Noch freie Ausbildungsplätze

"Nachwuchs ist das Wichtigste im Handwerk": Westallgäuer Azubis und Betriebe erzählen vom Ausbildungsstart

Diese fünf Azubis aus dem Westallgäu haben gerade ihre Ausbildung begonnen. Viele Unternehmen und Handwerksbetriebe suchen aber noch nach Lehrlingen.

Diese fünf Azubis aus dem Westallgäu haben gerade ihre Ausbildung begonnen. Viele Unternehmen und Handwerksbetriebe suchen aber noch nach Lehrlingen.

Bild: Ralf Lienert (Ralf Lienert)

Diese fünf Azubis aus dem Westallgäu haben gerade ihre Ausbildung begonnen. Viele Unternehmen und Handwerksbetriebe suchen aber noch nach Lehrlingen.

Bild: Ralf Lienert (Ralf Lienert)

Hunderte Lehrstellen im Landkreis Lindau sind noch unbesetzt. Fünf junge Menschen aus dem Westallgäu sind gerade ins Berufsleben gestartet - und begeistert.
14.09.2021 | Stand: 05:47 Uhr

Die einen haben ihre Ausbildung bereits begonnen, die anderen sind auch nach dem offiziellen Start am 1. September noch auf der Suche nach einer passenden Lehrstelle. „Vereinzelte freie Ausbildungsplätze gibt es immer“, sagt Diana Scharf, Geschäftsstellenleiterin der Handwerkskammer Schwaben in Lindau. Die Corona-Pandemie habe die Situation aber verschärft.

Laut der Agentur für Arbeit waren Ende August 229 Lehrstellen im Landkreis Lindau unbesetzt. 32 Jugendliche, die sich auf ihrer Suche bei der Beratungsstelle gemeldet hatten, waren zu diesem Zeitpunkt noch ohne Ausbildung. „Vor allem Hotel- und Gastronomiebetriebe suchen noch Auszubildende“, sagt Monika Ambronn, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen.

Corona-Pandemie bremst Ausbildungsbetriebe und junge Menschen aus

Dem stimmt Markus Anselment, Regionalgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, zu. Während der Pandemie hätten sich viele Jugendliche umorientiert, die am Hotel- und Gaststättengewerbe interessiert waren. Am Arbeitsmarkt gefragt seien außerdem Industriemechaniker und Elektroniker. Anselment sagt: „Hier hat sich der Fachkräftemangel weiter verstärkt.“

Im Friseurhandwerk sehe die Situation anders aus. Diana Scharf von der Handwerkskammer sagt: „Viele Betriebe befürchten erneute Corona-Beschränkungen und stellen deshalb weniger Auszubildende ein.“ Zahlreiche Bewerberinnen und Bewerber seien hier ohne passende Lehrstelle geblieben.

Manche Betriebe hätten außerdem bis kurz vor Ausbildungsstart mit den Zusagen gewartet, sagt Scharf. „Die Verträge gehen in diesem Jahr verzögert ein.“ Im Handwerk sei dafür auch der aktuelle Mangel an Baumaterialien wie Stahl oder Holz der Grund. Im Landkreis Lindau gab es in den Vorjahren meist etwa 22 Zimmererlehrlinge, in diesem Jahr seien es nur 18.

Lesen Sie auch
##alternative##
Junge Allgäuerinnen im Handwerk

"Wir bilden das erste Mal eine Frau aus"

Die gute Nachricht: Wer eine Ausbildungsstelle sucht, kann auch jetzt noch fündig werden. Neben dem Besuch von Lehrstellenbörsen rät Scharf zur Initiativbewerbung. Sie sagt: „Das muss nicht immer eine riesige Mappe sein, auch eine Kurzbewerbung kann reichen und kommt bei vielen Betrieben gut an.“

Als Frau in einer Männerdomäne tätig - Eva Pfanner lässt sich bei Meckatzer zur Mechatronikerin ausbilden

Was macht eine 19-jährige junge Frau mit dem Abitur in der Tasche? Typischerweise geht sie studieren. Eva Pfanner aus Simmerberg hat sich für einen ganz anderen Weg entschieden: „Ich möchte weg von der Theorie“, sagt sie bestimmt. Und weil sie „auf jeden Fall etwas Handwerkliches“ machen möchte, hat sie jetzt eine Ausbildung zur Mechatronikerin bei der Meckatzer Löwenbräu begonnen. In der dortigen Werkstatt ist sie Teil eines siebenköpfigen Teams – und die einzige Frau.

