So läuft die Zeitungs-Zustellung im Winter

"Für Püppchen ist das nichts" - Was diese Frauen an der Zeitungs-Zustellung reizt

Ob Eis, Sturm oder Schneemassen: Zeitungszusteller sind bei jedem Wetter unterwegs. So wie Vicky Mayr. Nachts fährt sie Zeitungen aus, frühmorgens trägt sie die Allgäuer Zeitung in Kempten aus. Nach der Arbeit gönnt sie sich ein Frühstück - und liest am liebsten die Lokalseiten und Todesanzeigen.

Ob Eis, Sturm oder Schneemassen: Zeitungszusteller sind bei jedem Wetter unterwegs. So wie Vicky Mayr. Nachts fährt sie Zeitungen aus, frühmorgens trägt sie die Allgäuer Zeitung in Kempten aus. Nach der Arbeit gönnt sie sich ein Frühstück - und liest am liebsten die Lokalseiten und Todesanzeigen.

Bild: Marina Kraut

Ob Eis, Sturm oder Schneemassen: Zeitungszusteller sind bei jedem Wetter unterwegs. So wie Vicky Mayr. Nachts fährt sie Zeitungen aus, frühmorgens trägt sie die Allgäuer Zeitung in Kempten aus. Nach der Arbeit gönnt sie sich ein Frühstück - und liest am liebsten die Lokalseiten und Todesanzeigen.

Bild: Marina Kraut

Die Zeitung, morgens pünktlich am Frühstückstisch. Was für die einen Tradition ist, bedeutet für andere Nachtschicht - und im Winter eine Herausforderung.
14.01.2021 | Stand: 16:56 Uhr

5.50 Uhr. Der Schnee knistert unter den Schuhen, das Gesicht fühlt sich kalt an. In der Nacht hat es viel geschneit, die Straßen sind glatt. Langsam verschwindet die Dunkelheit, doch von Sonnenstrahlen ist noch nichts zu sehen.

"So das ist jetzt schon die Letzte, dann haben wir's geschafft." Elfriede Schnöll klettert aus ihrem Auto, tippelt mit vorsichtigen Schritten die vereisten Stufen zu einer Haustüre hinauf. Briefkasten auf - Zeitung rein. Dann tippelt sie vorsichtig zurück, lässt sich zurück ins Auto fallen. Fast ein bisschen erleichtert lacht sie auf und schlägt die Tür zu.

Elfriede Schnöll aus Lechbruck. Am liebsten liest sie die erste Seite der Zeitung. Dann kommt immer der Lokalteil.
Elfriede Schnöll aus Lechbruck. Am liebsten liest sie die erste Seite der Zeitung. Dann kommt immer der Lokalteil.
Bild: Marina Kraut

Das Ziel ist, jede Zeitung bis um 6 Uhr morgens in die Briefkästen der Leserinnen und Leser zu bringen. Bis die Zeitung dort landet, haben sich bereits viele Menschen intensiv mit ihr beschäftigt: Redakteure, Logistiker, Drucker und Verpacker. Und vor allem: Zusteller und Transporteure. Will man die Logistik hinter der Zeitung verstehen, muss von hinten gedacht werden.

  • Robert Rietzler, Leiter der Zeitungslogistik beim Allgäuer Zeitungsverlag in Kempten, ist seit fast 48 Jahren für das Blatt im Einsatz. Er kennt sie noch, die Zeit, in der die Tageszeitung im Bleisatzverfahren hergestellt wurde. Bis etwa 1980 wurden die Druckvorlagen der Zeitungsseiten mit Buchstaben und Satzzeichen aus Blei geformt. Es war ein direktes Druckverfahren, bei dem Farbe auf die Bleisätze kam. Damals wie heute sind Bilder und Buchstaben der Vorlagen spiegelverkehrt. Erst wenn sie (heute im Offsetverfahren) auf s Papier gepresst werden, ist das Geschriebene richtig zu lesen.

