Hiemer:

Schon vor der Geburt zum Tod verurteilt

Gabi

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Bild: Anna Embritz

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Bild: Anna Embritz

Interview Den Filmemacher und Autor Leo Hiemer lässt das Schicksal von Gabi Schwarz nicht los. Jetzt erzählt er in einer Ausstellung von dem Mädchen, seinen jüdischen Vorfahren, der Zuflucht in Stiefenhofen – und von einer kalten Tötungsmaschinerie
06.11.2019 | Stand: 16:19 Uhr

Nicht einmal sechs Jahre alt ist Gabi Schwarz geworden. Die Tochter einer zum Christentum konvertierten Jüdin aus Augsburg lebte als Pflegekind auf einem Bauernhof in Stiefenhofen – versteckt vor den Nazis, die sie schließlich doch nach Auschwitz brachten und ermordeten. Der Filmemacher und Autor Leo Hiemer hat ihr Schicksal und das ihrer Familie recherchiert und im Buch „Gabi (1937 – 1943) Geboren im Allgäu – ermordet in Auschwitz“ niedergeschrieben. Aus diesem Projekt heraus entstand außerdem eine Ausstellung, die ab Sonntag im Deutschen Hutmuseum in Lindenberg zu sehen ist. Warum ihn Gabis Geschichte seit vielen Jahren nicht loslässt, schildert Leo Hiemer im Gespräch mit demWestallgäuer.

Herr Hiemer, Sie haben die Geschichte von Gabi Schwarz schon einmal erzählt: Ihr Film „Leni... muss fort“ schildert die Jahre des Mädchens bei der Stiefenhofener Bauersfamilie Aichele, die Gabi vor den Nazis versteckte, bis die Gestapo sie entdeckte. Für den Titel des 1993 präsentierten Streifens haben Sie aber nicht Gabis wirklichen Namen verwendet. Warum?

Ich wollte deutlich machen, dass es sich nicht um eine Dokumentation handelt. „Leni“ ist ein Spielfilm nach einer wahren Geschichte – aber nicht die wahre Geschichte selbst. Leni ist eine Filmfigur– mit einem typischen Namen jener Zeit.

Das Schicksal des Kinds hat Sie nicht mehr losgelassen. Worum ging es Ihnen bei Ihren Recherchen: um die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der Westallgäuer Heimatgeschichte oder darum, ein Kind, das unter dem Naziterror nur fünf Jahre leben durfte, vor dem Vergessen zu bewahren?

Da spielen mehrere Dinge zusammen. Hauptantrieb war die Empörung. Zu spüren, dass über solche Schicksale oft achselzuckend hinweg gegangen wird. Und Gabi war ja beileibe nicht die Einzige, die – in einer scheinbar heilen Welt – dem staatlich organisierten Raubmord zum Opfer gefallen ist. Weil es sich um ein sogenanntes „unschuldiges“ Kind handelt, das noch dazu in einer Art Paradies aufgewachsen ist, ist diese Geschichte besonders tragisch, aber man kann mit ihr die Herzen erreichen und vielleicht sogar erweichen.

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An einem Kind wird die Perversion der Nazi-Ideologie besonders deutlich?

Sicher. Aufgrund der Rassengesetze von 1935 gilt Gabi schon vor ihrer Geburt als Volljüdin – und unterliegt allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Bis hin zur Vernichtung. Egal was sie tat oder glaubte – einfach weil ihre Großeltern als Juden galten und sie nach dem Stichtag außerehelich geboren war. Da half es auch nicht, dass sich ihre Mutter noch zwölf Tage vor der Geburt katholisch taufen ließ. Gabi wurde aufgrund von offiziellen Gesetzen rein bürokratisch aussortiert. Das war keineswegs eine geheime Kommandosache! Als 1939 der zusätzliche Vorname Sara eingetragen werden musste, wurde auch den Aicheles klar, dass ihre kleine Pflegetochter als Volljüdin galt. Das ist wie bei Kafka: Du kommst auf die Welt und bist schon verurteilt.

1934 hat die Gestapo Gabis Überstellung nach München in ein Heim für jüdische Kinder verfügt, was schließlich zu Deportation und Tod in Auschwitz führte. Im Rückblick stellt sich natürlich die Frage nach Handelnden und Verantwortlichen. Auf welche Reaktionen sind Sie in Stiefenhofen gestoßen, als Sie für den Film recherchierten?