Bereits während ihrer Zeit am Gymnasium Immenstadt hat Eva Pfanner sich für „typische Männerberufe“ interessiert und über die „Girls Day Akademie“ der Agentur für Arbeit auch in zahlreiche Betriebe hineingeschnuppert. Beworben hat sie sich dann bei zahlreichen Werkstätten um eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin – und hat nicht eine einzige Antwort bekommen.

Eva Pfanner
Eva Pfanner
Bild: Olaf Winkler

Von der Möglichkeit einer Ausbildung in der Brauerei hat sie durch Zufall von einem Bekannten erfahren. Ein Ferienjob dort beseitigte die letzten Zweifel. Eva Pfanner erhält bei Meckatzer sowohl in die Schlosserei als auch in die Elektrowerkstatt Einblick. Und auch die EDV gehört zu ihrer dreieinhalb Jahre dauernden Ausbildung. Die Berufsschule besucht sie in dieser Zeit in Kempten.

Sich durchzusetzen, das hat die junge Frau nicht zuletzt in der Freizeit gelernt: Da betreibt sie Thai-Boxen. Doch auch das Klavierspielen gehört zu ihren Hobbys. Viele Gedanken hat sie sich im Vorfeld gemacht, wie ihre Umwelt auf ihre Berufswahl reagiert. Und sie hat für sich Erstaunliches festgestellt: „Die Männer finden das toll, die Frauen weniger.“ So hat sie zeitweise auch in einer Bäckerei gejobbt und dort hauptsächlich mit Frauen gearbeitet. „Und die haben es überhaupt nicht verstanden, dass ich ins Handwerk gehe“, sagt sie.

Bei der Brauerei hingegen hat sie mit ihrer Bewerbung offene Türen eingerannt. „Bei uns zählt die Leidenschaft, nicht das Geschlecht“, sagt Marketingleiter Markus Horn. Eva Pfanner habe „als Person überzeugt“. Sie habe ein gesundes Selbstwertgefühl. „So jemand wünscht man sich im Team“, sagt Horn. Insgesamt sei es dem Unternehmen mit seinen 130 Mitarbeitenden gelungen, heuer alle Ausbildungsplätze zu besetzen.

(Lesen Sie auch: "Wir bilden das erste Mal eine Frau aus" - Vorurteile gegen Handwerkerinnen sollten im "21. Jahrhundert kein Thema mehr sein")

„Ich schaff’ am liebsten mit Holz“ - Felix Wägele wird Schreiner in Maierhöfen

An der Verbundschule in Isny hat Felix Wägele seinen Hauptschulabschluss gemacht. Weiter die Schulbank drücken kam für ihn nicht in Frage. Denn er wusste schon früh, was er wollte: „Ich schaff am liebsten mit Holz“, sagt der 16-Jährige. In die Wiege gelegt hat ihm diese Leidenschaft sein Vater, der selbst Schreiner ist. In seiner kleinen Werkstatt hat auch Felix die ersten Kontakte zum Baustoff Holz geknüpft. Nun hat er bei der Schreinerei Georg Spieler in Maierhöfen seine Ausbildung begonnen.

Drei Praktika hat der heute 16-Jährige während seiner Schulzeit gemacht. Weil er gerne Fahrrad fährt und auch „gern schraubt“, hat er sich dabei auch eine Fahrradwerkstatt angeschaut. Aber auch in der Schreinerei von Georg Spieler hat er ein Praktikum absolviert. Das war noch vor Beginn der Corona-Pandemie. Schnell waren sich alle Beteiligten einig und der Ausbildungsvertrag war abgeschlossen. Bevor Felix jetzt im Betrieb mit seiner Ausbildung begonnen hat, hat er ein Jahr lang das Berufsgrundschuljahr in Wangen besucht. Künftig besucht er die Berufsschule in Immenstadt.

Felix Wägele
Felix Wägele
Bild: Olaf Winkler

Der 16-Jährige ist sicher, den richtigen Betrieb gewählt zu haben. Denn er möchte vor allem Möbel schreinern. Hier sieht er gute berufliche Zukunftschancen, denn: „Immer mehr Leute wollen keine Billigmöbel mehr und dann gehen sie zum Schreiner“, ist er überzeugt.

Das erlebt auch Georg Spieler so. 1994 hat er sich selbstständig gemacht. 2010 hat er seinen Betrieb im Gewerbegebiet „Am Gehrenbach“ in Maierhöfen gebaut. Der Treppenbau und der Innenausbau sind die zwei Schwerpunkte seines Betriebes, in dem er aktuell sieben Mitarbeiter beschäftigt. Hotelzimmer haben er und sein Team ebenso schon ausgebaut wie zuletzt die Kinderkrippe in Grünenbach. Zuletzt hat der Betrieb mit Gallus Wille einen Innungssieger hervorgebracht.

