Adventsserie Teil 2

Lichter im Advent: Diese Dinge bereiten Westallgäuern Freude

"Lichter im Advents" erzählt von den kleinen Freuden der Westallgäuer in der weihnachtlichen Zeit.

"Lichter im Advents" erzählt von den kleinen Freuden der Westallgäuer in der weihnachtlichen Zeit.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolbild)

"Lichter im Advents" erzählt von den kleinen Freuden der Westallgäuer in der weihnachtlichen Zeit.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolbild)

Wegen Corona ist in diesem Advent vieles anders. Es ist mehr Zeit für die wesentlichen Dinge. Westallgäuer teilen mit uns, was ihnen im Advent Freude bereitet.
13.12.2020 | Stand: 07:00 Uhr

Ein Advent ohne Märkte, Konzert und Krippenspiel: Viele vorweihnachtliche Traditionen und Rituale bleiben den Menschen wegen der Pandemie verwehrt. Darum möchte die Heimtazeitung bis Weihnachten täglich „Kleine Lichter im Advent“ entzünden und hat verschiedene Westallgäuer gebeten, gute Gedanken, Impulse, Erlebnisse und Ideen mit den Leserinnen und Lesern zu teilen.

„Man kommt wieder näher an die Natur“

Rick Frommknecht sucht und findet Ruhe im winterlichen Wald.
Rick Frommknecht sucht und findet Ruhe im winterlichen Wald.
Bild: Benjamin Schwärzler

Rick Frommknecht ist der Vorsitzende des Klausen- und Bärbelevereins Westallgäu. Die 33 Mitglieder wären dieser Tage eigentlich auf etlichen Umzügen und Brauchtumsveranstaltungen unterwegs. „Mir fehlt es sehr stark. Wir haben immer nur die Weihnachtszeit. Es ist gar nicht einfach, den Adventszauber dadurch nicht zu verlieren“, sagt er.

Umso stärker fühlt sich der 33-jährige Pilzsachverständige zur Natur hingezogen und freut sich auf lange Spaziergänge mit seiner Familie. Denn neben Kälte bringt der Winter auch Ruhe mit sich. Ruhe vom Alltag, von der Hektik der Arbeitswelt. „Der Schnee schluckt die Nebengeräusche. Wenn man ganz genau hinhört, hört man Geräusche, die man sonst nicht hört: Vögel zwitschern, der Wind pfeift durch die Bäume“, sagt er.

Und nicht nur das: „Wenn im Winter weniger Menschen im Wald unterwegs sind, legen die Tiere ihre Scheu ab. Dann sieht man einen Fuchs, einen Dachs oder einen Specht. Man kommt wieder näher zur Natur“, sagt der junge Familienvater aus Irsengund (Oberrreute).

Die ungewohnte Ruhe, die mit dem Lockdown einhergeht, will der 33-Jährige auch nutzen, um sich Zeit zu nehmen und das Jahr Revue passieren zu lassen: „Es war für alle turbulent – und jeder hat seine eigene Geschichte.“ Und das am besten vor dem warmen Kachelofen sitzend, während das Holz knistert.

Für jeden Glücksmoment eine Bohne

Irmgard Wehle-Woll geht mit Achtsamkeit durch die Adventswochen.
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Bild: Irmgard Wehle-Woll

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Irmgard Wehle-Woll, Seniorenberaterin bei der Caritas-Sozialstation Westallgäu, sieht den Advent als eine Zeit, in der etwas Ruhe einkehrt. „Ganz bewusst möchte ich heuer die Zeit nutzen, um mich noch mehr in Achtsamkeit zu üben“, sagt sie. Dass sich in vielen ihrer Hosen- und Jackentaschen Bohnen finden, hat mit der Bohnengeschichte zu tun.

In dieser Geschichte zählt eine alte Frau ihre Glücksmomente am Tag, indem sie Bohnen bei jeder schönen Begebenheit von der rechten in die linke Hosentasche steckt. Die Bohnen der linken Hosentasche erinnern sie am Abend an die schönen Augenblicke und freudigen Begegnungen des zu Ende gehenden Tages.

