Beerdigungen zu Corona-Zeiten

Westallgäuer Bestatter: „Die Regeln nagen an den Angehörigen“

Die Corona-Beschränkungen stellen für Trauernde eine weitere Belastung dar.

Die Corona-Beschränkungen stellen für Trauernde eine weitere Belastung dar.

Bild: Olaf Winkler (Symbolfoto)

Die Corona-Beschränkungen stellen für Trauernde eine weitere Belastung dar.

Bild: Olaf Winkler (Symbolfoto)

Die Pandemie erschwert Menschen, die um Verstorbene trauern, den Abschied derzeit zusätzlich. Das Virus könnte die Bestattungskultur nachhaltig verändern.
25.01.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Der Bestatter Oliver Bayer ist überzeugt: „Die Regeln und Einschränkungen haben die Bestattungskultur völlig verändert.“ Dazu gehört, dass das Coronavirus Angehörigen den Umgang mit ihrer Trauer erschwert: Gewohnte Rituale wie der Abschied Verstorbener am offenen Sarg, sind kaum oder gar nicht mehr möglich. Die Pandemie beeinflusst zudem jeden Arbeitsschritt der Bestatter. Wenn sie Trauernde begleiten, Reden und Feiern organisieren, sich um die hygienische Totenversorgung kümmern. Trauerredner müssen aktuell damit leben, womöglich weniger über die Verstorbenen zu erfahren.

Vor wenigen Wochen forderte der Bestatterverband möglichst schnelle Corona-Impfungen für Bestatter und Mitarbeiter in Krematorien. Viele hätten Sorge, sich beim Umgang mit den Verstorbenen oder deren Angehörigen anzustecken. „Natürlich, die Angst besteht“, sagt Bayer, der unter anderem Niederlassungen in Lindenberg und Oberstaufen betreibt. „Aber die hat jeder, nicht nur die Bestatter. Wir wissen, worauf wir uns einlassen.“

Dementsprechend habe er Anzüge, Mund-Nasen-Bedeckungen und Desinfektionsmittel besorgt. Die Befürchtung, Schutzausrüstung könnte knapp werden, ist inzwischen verflogen. „Davon ist genug vorhanden – anders als im Frühjahr“, sagt Bayer.

Die Hygiene-Produkte sind für die Totenversorgung mehr denn je elementar. Anders als im ersten Lockdown hat der Bestatter nun regelmäßig mit Corona-Toten zu tun. „Die Sterblichkeit ist gefühlt höher als im Sommer“, sagt er. Das Unternehmen könne die Arbeit jedoch gut stemmen. Problematischer sei die Planung, wenn die Politik neue Corona-Regeln vorgibt. Bayer: „Wir müssen das natürlich immer recht schnell umsetzen.“

Corona verändert die Arbeit der Bestatter

Zu den Regeln gehört, dass Bestatter im Umgang mit Corona-Verstorbenen Maske, Schutzbrille und einen Vollkörperanzug tragen. Sie müssen die Toten zudem in eine Kunststoffhülle legen. Einkleiden oder waschen dürfen Bestatter die Toten nicht. Die Vorschriften gibt es allerdings nicht erst seit der Pandemie: „Das gilt bei jeglicher Infektionsgefahr, zum Beispiel bei an Aids Verstorbenen“, sagt Bayers Kollege Dominik Siebenrok.

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Menschen können auch Krankheiten übertragen, wenn sie bereits tot sind. Ein Abschied am offenen Sarg ist bei womöglich infektiösen Verstorbenen wie Corona-Toten verboten. Ansonsten ist die offene Aufbahrung aber weiterhin erlaubt.

Wie groß Trauerfeiern ausfallen, entscheiden Gemeinden und Kirchen, die die Räume für die Verabschiedung zur Verfügung stellen. „Wir fragen daher bei jeder Gemeinde vorher nach“, sagt Siebenrok und fügt an: „All die Regeln und Einschränkungen nagen an den Angehörigen.“ Das beginne bereits in Krankenhäusern und Altenheimen, in denen sich nur eine oder gar keine Person von einem Familienmitglied verabschieden kann.

Bayer hält es für möglich, dass Beerdigungen selbst nach der Pandemie in ähnlichem Rahmen wie aktuell stattfinden. „Die Menschen haben sich an die Teilnehmerbegrenzung zum Beispiel gewöhnt“, sagt der Bestatter. Nach großen Beerdigungen erkundige sich inzwischen fast niemand mehr. „Die meisten können mit dieser Regel gut leben“, sagt Bayer.

Beerdigungen mit Teilnehmerbegrenzung

Besonders für verstorbene Vereinsmitglieder oder gemeindebekannte Menschen planen Angehörige jedoch zum Teil Verabschiedungen mit vielen Gästen. Da bedeutet eine Teilnehmerbegrenzung einen großen Einschnitt. Michael Stiefenhofer, der seit 16 Jahren als Trauerredner im Allgäu arbeitet, sagt: „Für einige ist das wirklich traurig. Manche Familien sind auch einfach so groß, dass nicht einmal Enkel kommen dürfen.“ Wiederum andere Angehörige – allen voran ältere – sagten aus Angst vor einer Ansteckung bereits im Vorfeld ab, an der Beerdigungen teilzunehmen.

Stiefenhofer darf zwar nach wie vor seiner Arbeit nachgehen und ungehindert Reden halten. Allerdings erschweren Kontaktverbote und Abstandsregeln, alte Geschichten oder Anekdoten über den Verstorbenen zu erfahren, die eine Trauerrede ergänzen. Viele Vorgespräche muss der Lindenberger im allerkleinsten Kreis der Familie, per Telefon oder E-Mail führen.

Das „Drumherum“ eines Treffens verbietet Corona. Dabei ist es „der Umgang mit den Leuten, durch den ich Vertrauen aufbauen muss“, sagt Stiefenhofer. Grüß Gott mit Handschlag und ein wenig Plauderei reichen dem Redner meist, damit sich ihm Angehörige öffnen und frei erzählen.