„Vielleicht klappt das ja noch einmal“, sagt Georg Spieler, der sich darauf vorbereitet, seinen Familienbetrieb an seine Söhne Thomas und Markus zu übergeben. Spieler ist überzeugt: „Der Nachwuchs ist das Wichtigste im Handwerk.“ Bestätigen sich alle guten Eindrücke, dann kann Felix Wägele nach einer erfolgreichen Ausbildung in zwei Jahren hier als Geselle weiterarbeiten.

Ausbildung in der Pflege mit 28 Jahren - Andrea Kanski ihre Ausbildung später als andere

Schon während ihrer Schulzeit in Aichach hat Andrea Kanski im Pflegebereich gejobbt – inspiriert von ihrer Mutter, die als Pflegedienstleiterin arbeitet. Mit der Mittleren Reife stieg sie dann als Vollzeitkraft in den Beruf ein, absolvierte damals aber keine Ausbildung. Die will sie nun nachholen.

Der Liebe wegen lebt Andrea Kanski seit einigen Jahren in Lindenberg. Inzwischen ist sie verheiratet und hat drei kleine Kinder. Wie gut sich das mit einer Ausbildung verbinden lässt, will sie in den nächsten Monaten testen. Der Pflegebereich bietet ihr die Chance dazu. Denn die Ausbildung zur Pflegefachhelferin dauert nur ein Jahr. In dieser Zeit stehen zunächst zwei Wochen Blockunterricht an, später dann zwei Tage Unterricht pro Woche in Isny. Ergänzend muss sie Praxisstunden nachweisen. Die absolviert sie im Seniorenzentrum St. Martin in Lindenberg. Hier hat sie schon seit 2016 als ungelernte Pflegehelferin gearbeitet.

Andrea Kanski
Andrea Kanski
Bild: Olaf Winkler

Das Ziel der heute 28-Jährigen: Sie will eine examinierte Fachkraft sein. Das setzt zwei weitere Jahre Ausbildung voraus. Ob sie das direkt nach dem ersten Jahr in Angriff nimmt, weiß sie noch nicht: „Mal sehen, wie das alles funktioniert.“

Die Arbeit in der Pflege hat sie nie in Frage gestellt. „Ich mag alte Menschen“, beschreibt sie ihre Motivation. Sie habe Achtung vor deren Lebensleistung und wolle sie würdevoll auf deren letzten Lebensabschnitt begleiten. Mit ihrer offenen Art kommt sie bei den Bewohnerinnen und Bewohnern im Seniorenzentrum gut an: „Sie ist eine tolle Mitarbeiterin“, sagt Pflegedienstleiter Michael Maass.

Die auf den ersten Blick späte Ausbildung sei durchaus typisch im Pflegebereich. Oftmals entschließen sich gerade Frauen dazu, häufig auch Quereinsteigerinnen. Wie im Fall von Andrea Kanski unterstützt die Agentur für Arbeit diesen Weg. So hat die 28-Jährige während der Ausbildung keinen finanziellen Nachteil gegenüber ihrem bisherigen Lohn. Anschließend kann sie hingegen mit mehr Geld rechnen, denn als Pflegefachhelferin verdient sie mehr. Nicht zuletzt freut sich Andrea Kanski darauf, dann dank mehr Wissen und Können auch mehr Verantwortung übernehmen zu können. Denkbar sind am Ende der Ausbildung beispielsweise Schichtleitungen.

Begeistert von den großen Fahrzeugen - Maria Schwarz wird Berufskraftfahrerin

Wenn Maria Schwarz vor dem Lastwagen steht, in dem ihr Namensschild hinter der Windschutzscheibe hängt, überragt das Fahrzeug sie um fast das Doppelte. Schwarz kommt aus Missen, ist 1,57 Meter groß, 18 Jahre alt und macht seit diesem Monat eine Ausbildung bei der Max Müller-Spedition in Opfenbach zur Berufskraftfahrerin.

Für Schwarz ist das ein Traumberuf. „Ich wollte in diese Richtung gehen, seit ich zwölf bin“, sagt sie. „Ich habe als Kind nie mit Puppen gespielt, immer mit Autos.“ Als junge Frau ist sie als Berufskraftfahrerin zwar noch eine Ausnahme, aber: „Wir haben und hatten einige weibliche Auszubildende in diesem Beruf – und nie schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Michael Speer, Prokurist bei Max Müller. Häufig habe er sogar positive Rückmeldungen auf die Lkw-Fahrerinnen bekommen.

