Der ÖSV hat maximal neun Startplätze pro Weltcup zur Verfügung, aber deutlich mehr starke Fahrerinnen zur Auswahl.

„Ich erwarte mir schon einiges“, sagt sie. Mindestens in einer ihrer drei Disziplinen will sie beim Weltcup-Finale der Top 25 dabei sein. Vor allem im Super-G hat sie gute Chancen. Hier ist sie amtierende Österreichische Meisterin. „Ich bin eine freche Fahrerin und mag es, wenn es zu Sache geht. Eine die viel riskiert. Manchmal auch zu viel. Aber lieber scheide ich aus, anstatt mir hinterher zu denken, hättest du bloß...“, sagt sie. Nur nicht verzagen. Aus allem das Beste herausholen. Denn das Leben ist immer genau so, wie man es nimmt.