Sonntag: Seit 1.700 Jahren ein Tag der Ruhe

Immer wieder Sonntag: Allgäuer Psychotherapeut gibt Tipps für einen ruhigen Tag

Ruhe und Entspannung sind seit 1.700 Jahren jeden Sonntag angesagt. Wir haben mit einem Psychotherapeuten aus Stiefenhofen im Westallgäu gesprochen, wie sich das Nichts-Tun auf unsere Psyche auswirkt.

Ruhe und Entspannung sind seit 1.700 Jahren jeden Sonntag angesagt. Wir haben mit einem Psychotherapeuten aus Stiefenhofen im Westallgäu gesprochen, wie sich das Nichts-Tun auf unsere Psyche auswirkt.

Bild: Wolfgang Kumm, dpa (Symbolbild)

Ruhe und Entspannung sind seit 1.700 Jahren jeden Sonntag angesagt. Wir haben mit einem Psychotherapeuten aus Stiefenhofen im Westallgäu gesprochen, wie sich das Nichts-Tun auf unsere Psyche auswirkt.

Bild: Wolfgang Kumm, dpa (Symbolbild)

Am Sonntag herrscht seit 1.700 Jahren Ruhe. Gar nichts machen - hier verrät ein Allgäuer Experte, warum das so wichtig ist und wie man es richtig macht.
03.07.2021 | Stand: 17:05 Uhr

Seit 1.700 Jahren ist der Sonntag ein Ruhetag. Einfach mal gar nichts machen - für viele gar nicht so einfach in unserer leistungsorientierten Gesellschaft, in der auf Internetportalen sogar die Bergtour zu einem Wettkampf mit anderen ausartet. Schade, denn Nichts-Tun bringt viele Vorteile, sagt Ralf Wilhelm aus Stiefenhofen im Westallgäu. Wilhelm ist unter anderem Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker und gibt Seminare für Teamentwicklung in Unternehmen. Auch das Nichts-Tun müsse man üben, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Wilhelm, ist Nichts-Tun gut oder schlecht für uns?

Ralf Wilhelm: Das kommt ganz darauf an, ob das Nichts-Tun erzwungen ist - oder ob wir uns das gönnen.

Sprechen wir zunächst einmal über die positiven Punkte.

Wilhelm: Meiner Erfahrung nach erleben wir beim Nichts-Tun eine Zeit, in der wir uns vollkommen auf uns selbst konzentrieren und nicht eingespannt sind. Dann kann man erkennen, wo man im Leben momentan steht, wo Ängste liegen und wie man sie angeht. Es ist aber auch eine Zeit zum Träumen und um unseren Einfällen vollkommen unzensiert Raum zu geben - rauskommen aus der rationalen Lebensweise, die die meisten von uns haben.

Sonntag als Tag der Ruhe: Wann Nichts-Tun uns schadet

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Nun haben Sie vorher schon darauf angespielt, dass das Nichts-Tun auch negative Folgen geben kann.

Wilhelm: Genau. Das Extrembeispiel dafür wäre das Gefängnis. Auch der Lockdown brachte viele in die Lage, dass sie keiner sinnvollen Tätigkeit nachgehen können. Einer Tätigkeit, die sie erfüllt. Dann erlebt man einen Mangel und kann die positiven Effekte des Nichts-Tuns nicht für sich nutzen.

Ralf Wilhelm, Psychotherapeut aus Stiefenhofen.
Ralf Wilhelm, Psychotherapeut aus Stiefenhofen.
Bild: Sneha Wilhelm

Wie äußert sich das?

Wilhelm: Ohne die Anerkennung und den festen Tagesablauf durch die Arbeit fehlt vielen der Rahmen. Sie werden unzufrieden, rutschen in eine Depression ab und schaffen es nicht mehr, die nötigen Dinge zu erledigen: Kontakte pflegen und Verantwortung für sein Leben übernehmen zum Beispiel.

Allgäuer Psychotherapeut: Sich einfach mal das Nichts-Tun gönnen

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Nichts-Tun und Arbeit in den vergangenen Jahren ihrer Meinung nach entwickelt?

Wilhelm: Berufliche Themen werden immer öfter Auslöser für psychische Krisen. Die Anforderungen steigen durch die Digitalisierung, die mangelnde Kommunikation und die vermehrte Dokumentationspflicht. Dazu kommt noch, dass vor allem im sozialen Bereich viele Stellen gestrichen wurden oder nicht besetzt werden. Gleichzeitig entsteht eine gegenläufige Bewegung. Die lernt mit Methoden wie Achtsamkeit, Yoga und Meditation, den Stress besser zu bewältigen, seine eigenen Grenzen anzuerkennen und sich das Nicht-Tun einfach mal zu gönnen. Dabei darf man aber nicht den Fehler machen und diese Methoden nur anwenden, um weiter zu funktionieren.

Wenn diese zwei gegenläufigen Tendenzen zusammentreffen, entsteht da nicht ein Spannungsfeld?

Wilhelm: Natürlich gibt es ein Spannungsfeld und natürlich gibt es Risiken. Wenn eine Führungskraft nach dem zweiten Burnout für sich erkennt, dass 80 Prozent Einsatz auch reichen, kann es schon sein, dass der Chef das nicht toll findet. Dann geht es darum, dazu zu stehen und sich für seine Einstellung starkzumachen. Darum, den Mut zu haben und den Anforderungen entgegenzutreten statt zu meinen, sie erfüllen zu müssen. Und ich denke, die Risiken sind geringer, als man meint. Viele Kunden sagen mir außerdem, dass sie ihr Leben in den Griff bekommen wollen. Das ist meiner Meinung nach die falsche Herangehensweise - das funktioniert nicht. Das Leben gestalten oder bewältigen trifft es schon eher, finde ich.

Haben Sie Tipps fürs Nichts-Tun?

Wilhelm: Nichts-Tun muss man üben. Das kann beispielsweise bedeuten, dass man sich jeden Tag oder jeden zweiten eine halbe Stunde ohne Ablenkung nimmt, um in sich selbst reinzuhören. Oder man geht spazieren und schaut in die Gegend. Dafür kann man auch Wartezeiten beim Arzt oder im Bahnhof nutzen, statt eine Zeitschrift zu lesen. Wichtig ist dabei, dass das Handy weg ist und man beim Joggen oder Langlaufen auf seine Uhr verzichtet. Auch Musik lenkt von einem selbst ab. Das Nichts-Tun hat eine ganz andere Qualität, wenn man sich voll darauf einlässt.