Fußball im Westallgäu

Zeitstrafe statt Platzverweis? Unter Westallgäuer Fußballern gehen die Meinungen auseinander

Fussball - Bezirkspokal - 2019/20 - Runde 3 - TSV Stiefenhofen vs TSV Heimenkirch

Befürworter der Zeitstrafe glauben, dass dadurch die Zahl der Platzverweise sinken könnte. Beim TSV Stiefenhofen hingegen sieht man das anders.

Bild: Florian Wolf

Befürworter der Zeitstrafe glauben, dass dadurch die Zahl der Platzverweise sinken könnte. Beim TSV Stiefenhofen hingegen sieht man das anders.

Bild: Florian Wolf

Der DFB testet derzeit die Wiedereinführung der Zeitstrafe. Aber ist das sinnvoll? Was halten Fußballspieler und Trainer aus dem Westallgäu davon?
19.09.2021 | Stand: 05:28 Uhr

Der mit Gelb bereits verwarnte Verteidiger kommt einen Schritt zu spät. Den Ball trifft er nicht, dafür aber heftig das Schienbein des Stürmers. Klares Foul. Der Schiedsrichter pfeift. Die Sache ist eindeutig: Gelb-Rot! Aber nicht überall.

In Hessen läuft derzeit ein Pilotprojekt. Der DFB testet hier die Wiedereinführung der Zeitstrafe im Aktivenbereich. Nach der zweiten gelbwürdigen Aktion müssen Spieler für zehn Minuten auf die „Strafbank“. Wäre das auch etwas für den Württembergischen Fußballverband? Wir haben uns im Westallgäu einmal umgehört.

Zeitstrafe oder Gelb-Rot? Fußballspieler im Westallgäu sehen Vorteile in beidem

Michael Hauber ist Kapitän des TSV Röthenbach. Der Abwehrchef hält die Zeitstrafe für eine „sinnvolle Geschichte“. Sie habe sich bereits in anderen Sportarten wie Handball oder Eishockey bewährt – und könnte eine deeskalierende Wirkung haben. Seiner Erfahrung nach würden Amateurfußballer häufig wegen einer Kurzschlussreaktion foulen, quasi „ungewollt“, sagt er. „Im Derby kann das manchmal zum Platzverweis führen. Der wiederum macht das Spiel nur noch aufgeheizter.“ Ein paar Minuten auf der Bank seien sinnvoller, um nach einem Foul durchzuatmen, als ein Platzverweis, der die ganz Mannschaft deprimiert. Und: „Die Zeitstrafe würde die Schiedsrichter ein wenig aus der Schusslinie bringen“, ist Hauber überzeugt.

Michael Hauber vom TSV Röthenbach fände die Wiedereinführung der Zehn-Minuten-Strafe durchaus sinnvoll.
Michael Hauber vom TSV Röthenbach fände die Wiedereinführung der Zehn-Minuten-Strafe durchaus sinnvoll.
Bild: Florian Wolf

Hubert Schädler hingegen möchte die Gelb-Rote Karte beibehalten. Die Zeitstrafe ist für ihn keine Option – zumindest im Herrenbereich. „Bei einer Zeitstrafe gibt es ein Problem mit der Verhältnismäßigkeit“, sagt der Trainer des TSV Stiefenhofen. Harte Fouls, für die der Spieler bislang Gelb-Rot sehen würde und somit einen Platzverweis kassieren würde, würden mit einer kurzen Auszeit aus seiner Sicht zu milde bestraft werden. „Die Zeitstrafe nimmt ein Spieler dann eher in Kauf“, ist Schädler überzeugt.

Er befürchtet, es könnte dadurch häufiger harte Fouls geben. Dass die Auszeit den bestraften Spieler „erzieht“, hält Schädler für realitätsfern: „Im Herrenbereich kannst du niemanden mehr erziehen.“ Im Jugendbereich sehe das schon wieder anders aus. „Einem jungen Spieler kann man noch eher sagen: Du gehst jetzt raus und darfst mal über das Foul nachdenken.“

Schiedsrichter: Zeitstrafe als Chance für Trainer auf "Problemspieler" einzuwirken

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Die Zeitstrafe ist grundsätzlich keine Neuerfindung. Nachdem der DFB im Jahr 1971 die Gelbe und die Rote Karte eingeführt hatte, folgte 1977 die Zeitstrafe im Amateurbereich. Sie verschwand erst 1991 aus den Regelbüchern, als die Gelb-Rote-Karte eingeführt wurde.

Schiedsrichter-Chef Josef Ringer findet die Zeitstrafe „eigentlich ganz in Ordnung“. Der Obmann der SRG Wangen kennt die Regel noch von früher. Der Trainer habe damals dank der Auszeit besser auf die Spieler einwirken können. „Die kennen ihre Alphatiere und Problemspieler“, sagt Ringer. Trainer könnten ihrer Verantwortung, die Gemüter ihrer Spieler unter Kontrolle zu halten, mithilfe der Zeitstreife gerechter werden. „Während der Zeitstrafe können sich die Spieler besinnen, sie kühlen runter“, ist der SRG-Obmann überzeugt.

Hansi Heim, B-Jugend-Trainer und Zweiter Vorsitzender des FV Rot-Weiß Weiler, pflichtet ihm bei: „Der Schiedsrichter erhält viel mehr Spielraum.“

Zeitstrafe nur im Jugendbereich? Oder gibt die gelb-rote Karte mehr Diszilpin?

Das sieht Michael Schiegg anders. „Wenn ich weiß, ich muss nur zehn Minuten raus, dann gehe ich härter rein“, sagt der Kapitän des TSV Heimenkirch. Aus seiner Sicht müsste sie „definitiv länger als fünf oder zehn Minuten ausfallen“. Anders als die Gelb-Rote Karte würde die Zeitstrafe aber nicht abschrecken, glaubt Schiegg. „Da bringt auch kein Drüber-Nachdenken was. Im Herrenbereich hat man seinen eigenen Kopf.“ Wie Schädler hält er die Zeitstrafe aber im Jugendbereich für denkbar.

Ähnlich sieht es Frank Trautwein. „Die Gelb-Rote Karte gibt mehr Disziplin, als zehn Minuten auf der Bank zu sitzen“, ist sich der Trainer des FC Lindenberg sicher. Er befürchtet, dass der eine oder andere Spieler die Zeistrafe ausnutzen würde, um härter oder öfter zu foulen. Für den Jugendbereich kann sich der FCL-Trainer die Regel bis einschließlich der B-Jugend vorstellen. Im A-Bereich solle ein Schiedrichter aber die Gelb-Rote Karte zücken können. „Dann wissen die Jungen, was bei den Herren gilt“, sagt Trautwein.

Übrigens: Auch die Gelb-Rote-Karte hat heutzutage eine andere Bedeutung als früher. Viele Jahre lang war es so, dass ein Spieler, der die Ampelkarte gesehen hat, nur für den Rest des Spiels vom Platz musste, beim nächsten Mal aber wieder auflaufen durfte. Seit der Saison 2015/16 ist beim WFV die Gelb-Rote-Karte aber automatisch mit einer Sperre für das nächste Spiel verbunden.

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