"Too Good To Go"

Allgäuer Cafébesitzerin: "So rette ich Lebensmittel per App!"

Anita Ruf und ihre "Wundertüte": Für 3,50 Euro bekommt der Kunde am Abend eine Tüte voller Lebensmittel, die sonst womöglich weggeworfen worden wären.

Anita Ruf und ihre "Wundertüte": Für 3,50 Euro bekommt der Kunde am Abend eine Tüte voller Lebensmittel, die sonst womöglich weggeworfen worden wären.

Bild: Ruf

Anita Ruf und ihre "Wundertüte": Für 3,50 Euro bekommt der Kunde am Abend eine Tüte voller Lebensmittel, die sonst womöglich weggeworfen worden wären.

Bild: Ruf

Ein Drittel der Lebensmittel in Deutschland landet jedes Jahr im Müll. Bis zu 18 Millionen Tonnen! Eine Allgäuerin sagt der Verschwendung per App den Kampf an.

15.04.2020 | Stand: 11:18 Uhr

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von allgaeu.life. Er erschien zuerst im Mai 2019.

Wer ein Café betreibt, sollte mit Menschen können. So wie Anita Ruf. Die blonde Frau schwärmt in höchsten Tönen von ihren Gästen und Mitarbeitern, mit denen sie täglich im "Café Anita" im Memminger Westen zu tun hat. In dem kleinen Café inmitten eines Wohnviertels trifft sich jeder mit jedem: Rentner zum Kaffeeklatsch bei Sahnetorte, Mütter, die ihren Kindern eine Kugel Eis kaufen oder Pendler, die dem Stau auf der nahegelegenen Autobahn entfliehen.

Trotzdem fühlt sich Anita Ruf bisweilen wie eine Einzelkämpferin. Und das hat mit der Initiative "Too Good To Go" zu tun. Denn außer dem "Café Anita" ist in Memmingen aktuell nur die Real-Supermarktkette bei der App vertreten, die Lebensmittel vor der Tonne retten will.

Ansätze dazu gibt es inzwischen viele: die Tafeln, klar. Die Initiative Foodsharing. Die Ökokiste. "Too Good to Go" ist eine weitere Alternative, die - anders als in Großstädten - in der Region noch weitgehend unbekannt ist. "Ich wünsche mir, dass noch viel mehr mitmachen", sagt Anita Ruf, die von der Idee begeistert ist.

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Die WWF schätzt: Würde man nur ein Viertel der globalen Lebensmittelverluste retten, ließen sich damit alle Menschen ernähren, die derzeit Hunger leiden.
Bild: Arno Burgi/dpa

Der Gedanke dahinter ist einfach: Viele gastronomische Betriebe haben regelmäßig überschüssiges Essen. Lässt sich abschätzen, was am Ende des Tages übrig bleibt, kann der "Too Good To Go"-Verkäufer die Menge tagesaktuell in der App einstellen. Für die User gilt das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Kunden sichern sich ihre Portion per Touch auf das Display, bezahlt wird direkt in der App via PayPal oder Kreditkarte. Zur angegebenen Uhrzeit kann man sich dann sein Essen vor Ort abholen.

Win-Win-Win-Situation

Die dänischen Erfinder der App sprechen von einer Win-Win-Win-Situation, die sie mit ihrem Start-up geschaffen hätten: "Leckeres Essen zum reduzierten Preis für die Kundschaft, weniger Verschwendung für die Betriebe und Ressourcenschonung für die Umwelt", seien die Vorteile für alle Seiten.

Bei Anita Ruf kostet die "Wundertüte" 3,50 Euro - ein Euro davon geht an die Betreiber der App. In der Tüte bekommt der Kunde Lebensmittel im Wert von mindestens acht Euro. "Oft ist es sogar noch mehr", erzählt die Caféinhaberin und schmunzelt: "Manchmal kommt eine Mutter mit Kind bei mir vorbei. Das hofft dann immer, dass noch Himbeertorte übrig ist, weil's die sonst nicht gibt. Dann packe ich drei Stück Himbeertorte zum Preis von einem in die Tüte zum Brot, den süßen Teilchen und den Semmeln."

Zwei Tüten pro Tag stellt die Allgäuerin in der App ein. "So viel bleibt immer übrig. Sehe ich, dass ich noch mehr habe, kann ich die Menge problemlos nach oben setzen." Bei den Kunden wird das Angebot gut angenommen. "Seit das Thema Nachhaltigkeit in aller Munde ist, hat die Nachfrage angezogen. Manchmal sind die Portionen in der App schon nach wenigen Minuten verkauft, es gibt aber auch Tage, da meldet sich gar keiner. Ein paar Hundert Portionen habe ich auf jeden Fall schon gerettet", sagt sie.

Aaargh, zu spät! Wenn sich bereits andere App-User die übriggebliebenen Portionen gesichert haben, wird das in der App angezeigt.
Aaargh, zu spät! Wenn sich bereits andere App-User die übriggebliebenen Portionen gesichert haben, wird das in der App angezeigt.
Bild: Screenshot der App

Die Erfinder der App sprechen von insgesamt 13,3 Millionen geretteten Mahlzeiten und über 22.000 Partnerbetrieben, die das System inzwischen nutzen. In der Region sind bislang unter anderem die "Nordsee"-Restaurants, die Real-Märkte, der Bäcker Mayer in Isny und seit kurzem auch das Restaurant Strandhaus in Lindau dabei.

Dessen Geschäftsführer Klaus Winter freut sich besonders, dass die restlichen Portionen seines Mittagsbüffetts nicht mehr "im Eimer landen", sondern in Tupperdosen von der "Too Good To Go"-Kundschaft abgeholt werden. 

Die setzt sich nach Einschätzung von Anita Ruf übrigens völlig unterschiedlich zusammen: "Zu mir kommen Leute, die sparen wollen oder sich kein teures Essen leisten können. Aber auch Menschen, die einfach was gegen die Verschwendung von Lebensmitteln tun möchten." 

Laut WWF wären 10 Millionen der 18 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste jährlich in Deutschland vermeidbar. Dazu bräuchte es verbessertes Management entlang der Wertschöpfungskette, andere Marketingstrategien der großen Ketten - oder aber, als Anfang: wenn jeder Einzelne bei sich beginnt. So wie Anita Ruf.