„Es sind meist Kleinigkeiten“, sagt Wehle-Woll, „welche meine Bohnen in die linke Tasche wandern lassen: der Genuss eines feinen Tees, der schöne Sonnenuntergang, der kleine Spaziergang ums Dorf, der Anruf eines lieben Menschen, das freundliche Zunicken auf der Straße, die freche Amsel im Garten oder das gute Gespräch in der Arbeit.“

Irmgard Wehle-Woll zündet in der Adventszeit – auch bei der Arbeit in der Sozialstation – immer wieder eine Kerze an. „Ich denke dabei oft an mir bekannte Personen, die gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens sind, und fühle mich mit ihnen verbunden. Und wenn ich am Abend den „24 gute Taten“-Adventskalender von unserer Tochter aufmache, überkommt mich eine große Dankbarkeit darüber, wie gut es uns doch geht“.

Krippenspiel im lebendigen Stall

Für Schwester Gudrun Reichart gehört Backen und Basteln zur Aventszeit dazu.
Für Schwester Gudrun Reichart gehört Backen und Basteln zur Aventszeit dazu.
Bild: Gemeinde Oberstaufen

Schwester Gudrun Reichart, Leiterin des Kinderheims St. Maria in Oberstaufen stellt fest: Auch dort gibt es viel mehr Zeit im Advent. Sonst prägen regelmäßige Trainings, Weihnachtsbasare in den Schulen, Advents- und Nikolausfeiern im Sportverein und „viele andere schöne Angebote“ die Adventszeit der 28 Kinder im Alter zwischen zwei und 18 Jahren. Jetzt könne die ganze Wohngruppe jeden Abend ihre Adventsgeschichte lesen. Auch das Öffnen des Adventskalenders gehöre zum Tagesablauf. „Ohne die vielen Abendtermine können alle Kinder daran teilnehmen. Das schafft ein schönes Miteinander“, kann Schwester Gudrun den besonderen Umständen im Corona-Jahr 2020 auch Positives abgewinnen.

Der Nikolaus kam heuer unter freiem Himmel. Für dessen Besuch haben die Mädchen und Buben dennoch Lieder und Gedichte eingeübt. Nicht zuletzt dekorierten Kinder und Mitarbeiter die Räume adventlich – „immer heller und weihnachtlicher bis hin zum Weihnachtsfest“. Auch das Basteln von Weihnachtsgeschenken, das Schreiben und Verschicken von Weihnachtskarten prägt diese Tage. Und nicht zuletzt: „Wir backen ganz in Ruhe Laible.“

Auf ein Ereignis freut sich Schwester Gudrun heuer besonders: Das Krippenspiel am Heiligen Abend, das die Kinder und Jugendlichen in den nächsten Wochen vorbereiten. Denn es findet „im lebendigen neuen Stall“ statt, den das Kinderheim in diesem Jahr erstellt und erst kürzlich eingeweiht hat.

Weniger ist mehr in diesen Zeiten

Artur Tronsberg, Leiter der Musikschule Lindenberg, erfreut sich in der Adventszeit an Kleinigkeiten.
Artur Tronsberg, Leiter der Musikschule Lindenberg, erfreut sich in der Adventszeit an Kleinigkeiten.
Bild: Ingrid Grohe

Artur Tronsberg, Leiter de Musikschule Lindenberg und Dirigent der Stadtkapelle, entdeckt auch in der schwierigen Zeit der Pandemie Positives. „Es wird einfacher, sich wieder an Kleinigkeiten zu erfreuen“, sagt er. „Weniger ist oft – oder gerade – sehr viel.“ (Lesen Sie auch: Musikschule Lindenberg schenkt für jeden Tag bis Weihnachten eine Melodie)

Die Wertschätzung von Musik hat sich nach Beobachtung von Tronsberg geändert. „Es ist nicht mehr so wichtig, wie gut sich Live-Musik anhört, Hauptsache es gibt sie noch!“ Eine gute Zeit erleben könne man auch mit weniger hohem Anspruch. „Man kann Musik auch im Kleinen, vielleicht sogar nur ganz für sich selbst machen oder genießen.“

Wichtig ist Artur Tronsberg auch die Zeit mit Freunden – „vor allem mit guten“. Gespräche bei einem Kässpätzleessen nur zu viert empfindet er als „echt, ehrlich und wertvoll“.