Maria Schwarz
Maria Schwarz
Bild: David Specht

Dennoch sei er aufgrund ihrer Größe zunächst skeptisch gewesen, als Maria Schwarz von ihren Plänen erzählt habe. Es sind schließlich keine kleinen Fahrzeuge, die sich auf dem Parkplatz des Unternehmens aneinanderreihen. Also schickte Speer sie probeweise zwei Tage mit erfahrenen Mitarbeitern im Lastwagen mit. „Sie kam danach mit so einer Begeisterung zurück“, sagt Speer. „Da habe ich gewusst, dass der Beruf zu ihr passt.“

Speer und Schwarz kennen sich seit mehr als drei Jahren. Nach ihrem Abschluss an der Mittelschule Lindenberg fing Schwarz als 15-Jährige bei Max Müller eine Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik an. Zu dem Unternehmen kam sie durch ein Praktikum. Das absolvierte sie zunächst im Büro, merkte aber schnell, dass ihr die Arbeit im Lager besser gefiel – und die Arbeit in der Fahrerkabine noch besser. Für den Lkw-Führerschein muss sie volljährig sein. Nächsten Monat will die 18-Jährige anfangen. Bezahlt wird er vom Unternehmen.

Auf die Frage, was ihr an der Arbeit so gefällt, antwortet Schwarz ohne zu überlegen: das große Fahrzeug. „Das Geräusch des Motors ist einfach super“, schwärmt sie. Außerdem lerne man die Gegend, manchmal sogar die Welt kennen.

(Lesen Sie auch: 19-jährige Allgäuerin über ihren Traumberuf Landwirtin: Das ist jeden Tag mein schönster Moment)

Eine Bewerbung hat gereicht - Jana Lovnicki startet ihre Karriere im Ratshaus von Weiler-Simmerberg

Wie deutlich sich die Situation für junge Menschen in den letzten Jahren geändert hat, zeigt das Beispiel von Jana Lovnicki: Mussten Schulabgänger früher oft 100 Bewerbungen und mehr verschicken, um einen der begehrten Ausbildungsplätze zu bekommen, reichte der 18-Jährigen ein einziges Schreiben. Das schickte sie an das Rathaus ihrer Heimatgemeinde Weiler-Simmerberg. Den folgenden Einstellungstest meisterte sie mit Bravour – und so absolviert die junge Frau aus Simmerberg nun ihre Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten in der Gemeindeverwaltung.

Vor allem Vielseitigkeit in den Aufgaben erhofft sich die 18-Jährige: In einem Rathaus dreht sich schließlich alles um die unterschiedlichsten Anliegen der Bürger. So freut sie sich auf das Lernen in den verschiedenen Abteilungen vom Bauamt über das Einwohnermelde- und das Hauptamt bis hin zur Kasse. Und sie hat auch schon erfahren, dass sie bei Sitzungen des Marktgemeinderates Protokoll führen soll.

Jana Lovnicki
Jana Lovnicki
Bild: Olaf Winkler

Bei ihren ersten Einsätzen am Telefon hat die Simmerbergerin mit deutscher, polnischer und kroatischer Staatsbürgerschaft erlebt, wie speziell die Anliegen der Bürger sein können. „Eine Anruferin wollte die Auskunft, wann ein Zug fährt.“

Nachdem sie an der Fachoberschule (FOS) in Lindau erfolgreich das Abitur abgelegt hat, war für Jana Lovnicki klar: „Studieren wollte ich zumindest zunächst nicht.“ Auf die Praxis habe sie sich gefreut. Und sie wollte auch etwas Konkretes arbeiten. „Mit einer Ausbildung kann man nichts falsch machen“, so ihre Überzeugung. Studieren sei im Anschluss immer noch möglich.

Auf den Beruf der Verwaltungsfachangestellten haben sie Bekannte aufmerksam gemacht. Drei Jahre dauert diese Ausbildung. Sie findet nicht nur im Rathaus, sondern auch in der Berufsschule in Lindau und in der Verwaltungsschule in Lauingen statt.

Analoge Fotografie als Hobby

Mit Blick auf das Abitur kamen in letzter Zeit ihre Hobbys wie das Turnen und das Querflöte-Spielen zu kurz. Ohnehin macht der 18-Jährigen das analoge Fotografieren derzeit besonderen Spaß. Passende Motive dafür hat sie auch schon im historischen Rathaus entdeckt.