Mittelstand

Wie ein Sonthofer Unternehmen Häuser vor dem Einsturz schützt

Chrisoph Kast

Christoph Kast führt das Unternehmen, das er 2018 von seinem Vater übernommen hat.

Bild: Dominik Berchtold

Christoph Kast führt das Unternehmen, das er 2018 von seinem Vater übernommen hat.

Bild: Dominik Berchtold

Die Firma Kast hat eine Methode entwickelt, wie Betonteile mit technischen Textilien verstärkt werden können. Das ist auch in den USA und im Nahen Osten gefragt.
05.07.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Im Krisenjahr 2020 traf es die Firma Kast gleich in zweifacher Hinsicht. Noch bevor die Pandemie ausbrach, erwischte das Sturmtief Sabine das Unternehmen, das sich seit 60 Jahren auf technische Gewebe und Spezialfasererzeugnisse spezialisiert hat. Das Blechdach des Bürogebäudes in Sonthofen wurde abgedeckt und ein Kamin stürzte ein. Regenwasser drang in die Räume, die vorübergehend nicht nutzbar waren – und das in einer Zeit, in der getrennte Büros, Abstände und Hygiene-Regeln an Bedeutung gewannen.

„Die Pandemie durchzustehen, zu organisieren und den Fortbestand des Unternehmens zu sichern und jetzt die unglaublichen Turbulenzen in der weltweiten Beschaffung und Logistik zu bewältigen ist in über 30 Jahren als Geschäftsführer sicher meine größte unternehmerische Herausforderung“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Christoph Kast. „Zur Angst um die Gesundheit der Belegschaft kommen noch die Bürokratie, sich ständig ändernde Regeln und die Ungewissheit.“

Eine Innovation von Kast ist das Erdbebenschutzgewebe, mit dem Gebäude und Brücken verstärkt werden können.
Eine Innovation von Kast ist das Erdbebenschutzgewebe, mit dem Gebäude und Brücken verstärkt werden können.
Bild: Kast

Inzwischen hat das Unternehmen ein neues Dach und die Krise bislang gut überstanden. So steht dem 60. Firmenjubiläum nichts mehr im Weg. Für 2021 peilt das Unternehmen mit seinen Tochterfirmen ein Umsatzziel von 50 Millionen Euro an. Das hat damit zu tun, dass die Verantwortlichen eine Chance erkannt haben: Viele Stahlbeton-Brücken, aber auch andere Betonbauten wie etwa Parkhäuser sind marode. Deshalb hat Kast mit dem Karlsruher Institut für Technologie und weiteren Industriepartnern ein durch das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) gefördertes Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Verstärkung von Betonteilen erfolgreich umgesetzt. Auch andere Systeme für die Stabilisierung von Mauerwerk und Beton wurden erforscht und entwickelt. Beispielsweise um Setzungsschäden bei Bauwerken zu vermeiden oder Gebäude in kritischen Gebieten vor Erdbeben zu sichern. Die Kast-Systeme schützen so Bauwerke vor dem Einsturz und können dadurch Leben retten.

Die Firma liefert ihre Produkte in alle Welt. 2020 wurde ein Vetriebsmitarbeiter für den Mittleren Osten eingestellt und der Verkauf von Bauprodukten in das stark wachsende Wirtschaftsgebiet hat sich bereits im Corona-Jahr deutlich ausgeweitet. In den USA werden mit einer 2020 gegründeten Tochterfirma Geschäfte aufgebaut. Großes Interesse bestehe auch dort an Gebäudeverstärkungen und Erdbebenschutz.

In Sonthofen will Kast ebenfalls investieren und den Standort ausbauen – aber die Fläche ist begrenzt. Man befinde sich in Gesprächen mit der Stadt, ein geeignetes Areal sei aber noch nicht gefunden, erklärt Kast. Gerade wurde auch in eine Wasserkraftanlage investiert. Jährlich werden zusammen mit der eigenen Fotovoltaik-Anlage etwa 270 000 Kilowattstunden Öko-Strom hergestellt.

Millionenprojekt in Ungarn

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Neben kleineren Bauprojekten in Sonthofen steht als große Herausforderung die weitere Digitalisierung der Kast-Gruppe an. Eine Millioneninvestition ist in Ungarn geplant: Dort soll eine 3800 Quadratmeter große Produktionshalle gebaut werden, um die Fertigungskapazitäten zu erweitern. In den Folgejahren sind große Investitionen in Produktionsanlagen vorgesehen.

„Heute blicke ich nach vorne und sehe viele Chancen, um Bestand und Weiterentwicklung des Unternehmens und unserer Mitarbeiter langfristig zu sichern und auszubauen“, sagt Christoph Kast. Er übt aber auch Kritik: „Ich würde mir wünschen, dass mehr Politiker sich unsere Sorgen und Wünsche in dieser doch sehr fordernden Zeit zu Herzen nehmen. Leider hat kein Einziger sich in den Corona-Monaten nach unserem Befinden erkundigt. Das ist schade.“