In normalen Jahren nimmt die Musik einen breiten Raum im Leben von Artur Tronsberg ein. Dass es 2020 nicht so war, gab ihm Gelegenheit, sich Gedanken zu machen, wo er sich sonst noch einbringen könnte. „Ich habe zum Beispiel meinen Söhnen oft bei Wohnungsumbau und Hausbau geholfen.“ Dabei habe er deutlich gespürt, dass das Leben weitergeht. „Für die Zukunft glücklicher und zufriedener Kinder und Enkelkinder zu arbeiten, ist etwas sehr Nachhaltiges und Schönes!“

Zeit, über das eigene Leben nachzudenken

Ingrid Kirchmann findet: Dieser besondere Advent regt an, in die Stille hineinzuhören.
Ingrid Kirchmann findet: Dieser besondere Advent regt an, in die Stille hineinzuhören.
Bild: Kirchmann

Ingrid Kirchmann, Vorsitzende des Pfarrgemeinderats Gestratz, sieht es als große Chance an, dass die Vorbereitungszeit auf Weihnachten heuer ganz anders aussieht. Schließlich entfalle ein Großteil des üblichen Vorweihnachtstrubels, stellt sie fest. Das lasse Raum, „die Wochen in Erwartung des Geburtsfestes Jesu als ruhige, wirklich besinnliche und intensive Zeit zu gestalten“. Ingrid Kirchmann ist überzeugt, jetzt sei Zeit für eine Reflexion des eigenen Lebens. „Mit Gott verbundene Menschen müssen auch damit rechnen, in der Stille Unerwartetes oder auch Unangenehmes zu hören“, sagt sie. (Wie Westallgäuer Weihnachtsgottesdienste in Corona-Zeiten ablaufen, erfahren Sie hier.)

Das Angebot der Pfarreiengemeinschaft betone den ruhigen Charakter dieses besonderen Advents. Sie lädt an den Adventssonntagen von 17 bis 19 Uhr unter dem Motto „Licht im Advent“ zum persönlichen Gebet in die Pfarrkirchen Röthenbach und Maierhöfen ein, während die Pfarrkirche Gestratz noch wegen der Renovierung geschlossen ist. Das heller werdende Licht des Adventskranzes ist für Ingrid Kirchmann „das Licht schlechthin“, denn „es symbolisiert für mich die wachsende Vorfreude, bis wir an Weihnachten das Kommen Jesu feiern dürfen“. Er sei schließlich das „Licht der Welt“. Ingrid Kirchmann wünscht sich „und uns allen den Mut zum Warten und zur Stille, ein hörendes Herz und die Vorfreude am Licht des Adventskranzes“.

Zeit, die Natur und das Leben zu spüren

Werner Specht kommen während der Adventszeit neue Musikideen.
Werner Specht kommen während der Adventszeit neue Musikideen.
Bild: Anna Specht

Werner Specht geht mit seiner Frau Gisela jeden Tag spazieren. „Am liebsten in Burkartshofen. Da gibt es eine schöne Waldrunde“, sagt der Lindenberger Musiker, Dichter und Maler. „Wir gehen bei jedem Wetter, damit man was spürt.“ Etwas gespürt zu haben, sei auch fürs Malen wichtig, sagt er. Ein weiteres tägliches Ritual pflegen die Spechts: Abends spielen sie eine Stunde lang das Kartenspiel Sechsundsechzig.

Jetzt, da keine Auftritte stattfinden und Werner Spechts Ausstellung in der Kulturfabrik verschoben wurde, hat er viel Zeit. „Seit meiner Jugend bin ich viel Action gewohnt.“ Dem nachzujammern oder Ablenkung im Fernsehen zu suchen, kommt für ihn nicht in Frage. Stattdessen malt und zeichnet Werner Specht in diesen Wochen viel. „Ich spüre, wie sich meine Bildideen in dieser Zeit geändert haben“, sagt er.

Auch die Musik nimmt viel Raum ein. „Ich bastle an Liedern und habe die Akkordzither wieder rausgeholt. Die hat den schönen Klang der Harfe und vermittelt das Gefühl der Weihnachtstzeit.“ Specht sagt über den außergewöhnlichen Advent: „Man findet jetzt Zeit, das Leben zu spüren.“ Abends sitzt er am Kachelofen – „und unsere Katzen Lilo und Lilly steigern das Wohlgefühl“. Und wenn er in die kalte Welt hinausschaut, fällt ihm eines seiner Lieder ein. Eine Zeile daraus lautet: „Kolter Freind, i ma di. Deck doch iser Land mit Stille zu.“

Lesen Sie dazu: Lichter im Advent: Diese Dinge bereiten Westallgäuern Freude - Teil 1.