Rückwärts zu denken, bedeutet da anzufangen, wo die Zeitung zuletzt landet - im Briefkasten. Doch wer sind die Menschen, die sie dort zuverlässig einwerfen? Und wer sind die Nachteulen, die sie bei Wind, Wetter, Eis und stärkstem Schneefall vom Druckhaus in Kempten in die abgelegensten Weiler im Allgäu bringen?

Es sind Menschen wie Zustellerin Elfriede Schnöll aus Lechbruck (Ostallgäu) oder die Transporter-Fahrerin Victoria Mayr aus Kempten. Sie stellt nicht nur Zeitungen zu, sondern fährt davor auch für eine der Speditionen die frisch gedruckten Zeitungen an die zahlreichen Abladestellen aus.

5.15 Uhr. "Mensch, das gibt's doch nicht. Da waren wir doch schon." Ein neuer Abonnent der Allgäuer Zeitung und Elfriede kann das Haus nicht finden. Dabei lebt sie schon seit 27 Jahren in Lechbruck, kennt ihre Gegend, in der sie Zeitungen austrägt, in- und auswendig. Google Maps muss helfen.

Und Google Maps sagt: Elfriede ist hier falsch. Also nochmal zurück, dahin, wo sie eigentlich schon war. Heute dauert das Austragen eben ein bisschen länger als sonst. Um sich die übliche Route merken zu können, hat sie etwa zwei bis drei Wochen gebraucht. Manchmal mit Unterstützung ihrer Söhne oder der Schwiegertochter Sabine.

Wechselnde Abonnenten gibt es häufiger, da muss dann eben gesucht werden. Ist es gruselig, so allein in der Nacht? "Ich hab eine Taschenlampe dabei. Und meine Kinder haben mir befohlen, dass ich immer mein Handy dabei haben soll." Hunde, das wäre ein Problem für Elfriede. Doch so frühmorgens sind selbst die schärfsten Wachhunde noch nicht wach.

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Von Zustellern und Transporterfahrern - Der Weg der Zeitung

4.05 Uhr. Treffpunkt hinter einem Getränkemarkt. Es schneit immer noch, die Straße ist nass. Es ist ein wenig schaurig hier an der Ablagestelle. Elfriede Schnöll schnappt sich ihren Zeitungsstapel und verteilt die Exemplare flink in ihrem kleinen roten Auto. Ein paar Blätter hievt sie über das Lenkrad auf die Fläche vor der Windschutzscheibe. "Als wir das Auto gekauft haben, haben wir drauf geachtet, dass ich so eine Ablagefläche habe. Sonst ist das blöd, wenn man die Zeitungen nicht gleich griffbereit hat."

Elfriede ist eigentlich Kindergärtnerin. Bevor sie in die Arbeit nach Schwabbruck fährt, trägt sie Zeitungen aus. Sechs Tage die Woche, Beginn kurz nach vier Uhr nachts. Seit zwei Jahren macht sie den Zeitungs-Job. "Weil's Spaß macht", sagt sie. Und weil sie und ihr Mann das Geld zudem gut gebrauchen können.Ein paar auf das Armaturenbrett bis vor zur Windschutzscheibe.

Elfriede geht abends gegen neun Uhr ins Bett. Um halb vier ist die Nacht vorbei. Sie trägt Zeitungen aus bis etwa halb sechs, dabei genießt sie die nächtliche Ruhe. Dann legt sie sich eine Stunde hin. "Ohne diese Stunde ginge es nicht." Dann fährt sie in den Kindergarten.

  • Zeitaufwändig und umständlicher, so beschreibt Rietzler die damalige Technik. Heute gleicht der Zeitungsdruck eher einem Fotodruck. Denn für den Druck gibt es keine Platten mehr aus Blei, sondern aus Alu. Sie werden ähnlich wie bei der Fotoentwicklung durch ein Flüssigbad gezogen. Bedruckt sind die Platten in vier verschiedenen Farben: Schwarz, gelb, magenta und zyan. Artikel, Bilder und Anzeigen in ihren verschiedenen Farben werden daraus gemischt. Die fertigen Druckplatten werden auf Walzen gespannt und kommen dann in einer hoch technologisierten, rund 40 Meter langen und acht Meter hohen Maschine zum Einsatz. Im "Druckturm" verbinden sich schließlich Farbe und Papier.

