Lindau

Von Nazis hingerichtet: Der Mord an Iwan Bacic

Eine Grabtafel auf dem Aeschacher Friedhof erinnert an das Opfer des Nationalsozialismus.

Eine Grabtafel auf dem Aeschacher Friedhof erinnert an das Opfer des Nationalsozialismus.

Bild: Christian Flemming

Eine Grabtafel auf dem Aeschacher Friedhof erinnert an das Opfer des Nationalsozialismus.

Bild: Christian Flemming

Das Lindauer Stadtmuseum hat das Schicksal eines polnischen Zwangsarbeiters recherchiert. Er wäre im August 95 geworden. Seine bedrückende Geschichte.
Eine Grabtafel auf dem Aeschacher Friedhof erinnert an das Opfer des Nationalsozialismus.
Von Barbara Reil
11.08.2020 | Stand: 18:03 Uhr

Am 8. August 2020 wäre Iwan Bacic 95 Jahre alt geworden – ein gesegnetes Alter, das zu erreichen er keine Chance hatte: Als Jugendlicher aus seiner Heimat im Südwesten Polens nach Deutschland verschleppt, wurde er 1944 im Alter von gerade mal 19 Jahren in Lindau hingerichtet. Seine bedrückende Geschichte ist kein Einzelfall, sondern eine von vielen, die sich zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft überall auf deutschem Boden zutrugen.

Iwan Bacic wird am 8. August 1925 im polnischen Lomna geboren, einem kleinen Ort unweit der ukrainischen Grenze. Wie fast alle Einwohner des Dorfes ist auch die Familie Bacic ukrainischer Abstammung. Im Alter von 16 Jahren muss Iwan seine Heimat unter Zwang verlassen: Er ist einer von nahezu drei Millionen polnischen Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen, die zwischen 1939 und 1945 deportiert werden, um in der deutschen Industrie und Landwirtschaft zu schuften.

Iwan Bacic ist halb verhungert bei seiner Ankunft in Lindau

Als Iwan im März 1942 in Lindau eintrifft, ist er halb verhungert und körperlich so geschwächt, dass er als Arbeitskraft zunächst kaum zu gebrauchen ist. Doch er hat Glück im Unglück: Iwan kommt als landwirtschaftlicher Gehilfe auf einem Motzacher Bauernhof bei wohlwollenden Dienstherrn unter, die auch mit den ausländischen Menschen einen familiären Umgang pflegen – ungeachtet der rassistischen Bestimmungen, die insbesondere für slawische sogenannte Fremdarbeiter gelten. Nicht zuletzt sind alle mitmenschlichen Kontakte zwischen Deutschen und Polen untersagt.

Iwan Bacic gerät mehrfach mit den Vorschriften in Konflikt: So wird er einmal von einem Denunzianten beim Kirschenpflücken am Ortsrand mit zwei deutschen Mädchen gesehen und ein anderes Mal vom Leiter der Milchzentrale erwischt, als er aus einer im Brunnen kühl gestellten Milchkanne etwas Sahne nascht – Kleinigkeiten, die jedoch als „volksschädlich“ gelten und entsprechend zu bestrafen sind. Ob Iwan im einen oder anderen Fall tatsächlich zur Rechenschaft gezogen wird, ist nicht bekannt.

Das angebliche Vergehen, das Iwan schließlich das Leben kostet, hat er vermutlich nie begangen. Auch hier ist es eine Denunziation, die nun die Polizei auf ihn aufmerksam werden lässt, diesmal ausgesprochen von einer Magd, die zuvor mit Iwan auf dem Motzacher Bauernhof gearbeitet hat.

Allgäuer Magd läuft Gefahr, von NS-Behörden als "asoziales Gesindel abgestempelt zu werden

Martha M., geboren 1903 in einer kleinen Ortschaft im Allgäu, ist im Jahr 1944 nur vorübergehend im Dienst der Bauernfamilie. Diese ist nicht zufrieden mit der Mitarbeiterin, die durch ihr unhygienisches Verhalten auffällt, und schickt sie bereits nach wenigen Monaten vom Hof. Zwar kommt sie zunächst bei einem benachbarten Bauern unter; jedoch wird sie auch dort bald wieder entlassen. Damit befindet sich die nun arbeitslose Magd in einer denkbar unglücklichen Lage: Ohne Anstellung läuft sie Gefahr, von den NS-Behörden als „asoziales Gesindel“ bezeichnet und schlimmstenfalls in ein Arbeitslager eingewiesen zu werden.

