In Corona-Zeiten

Wie Westallgäuer Dorfplätze zu Sucht-Beratungszimmern werden

AFW leere Flaschen Eingang

Ohne persönliche Treffen können Klaus Bilgeri und sein Team ihre Klienten nicht engmaschig genug begleiten. Das hat folgen für Suchtpatienten.

Bild: Ralf Lienert

Ohne persönliche Treffen können Klaus Bilgeri und sein Team ihre Klienten nicht engmaschig genug begleiten. Das hat folgen für Suchtpatienten.

Bild: Ralf Lienert

Die Corona-Maßnahmen erschweren der Caritas-Suchtberatung im Landkreis Lindau die Arbeit. Wieso das teils zu Rückfällen bei Suchtpatienten führt.

23.05.2020 | Stand: 12:29 Uhr

Persönliche Kontakte sind in der Suchtberatung durch nichts zu ersetzen. Deshalb hat Klaus Bilgeri eine ungewöhnliche Maßnahme ergriffen: Als er aufgrund der Corona-Beschränkungen keine Gespräche in seinem Büro abhalten konnte, hat er einige Treffen mit Suchtkranken kurzerhand ins Freie verlegt. Der Dorfplatz als Beratungszimmer – eine ungewöhnliche Herangehensweise. Aber eine wirksame. „So können wir besser sehen, wie es unseren Klienten wirklich geht und die tatsächliche Situation einschätzen. Ein Gespräch, bei dem man sich gegenübersteht, ist einfach wirkungsvoller“, sagt der Leiter der Suchtfachambulanz der Caritas im Landkreis Lindau.

Obwohl sie in der Öffentlichkeit stattgefunden haben, seien die Treffen diskret gewesen: „Wer soll denn wissen, ob das nun einer meiner Klienten ist oder einfach ein Freund oder eine Freundin?“, sagt Bilgeri. Der Diplom-Sozialpädagoge aus Hergatz ist dennoch froh, dass er und seine Kollegen so langsam wieder in den Normalbetrieb übergehen können.

Suchtberatung mit Hygienekonzept in Corona-Zeiten

Seit Montag empfangen sie in Einzelfällen und unter Hygienevorgaben wieder Klienten in der Beratungsstelle in Lindau. Schwerpunkt bleiben aber im Moment noch die telefonischen Beratungen, wenngleich Bilgeri einräumt: „Manche Situationen kann man am Telefon schlicht nicht beurteilen. Meine Kollegen und ich haben es zudem als sehr mühsam empfunden, die Anträge, Erst- und Zweitgespräche telefonisch zu bearbeiten und zu führen.“

>> Alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Lage im Allgäu und der Welt laufend in unserem News-Blog <<

Die Mitarbeiter der Suchtfachambulanz Lindau beraten und begleiten derzeit ein Dutzend Suchtkranke. Der Großteil hat mit Alkoholproblemen oder Drogenmissbrauch zu kämpfen. Aber auch Spielsucht spielt im Landkreis eine Rolle. Eine Beratung dauert in der Regel sechs bis zwölf Monate. Die Kontakte sind in der Regel intensiv und regelmäßig. Mit zwei Telefonaten in der Woche sei es da nicht getan, sagt Bilgeri.

Isolation und Griff zur Bierflasche 

Ohne persönliche Treffen können er und sein Team ihre Klienten nicht engmaschig genug begleiten. Und das hat Folgen. „Wir haben leider zwei, die rückfällig geworden sind“, bedauert Bilgeri. In den Wochen, in denen die Menschen ihre Kontakte auf ein Minimum beschränken mussten, sind Bekannte, Familie, Freunde und auch die Suchtberatung selbst für viele als wichtige Kontrollinstanz weggefallen. Hinzu kam die psychische Belastung. „Angst ist ein schlechter Ratgeber“, sagt Bilgeri. Die Angst, sich anstecken und erkranken zu können, habe gepaart mit der Isolation offenbar dazu geführt, dass die Suchtkranken in alte Muster zurückgefallen sind – und wieder zur Flasche gegriffen haben.

Zum Glück geht die Zeit der telefonischen Beratung und der improvisierten Treffen im Freien aber nach und nach zu Ende. Die ersten paar bereits geführten Einzelgespräche sollen dabei nur der Anfang sein. Bilgeri hofft, in Lindau nach Pfingsten auch wieder Gruppentreffen anbieten zu können.

Seine Kollegen in Dillingen und Donauwörth können dies bereits ab 25. Mai tun. In Kleingruppen mit maximal fünf Personen können sich die Suchtkranken dort ab Montag wieder untereinander austauschen. Und das ist wichtig. Dieses Miteinander ist ein wesentlicher Baustein bei der Bekämpfung von Suchtproblemen: „Hier sind sie in einem geschützten Rahmen und müssen sich nicht erklären. Jeder weiß, wovon der andere spricht. Niemand ist allein mit seiner Situation.“