Alpenjazz

Matthias Schriefl bringt junge Jazzer nach Stiefenhofen

Schriefl und das Bujazzo

Matthias Schriefl (ganz rechts) trat in Stiefenhofen mit dem Bundesjazzorchester auf.

Bild: Markus Noichl

Matthias Schriefl (ganz rechts) trat in Stiefenhofen mit dem Bundesjazzorchester auf.

Bild: Markus Noichl

Matthias Schriefl pflegt in Stiefenhofen alte Freundschaften. Bei einem Konzert mit dem Bundesjazzorchester lässt er Weltbilder musikalisch zusammenkrachen.
03.08.2021 | Stand: 12:13 Uhr

„Alpenjazz“ – unter diesem Stichwort bringt Matthias Schriefl zwei Welten zusammen, die sich bisher relativ distanziert gegenüberstehen: alpenländische Volksmusik und der Jazz-Kosmos. Seine Mitstreiter sind die jungen Musiker und Musikerinnen des Bundesjazzorchesters (BuJazzO), dessen bisher jüngstes Mitglied Schriefl einst im Alter von 15 Jahren war. Eine Woche lang haben nun der inzwischen mit vielen Preisen ausgezeichnete Multiinstrumentalist, Komponist und Arrangeur aus dem Oberallgäu und das BuJazzO an der Musikakademie Marktoberdorf geprobt – und dann bei einer Tour durchs Allgäu das Publikum von den Stühlen gerissen. Auch beim Auftritt in Stiefenhofen standen am Ende die Zuhörerinnen und Zuhörer und feierten das Projekt.

Für diese Musik gibt es keine Schublade

Ein Schlagwort oder gar eine Schublade für diese Musik gibt es nicht. In ihr vereinen sich Improvisationslust des Jazz mit symphonischen Klangflächen und klassischer Kompetenz bei Komposition und Arrangement. Schriefl versprüht seine Kreativität nicht gegen, sondern mit traditionellen Blaskapellen, er gibt für sie auch Workshops. Und so sitzt zunächst die Musikkapelle Stiefenhofen auf der Bühne, die ein solches Projekt mit Matthias Schriefl bereits genossen hat und sich seitdem mit dem kreativen Musiker eng verbunden fühlt. Eine halbe Stunde zeigen die Stiefenhofener, was sie können. Zweimal kommt Schriefl dazu, greift auch mal zur Tuba, veredelt und verfremdet etwa den „Maxglaner Zigeunermarsch“ von Tobi Reiser und ein Ländler-Potpourri.

Sängerinnen und Sänger sorgen für Gänsehaut

Dann kommen gut 20 Musikerinnen und Musiker vom BuJazzO dran. Im Einsatz sind an diesem Abend doppelt so viele, denn sie wechseln häufig. Vor dem Projekt an der Musikakademie in Marktoberdorf standen sie eine Durststrecke von 509 Tagen ohne Auftritt durch. Und so brennen die Teens und Twens vor Spielfreude. Da sind Saxer, die auch zur Querflöte wechseln. Den Klang veredeln Geige und Bratsche. In der Rhythmusgruppe arbeiten Kontra- und E-Bass, Gitarre und zwei Schlagzeuger, die sich mal ergänzen, mal verdichten.

Eine eigene Besprechung wert wären die Sängerinnen und Sänger. Egal ob solo oder im Ensemble mit bis zu acht Stimmen: Man wurde die Gänsehaut nicht mehr los.

An Trompete oder Tuba ist Schriefl diesmal nur kurz zu hören. Er dirigiert, organisiert und motiviert. Wie immer in seinen Programmen ist auch dieses eine krasse Begegnung von Ernsthaftigkeit und Humor. Da verwandeln sich Ländler in Klanggemälde, die sich meditativ ins Unendliche ziehen – breit wie der Ganges. Aber Schriefl liebt auch das organisierte Chaos, egal ob damit das „Kuddelmuddel Köln“ beschrieben wird, eine schlecht gelaunte Kuhherde oder ein missratenes Wiener Schnitzel. Ein Ohrwurm wie der alte Schlager „Bei mir bist du schön“ bekommt durch ein Intro im 9er-Takt eine mystische Aura.

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Mystisch auch das Finale, zu dem gleich fünf Alphörner ertönen, erhaben dazu der Oberton-Gesang. Aber natürlich bleibt es nicht dabei. Bald fangen die Hörner an, jazzig zu grooven, quietschen übermütig in den höchsten Tönen.

Was es auf der Hütte sonst noch so gibt

Kabarettistisch nimmt sich Schriefl allerhand vor, unter anderem unsere Nachbarn. Im Marsch „Dem Land Tirol die Treue“ wird dieses gefeiert als „das Land, in dem ich gerne tanke“. In „Auf der Steinseehütte“ wird nicht nur auf Hüttengaudi gemacht und das Bierglas geschwenkt, sondern zwischendurch auch zackig marschiert, bevor man in einen wilden, freien Groove wechselt. Da krachen Welten und Weltbilder zusammen, lustvoll und zerstörerisch. Die Mischung könnte verwegener und gelungener nicht sein.

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