Tatsächlich wird M. Anfang September 1944 von der Lindauer Polizei aufgegriffen. Was sich in den folgenden Tagen abspielt, ist nicht bekannt. Offenbar jedoch lässt die Frau im Verhör schließlich den Namen Iwan Bacics fallen. Aus ihren Aussagen konstruiert die Polizei den Vorwurf einer intimen Beziehung der deutschen Magd und des jungen Polen.

Nationalsozialismus: Empfindliche Strafen für Beziehung mit ausländischen Zwangsarbeitern

Die Bauernfamilie vermutet später, M. habe behauptet, der polnische Landarbeiter habe ihr nachgestellt – wohl in der Absicht, ihre Arbeitslosigkeit als Folge einer notwendigen Flucht vor dem übergriffigen Polen zu tarnen. Sollte die Magd dergleichen im Sinn gehabt haben, scheitert sie damit: Deutschen Frauen, die sich mit ausländischen Zwangsarbeitern einlassen, drohen empfindliche Strafen bis hin zur Einweisung ins KZ. Offenbar gehen die Ermittler davon aus, dass die Magd einvernehmlich ein „Verhältnis“ mit dem jungen Polen hatte: Am 14. September 1944 werden Iwan Bacic und Martha M. mit Vermerk „Verbotener Geschlechtsverkehr“ ans Landgerichtsgefängnis Kempten und von dort eine Woche später ans Polizeigefängnis München ausgeliefert.

Ein ordentliches Gerichtsverfahren zur Feststellung von Iwans Schuld findet nicht statt. Die Bearbeitung des Falles ist Sache der Gestapo, die abschließend beim Reichssicherheitsamt Berlin die Genehmigung zur sogenannten Sonderbehandlung einholt, das heißt zur Tötung, die entsprechend der damaligen Vorgehensweise am früheren Einsatzort des verurteilten Zwangsarbeiters erfolgt. Iwan wird am 27. Oktober 1944 nach Lindau zurückgebracht, wo noch am selben Tag das Todesurteil vollstreckt werden soll.

Lindaus Bürgermeister stellt Bacics Tod fest

An der von der Gestapo ausersehenen Hinrichtungsstätte unterhalb des Schönbühl ist nicht nur örtliche Partei- und Behördenprominenz versammelt. Insbesondere sind sämtliche Fremdarbeiter von den umliegenden Bauernhöfen gezwungen, der Ermordung beizuwohnen – das soll abschreckend wirken. Nach der Verlesung des Urteils in deutscher und polnischer Sprache wird Iwan an einem provisorischen Galgen erhängt. Um 14 Uhr stellt der anwesende Amtsarzt – und Lindaus amtierender Bürgermeister – Dr. Stefan Euler seinen Tod fest.

Ob die Magd von Iwan Bacics Hinrichtung erfahren hat? Wie lange sie in Haft bleibt und ob sie womöglich erst bei Kriegsende 1945 freikommt, ist nicht bekannt. Fest steht allerdings, dass sie die Nazis überlebt hat: Sie stirbt 1986 in einem Altenheim in der Nähe ihres Geburtsorts.

Der „Fall Iwan Bacic“ wird in Lindau in den 60er-Jahren wiederholt Gegenstand von Untersuchungsverfahren zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen. Zu einer Verurteilung in diesem Fall führt aber keines davon.

Aus Anlass von Iwan Bacics 95. Geburtstag stellt das Lindauer Stadtmuseum nun Ergebnisse einer umfangreichen Archiv- und Internetrecherche zum Leben und Tod des jungen Mannes vor.

Die neuen Daten und Erkenntnisse ergänzen die grundlegende Bearbeitung des Themas durch den Lindauer Historiker Karl Schweizer in seinen „Skizzen und Dokumenten zur Lindauer NS-Zeit“ und bilden das Fundament einer Erzählung, die in der neuen Dauerausstellung des Museums zu sehen sein soll.