Geologie

Ständig in Bewegung: Deshalb "wandern" Häuser in Sibratsgfäll

Auf der Georunde in Sibratsgfäll können Besucher sehen, welche Dynamik durch Erdrutsche entsteht.

Auf der Georunde in Sibratsgfäll können Besucher sehen, welche Dynamik durch Erdrutsche entsteht.

Bild: Verein Bewegte Natur

Auf der Georunde in Sibratsgfäll können Besucher sehen, welche Dynamik durch Erdrutsche entsteht.

Bild: Verein Bewegte Natur

Im Vorarlberger Sibratsgfäll versetzen und zerstören Rutschungen Häuser. Welche Katastrophen es bereits gegeben hat - und wie die Bewohner damit umgehen.

26.08.2020 | Stand: 09:40 Uhr

Ein Haus setzt sich in Bewegung. Es wandert allmählich Richtung Tal. Türstöcke verlieren den rechten Winkel, Böden und Wände geraten aus dem Lot. 18 Meter von seinem ursprünglichen Standort kommt das Haus zum Stehen. Wenn heute Menschen die Treppe hochsteigen, den Flur betreten und dann Küche, Esszimmer und Stube durchstreifen, wird manchen ganz mulmig: Ein leichter Schwindel erfasst sie in dem schiefen Haus, beim Blick aus dem Fenster wird deutlich: Hier stimmt was nicht.

Ständig Bewegung in Sibratsgfäll

Das beschriebene Gebäude ist Ausgangspunkt der Georunde Rindberg bei Sibratsgfäll. Es handelt sich um das ehemalige Ferienhaus der Familie Felber, das im Jahr 1999 große Rutschungen mit erstaunlich wenig Schäden überstanden hat. In diesem Frühjahr setzten sich die Berghänge in dem Gebiet in Bewegung. Eine Katastrophe nahm ihren Lauf, bei der Gebäude zerstört wurden, Straßen abrissen, Weiden wegsackten und eine Kapelle einstürzte. Sibratsgfäll versucht seither, mit der Gefahr zu leben. Denn ständig gibt es Bewegungen im Untergrund des idyllischen, sonnigen Bergdorfs. Hier wird deutlich, welche Dynamik in den scheinbar statischen Alpen herrscht. Die Berge bestehen aus Flyschgestein. Der Name Flysch weist auf die Vokabel „fließt“ hin.

Eine Führung in „Felbers schiefem Haus“ lohnt sich nicht nur, weil die Dimension der Veränderung hier spürbar wird. Ein Film mit im Zeitraffer abgespielten Aufnahmen zeigt zudem anschaulich, was sich hier tief in der Erde abspielt, und Betroffene teilen ihre Erlebnisse. Infotafeln fassen die Ereignisse vom Mai 1999 zusammen.

Marienkapelle im Ort wurde den Rutschungen angepasst

Eine leichte, etwa einstündige Wanderung führt zu weiteren Stationen der Georunde. Sie erklären den speziellen Umgang der Sibratsgfäller mit Grundstücksgrenzen, neuartige Baukonzepte und Techniken für den Umgang mit Rutschungen und Schräglagen und stellen die Frage nach emotionalen Erfahrungen von Menschen, deren Welt aus den Fugen gerät. Unter anderem führt der Weg zur Marienkapelle, die die Sibratsgfäller nach der Katastrophe als schmuckes, hölzernes Gotteshaus errichteten und dabei Wert darauf legten, dass es sich im Fall von Gefahr innerhalb kürzester Zeit zerlegen und abbauen lässt.

Auch das aussichtsreiche Gasthaus Alpenrose am Scheitelpunkt der Runde wurde seinerzeit schwer beschädigt. Neben einer stärkenden Brotzeit finden Wanderer hier eine interessante Fotoausstellung. Die schön angelegte, modern und ansprechend gestaltete Georunde wurde mehrfach ausgezeichnet. 2017 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis, 2019 den German Design Award.