3.30 Uhr. Ein grelles Licht durchbricht die rabenschwarze Nacht. Die Scheinwerfer eines weißen Transporters fahren auf die Abladestelle zu. Die Fahrerin steigt aus. Sie öffnet die Tür des Anhängers und hievt mehrere Pakete auf den kalten Boden. Drei Stapel fertigt sie an. Jeweils mit verschieden vielen Paketen. Die Pakete sind in eine transparente Hülle gepackt, festgezurrt mit einem Plastikband.

"So, jetzt kommt gleich die Katze. Normal wartet sie schon auf mich. Na, wo ist sie denn heute?" Vicky klappt eine der Zeitungsboxen auf und füllt eilig Katzenfutter in ein kleines Schälchen. Und da kommt sie schon, die Zeitungs-Mieze.

Täglich wartet die Zeitungs-Katze auf Vicky. Dann bekommt sie einen Nacht-Snack.
Täglich wartet die Zeitungs-Katze auf Vicky. Dann bekommt sie einen Nacht-Snack.
Bild: Marina Kraut

Vicky ist in Lechbruck angekommen. Der Ort am Ende des Ostallgäus ist einer der letzten ihrer Route. Hat sie ihre Zeitungen dort abgeliefert, weiß sie, es ist noch etwa eine Stunde bis zurück nach Waltenhofen. Dort ist der Sitz der Spedition "Stölzle", für die sie seit mehreren Jahren Zeitungen ausfährt. Jede Nacht fährt sie etwa 190 Kilometer. Hat sie ihre Tour beendet, trägt sie anschließend noch in Teilen von Kempten die Zeitung aus.

Während ihrer Jahre als Zeitungs-Fahrerin hat Vicky schon einige tierische Geschichten erlebt. "Ich hab sogar schon Pferde eingefangen. Gefühlt 30 Minuten lang hab ich da an der Tür bei dem Bauern geklingelt, bis er aufgemacht hat." Auch Hühner auf Abwegen sind ihr schon begegnet: "Die sturen Tiere haben sich einfach nicht einfangen lassen." Vicky lacht und erzählt weiter von ihren eigenen Tieren. Acht Katzen und einige Hühner hat sie. Eine Beziehung hat sie nicht. "Ich muss sagen, es ist wirklich schwierig, jemanden kennenzulernen. Vor allem mit der Nachtschicht und gerade mit Corona."

2.45 Uhr. Irgendwo im Ostallgäu. In irgendeinem Weiler, zu dem eine Straße führt, die im Winter nicht immer befahrbar ist. "Aber heute geht's, glaub ich", sagt Vicky und nimmt Schwung. "Komm Muckerle, das packst du schon". Muckerle, so nennt sie ihren Transporter mit einem Augenzwinkern.

Nicht immer mag Vicky ihren Job. "Manchmal fehlt das Verständnis. Viele haben die Vorstellung, wir fahren da chillig umher." Dabei hat Vicky bereits jetzt Probleme mit der Bandscheibe. Auf ihrer heutigen Route muss die 33-Jährige 65 Mal halten. Das bedeutet etwa 50 Mal Tür auf, aussteigen und Pakete stapeln. An Spitzentagen sind es bis zu 90 Zeitungspäckchen. "Für Püppchen ist dieser Job nichts", ist Vicky sicher.

"Hörst du das Lied? Das find ich top, das haben die echt gut hinbekommen." Vicky dreht das Radio lauter, während sie am Forggensee entlang in Richtung Rieden fährt. Im Radio läuft Alligatoah x Sido. "Ich bin perfekt, wie ein Gemälde von Monet. Ich bin perfekt auch mit nem leeren Portemonnaie."

