Weltdiabetestag

"Sie sind müde, zittrig, schlecht gelaunt": Das sagt eine Allgäuer Expertin über die Zuckersucht

So ist Zucker leicht erkennbar - doch in vielen Lebensmittel wird er versteckt.

So ist Zucker leicht erkennbar - doch in vielen Lebensmittel wird er versteckt.

Bild: Rolf Vennenbernd, dpa

So ist Zucker leicht erkennbar - doch in vielen Lebensmittel wird er versteckt.

Bild: Rolf Vennenbernd, dpa

Nur eine Portion Pasta, eine Cola und noch ein Eis. Deutsche essen zu viel Zucker. Wir haben mit einer Allgäuer Ernährungsmedizinerin über die Sucht gesprochen.
14.11.2020 | Stand: 15:42 Uhr

Das Bewusstsein für Sport und gesunde Ernährung steigt - zumindest bekommt man den Eindruck, wenn man viel in sozialen Netzen unterwegs ist. Fakt ist aber: Die Deutschen essen immer noch zu viel Zucker. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung konstant in den vergangenen Jahren. 2018 berichtete die DGE, dass Deutsche im Durchschnitt 25 Prozent mehr Zucker essen, als sie eigentlich brauchen. Was kann das für Folgen haben? Wir haben mit Dr. Andrea Wirrwitz-Bingger darüber gesprochen. Sie ist Ernährungsmedizinerin und betreibt eine Praxis in Oberstaufen.

Frau Wirrwitz-Bingger, beim Stichwort Zucker denken die meisten Menschen sicher zunächst an den weißen Industriezucker, so einfach ist es aber doch sicherlich nicht?

Wirrwitz-Bingger: Richtig. Der Begriff „Zucker“ wird oft als Synonym für „Kohlenhydrate“ verwendet. Es gibt da aber natürlich Unterschiede: Komplexe Kohlenhydrate, wie Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte zum Beispiel haben einen höheren Nährwert als kurzkettige, wie Haushaltszucker oder Weißmehl. Sie werden langsamer abgebaut, man ist also länger satt.

Andere Zucker hingegen lassen den Blutzuckerspiegel im Blut schnell nach oben schießen, er sinkt aber ebenso so schnell wieder ab und wir entwickeln schneller Heißhunger auf Zuckerhaltiges.

Viele Menschen sind nahezu süchtig nach Zucker

Warum mögen wir Menschen Süßes so gerne, sind fast schon süchtig nach Zucker?

Wirrwitz-Bingger: Das Bedürfnis nach Süßem ist ein Urbedürfnis des Menschen. Auch deshalb, weil der süße Geschmack immer vermittelt, dass etwas „ungefährlich“ ist. Ein bitteres Lebensmittel könnte auch giftig sein. Daher sind viele Menschen so zuckeraffin, weil er – allerdings nur kurzfristig – glücklich macht. Und das nutzt die Industrie schamlos aus.

Andrea Wirrwitz-Bingger berät in ihrer Praxis in Oberstaufen oft Patienten, die süchtig nach Zucker sind.
Andrea Wirrwitz-Bingger berät in ihrer Praxis in Oberstaufen oft Patienten, die süchtig nach Zucker sind.
Bild: Lea Elisa Burkard, Fotografie mit Herz

Inwiefern?

Wirrwitz-Bingger: Da wird geschickt verschleiert, wie viel Zucker wirklich in den Lebensmitteln versteckt ist. In Convenience-Lebensmitteln ist oftmals unfassbar viel Zucker enthalten. Zucker hat viele Namen, es sind mehr als 70 bekannt.

Oft versteckt sich hinter harmlosen Begriffen auch Zucker

Ein Beispiel?

Wirrwitz-Bingger: Molkereierzeugnis. Das hört sich gesund an. Schaut man aber einmal genau auf die Inhaltsstoffe, sieht man, dass hier Milchzucker zugesetzt wurde. Auch in vermeintlich salzigen oder sauren Produkten wie Heringssalat oder Essiggurken und natürlich in Ketchup findet sich reichlich Zucker. Der ständige Konsum führt dann letztlich auch zu diesem andauernden Zuckerhunger – ein echtes Suchtverhalten. „Ich kann einfach nicht aufhören“, sagen viele meiner Patienten. Da wird teilweise der gesamte tägliche Energiebedarf bereits über süße Getränke und Säfte gedeckt. Und das Essen kommt dann noch zusätzlich oben drauf.

Wie gehen Sie in der Therapie dann vor?

Wirrwitz-Bingger: Um diese Menschen in der Ernährungstherapie von Zucker zu entwöhnen, essen sie zwei Wochen nach weitgehend kohlenhydratfreien Rezepten. Und da zeigen sich dann auch oft echte Entzugserscheinungen: Sie sind müde, zittrig, schlecht gelaunt, und können sich nur schwer konzentrieren. Nach einigen Tagen bessert sich das dann deutlich.

Welche Auswirkungen kann ein zu hoher Zuckerkonsum dauerhaft auf die Gesundheit haben?

Wirrwitz-Bingger: Die Menschen bekommen in immer jüngeren Jahren Stoffwechselstörungen, etwa Typ II Diabetes. Das lebenswichtige Darm-Mikrobiom, die Gesamtheit aller Bakterien im Darm, ist nach wissenschaftlicher Erkenntnis maßgeblich am Stoffwechsel beteiligt und leidet durch zu viel Zucker enorm. Das kann sogar so weit gehen, dass eine Fehlsteuerung der Darm-Hirn-Achse, der Verbindung des Mikrobioms mit dem Gehirn, Depressionen fördern kann.

Wie entscheidend ist das familiäre Umfeld bei Kindern?

Wirrwitz-Bingger: Sehr entscheidend. Bei Kindern in unserer Therapie sind immer die Familien involviert. Dabei zeigt sich häufig, dass die Ernährungspyramide komplett auf dem Kopf steht. Da gibt es oft leicht verwertbare Kohlenhydrate und ganz selten mal ein Stück Obst oder Gemüse. Es sollte aber genau umgekehrt sein. Viele Kinder essen in einem Jahr eine Zuckermenge, die ihr eigenes Körpergewicht übersteigt.

Und was kann man präventiv tun?

Wirrwitz-Bingger: Man kann Kindern Süßigkeiten nicht ganz verbieten – aber es sollte in Maßen geschehen und die Eltern sollten eine gesunde Ernährung vorleben. Dazu gehört, Fertigprodukte aus dem Supermarkt möglichst zu vermeiden und lieber selbst frisch zu kochen. Pflanzliches und tierisches Eiweiß sollte zu jeder Mahlzeit Platz auf dem Teller finden, denn das sättigt. Ein Beispiel: Kaufen Sie keine Fruchtbuttermilch im Supermarkt, da ist oft viel Zucker zugesetzt. Pürieren Sie ein Stück Obst mit Buttermilch– das ist gesund und Sie wissen, was drin ist.

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Wie süchtig sind wir wirklich nach Zucker? Unsere Redakteurin macht der Selbstversuch. Ab Montag auf www.allgaeuer-zeitung.de.