Das Problem war, dass damals der ehemalige Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Johann Seelos als Hauptschuldiger im Fall Gabi verdächtigt und namentlich genannt wurde. Da gab es natürlich Angehörige, die – obwohl sie selbst mit der Sache gar nichts zu tun hatten – die vermeintliche Ehre ihrer Vorfahren verteidigten. Vor allem ein Sohn des ehemaligen Bürgermeisters hat sich da ins Zeug gelegt. Einige hatten auch Angst, dass das ganze Dorf an den Pranger gestellt wird.

Gab es nach dem Krieg keine Aufarbeitung des Geschehens?

Vor weltlichen Gerichten sind alle Beteiligten ganz gut weggekommen. Bürgermeister Seelos wurde von der Spruchkammer freigesprochen. Allerdings war er als Funktionär der NSDAP vorher bereits drei Jahre interniert. Aber im Fall Gabi war auch er ein Rädchen im Terrorsystem. Schon früher hatte er zu Bauer Aichele gesagt, er soll das Kind wegschaffen. Als Aichele ihn fragte, wohin, sagte Seelos: „Dafür gibt es doch Lager.“ In Stiefenhofen hat man – wie in vielen anderen Orten auch – für Seelos die Formel gefunden: Der war ein Nazi mit Leib und Seele – aber er hat keinem Menschen was zu Leide getan. Dieser Friede mit den Tätern verlangte aber auch lange das Schweigen über die Opfer.

Es ist also ungeklärt, wer Verantwortung für Gabis Auslieferung trug?

Im Nachhinein wurde die Verantwortung von unten nach oben weitergereicht: Der Bürgermeister hat ja nur den Befehl der Gestapo übermittelt. Erhalten hatte er ihn vom Landrat. Auch der hatte ihn nur übermittelt. Du kannst hier wirklich diese Kette von Schreibtischtätern belegen, von Berlin bis Stiefenhofen. Jeder sagt: „Ich habe ja bloß...“, und doch ist das Kind am Ende tot. Letztlich waren viele da, die mit ihrem Gehorsam dazu beitrugen, dass diese Höllenmaschine funktionieren konnte.

Ihre Ausstellung trägt den Titel „Geliebte Gabi“. Das klingt sehr persönlich. Haben Sie bei Ihren Recherchen neben den historischen Zusammenhängen auch ein Bild von der Persönlichkeit des Kindes gewinnen können, das 1943 in Auschwitz ermordet wurde?

Gabi wurde von ihren Pflegekindern geliebt wie ein eigenes Kind. Auch ihre jüdische Mutter liebte sie und wollte sie ins Ausland retten. Nach Oberlehrer Pletzer aus Genhofen war sie ein selten schönes, liebenswertes und begabtes Kind. Er habe kein Kind in der Gemeinde, das so arisch aussehe wie Gabi. Ihre fromme Pflegefamilie hat jeden Tag mit ihr gebetet. Gabi war ein ganz normales Westallgäuer Kind und sprach breiteste Mundart.

Sie sind in Maierhöfen groß geworden, nicht weit von Stiefenhofen entfernt, wo die kleine Gabi einige Jahre versteckt wurde. Hat das tiefe Eintauchen in das Schicksal des Mädchens Ihre Sicht auf die eigene Heimat verändert?

Sicher. Es ist ein Kampf darum, dieses Heimatbild des Tourismus’, wo es allen nur mega gut geht in einer Kulissenlandschaft, zu verändern, glaubwürdiger zu machen – dazu gehören auch die Fehler und Katastrophen, einfach ein aufrichtiger Umgang mit den dunklen Seiten unserer Geschichte.

Der Film „Leni“ ist extrem langsam und still – und gerade dadurch so berührend. Welchen Erzählstil haben Sie für die Ausstellung gewählt?

Für die Gestaltung der Ausstellung sind wesentlich die Kuratorin Regina Gropper die Gestalterin Professor Claudia Frey verantwortlich. Wir haben fünf Stationen: Auf der Vorderseite sieht man wunderschöne Fotos aus Gabis Kindheit. Der Betrachter steht Aug’ in Aug’ mit Gabi. Jeder sieht ihr Lächeln, die Freude über ihre Puppe und so weiter. Wir hoffen, so das Interesse für die Hintergründe zu wecken. Auf der Rückseite erfährt man dann von dem schrecklichen Drama, das sich hinter den schönen Fotos verbirgt.Interview: Ingrid Grohe

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