  • Insgesamt laufen etwa 30.000 Zeitungen pro Stunde über so einen Falzapparat. Der Falzapparat sorgt nicht nur für den richtigen "Knick in der Zeitung", sondern überprüft unter anderem auch, ob die Farbmischung passt. Doch auch in der Zeitungsproduktion geht nichts ohne den Mitarbeiter. Während der Produktion in den Drucktürmen prüfen Mitarbeiter regelmäßig das bedruckte Papier. Stimmen die Seiten mit denen überein, die am Bildschirm geplant wurden? Wichtig ist der reibungslose Ablauf der ganzen Produktionskette. Denn Rietzler weiß: "Nichts ist älter als die Zeitung von gestern."

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Wie entsteht eine Zeitung? Bilder einer Produktion

1.15 Uhr. Vickys Route geht einmal rund um den Forggensee. Ihr erster und auch letzter Stopp ist Roßhaupten. Das Dorf mit seinen etwa 2.200 Einwohnern erhält mit als erstes seine Zeitungen. Karin, eine der Zustellerinnen in Roßhaupten, wartet bereits an der Ablagestelle neben der Kirche.

"Mit denen komm ich allen klar." Die Menschen, die auf Vicky warten, sind der Teil, den sie an ihrer Arbeit mag. Auch unter Zeitdruck wechselt ´sie mit einigen Zustellern gerne ein paar Worte. Man kennt sich, tauscht sich aus. So auch mit Karin. Die beiden unterhalten sich über letzten Samstag. Da gab es eine technisch bedingte Verzögerung bei der Zeitungsproduktion. Vicky musste länger in der Halle warten, die Ankunft in Roßhaupten war deshalb auch viel später.

Im Laufe ihrer Route, wird Vicky noch andere Zusteller treffen. Einen davon nennt sie Opi und auch er wartet schon. Er erzählt ihr von seinem Krankenhausaufenthalt, dem Patienten in seinem Zimmer, der laut schrie und seiner Zuversicht, als er die vielen schwerkranken Menschen in der Klinik sah.

Ein kurzer Plausch unter Zeitungs-Zustellerinnen. Vicky unterhält sich mit Karin in Roßhaupten.
Ein kurzer Plausch unter Zeitungs-Zustellerinnen. Vicky unterhält sich mit Karin in Roßhaupten.

23.40 Uhr. Alle Zeitungen sind verladen. Vicky zieht ihre Jacke aus und winkt ihren Kollegen in der Druckerei in Kempten noch einmal zu. Sie kennt hier alle. Weiß über jeden ein paar Details, freut sich, sie nach ihrem Urlaub wieder zu sehen. Doch jetzt geht die Tour los. Vicky steckt sich eine Zigarette in den Mund, kurbelt das Fenster herunter und erzählt.

22.45 Uhr. Es schneit und schneit und schneit. Der Transporter, mit dem Vicky gleich von Waltenhofen nach Kempten in die Druckerei der Allgäuer Zeitung fahren wird, ist voller Schnee. "Bei solchen Verhältnissen wird's knapp", sagt sie und kehrt die Windschutzscheibe ab.

  • Zeitungszustellerin und Zeitungszusteller: "Für mich war es immer der perfekte Beruf für eine junge Mutter", sagt Rietzler. Noch bevor sich die Kinder für die Schule fertig machen müssen und der Mann aus dem Haus ist, kann sie sich durch den Zusteller-Job Geld dazu verdienen. Zeitungs-Zusteller werden oft gesucht, es kann ein lukrativer Nebenjob sein. Die Nachfrage nach seriösen Informationen ist auch in Zeiten des Internets groß - und die Zeitung weiterhin gefragt.

Wenn die letzten Artikel geschrieben und zum Druck frei gegeben sind, macht sich Elfriede auf ins Bett und Vicky bereitet sich auf ihre Nachtschicht vor. Die Produktion der Zeitung ist ein großes Uhrwerk mit vielen einzelnen Zahnrädern. Sechs Tage die Woche.