Röthenbach/Westallgäu

Inklusion im öffentlichen Verkehr stockt

Für behinderte Menschen ist es teilweise schwierig, mit der Bahn zu reisen. Die Höhenunterschiede zwischen Bahnsteig und Zug sind für Rollstuhlfahrer unüberwindbar. Das hat Monika Weigel aus Scheidegg jüngst erfahren, als sie als Betreuerin mit einer Gruppe behinderter Menschen von Röthenbach nach Nürnberg fuhr. Die Fahrt entpuppte sich als Katastrophe, sagt sie rückblickend. Inklusion im öffentlichen Verkehr finde nicht statt, sagt Weigel empört. „Das ist sehr beschämend im 21. Jahrhundert in einem Bundesland wie Bayern.“

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Von von Anja Worschech
13.10.2019 | Stand: 16:13 Uhr

Ihr Erlebnis bezieht sich auf einen Ausflug Ende Juli. Die Gruppe, zwölf Teilnehmer mit körperlichen und geistigen Einschränkungen, davon drei Rollstuhlfahrer, sowie sechs Begleitpersonen waren ordnungsgemäß beim Mobilitätsservice der Deutschen Bahn angemeldet. Der Alex-Zug fiel jedoch kurzfristig aus. Obwohl die Gruppe das dem Mobilitätsservice mitgeteilt hatte, konnte dieser keine Einstiegshilfe für den nächsten Zug gewährleisten. Der nächste Verbindung war ein Regionalexpress. Die Rollstuhlfahrer erhielten daher keinerlei Einstiegshilfe seitens des Bahnhofs- und Zugpersonals. Als Erklärung hieß es, dies liege an fehlender Belegschaft und zum anderen passen die beiden Hublifte am Bahnhof nur bei Alex-Zügen.

Mehrere Rollstuhlfahrer waren daher gleichzeitig darauf angewiesen, von anderen Zugreisenden in den Zug gehievt zu werden. Diese Prozedur sei für die Betroffenen mit erheblichen Schmerzen verbunden gewesen. „Ich empfand diese Situation als absolut würdelos“, sagt Weigel. Fast schon höhnisch kam ihr die Durchsage des Deutschen-Bahn-Mitarbeiters vor, der die Fahrgäste aufforderte, sich auf alle Zugeingänge zu verteilen, um die Abfahrt nicht zu verzögern. In Augsburg fand sich die Reisegruppe zudem an einem Bahnsteig wieder, der weder Zugang zu einem Aufzug noch zu einer Rampe hatte, was Toilettengänge während der zweistündigen Wartezeit für manche Personen unmöglich machte, erzählt Weigel. Inklusion muss auf allen Ebenen stattfinden, fordert sie. In der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und im öffentlichen Verkehr. „Es muss in der heutigen Zeit möglich sein, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen in Deutschland barrierefrei reisen können, ohne dass derart absurde Situationen entstehen.“ Nicht die körperliche Behinderung der Person ist das Problem, sondern die Behinderung von Personen an gesellschaftlicher Teilhabe – durch Barriereunfreiheit, lautet Weigels Fazit. Ein Sprecher der Deutschen Bahn bedauert die unglückliche Verkettung von Umständen. „Die Deutsche Bahn setzt sich wie kaum ein anderes Verkehrsunternehmen in Deutschland für die Belange von Behinderten ein – und ist ein niederschwelliger Mobilitätspartner.“ Der Sprecher weist darauf hin, dass sich die Mobilitätszentrale nur aus Kulanz um die Ein- und Ausstiegshilfen bei Konkurrenzzügen wie dem Alex kümmere. Wenn ein Zug kurzfristig ausfalle, bekommt die Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn das nicht mit. Es benötige einen erneuten Anruf, damit den Reisenden geholfen werden könne. In diesem Fall funktionierte das offenbar nicht. Auch der Sprecher der Alex-Länderbahn Jörg Puchmüller räumt ein: „Das ist suboptimal gelaufen.“ Er sieht das aber als Einzelfall und nicht als die Regel.

DB Mobilitätsbeauftragter Karl-Heinz Holzwarth sagte kürzlich bei einer Tagung in Marktoberdorf, dass es noch viele „weiße Flecken“ bei der Barrierefreiheit in der Region gebe. Von bayernweit mehr als 1000 Bahnhöfen sind etwa 435 barrierefrei. Im Westallgäu soll der Bahnhof in Hergatz bis 2020 barrierefrei sein, die Haltestellen in Hergensweiler, Schlachters und Weißensberg bis 2025. Er räumte ein, dass man das Thema in den vergangen Jahrzehnten unterschätzt habe und nun einiges aufzuholen sei.