Sie leben von Hartz IV

Arme Kinder in einem reichen Land

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Suppenküchen für Bedürftige boomen in Deutschland. Eine Entwicklung, die viele nachdenklich macht.

Bild: Jens Büttner

Suppenküchen für Bedürftige boomen in Deutschland. Eine Entwicklung, die viele nachdenklich macht.

Bild: Jens Büttner

Seit 2011 wuchs nicht nur die Wirtschaft, sondern auch der Anteil der Mädchen und Jungen, die von Hartz IV leben müssen. Vor allem in westdeutschen Städten nimmt die Zahl zu.
Von Martin Ferber
14.09.2016 | Stand: 15:12 Uhr

Die Suppenküchen boomen und an den Tafeln wird der Andrang immer größer. Die unabhängige Bertelsmann-Stiftung schlägt Alarm – und die Sozialverbände fühlen sich in ihrer Kritik an der Familienpolitik der Großen Koalition bestätigt. „Die Wirtschaft wächst, doch die Kinderarmut auch“, heißt es in einer aktuellen Studie des Gütersloher Forschungsinstituts, die am Montag veröffentlicht wurde.

Knapp zwei Millionen Kinder wachsen demnach in Familien auf, die auf Hartz IV angewiesen sind, das sind 14,7 Prozent aller Unter-18-Jährigen in Deutschland. Vor fünf Jahren waren es noch 14,3 Prozent. Und das, obwohl im gleichen Zeitraum das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 2,754 Billionen Euro auf 3,025 Billionen stieg, womit die Bundesrepublik hinter den USA, China und Japan auf Platz vier liegt. Doch immer mehr Menschen werden von der gesamtwirtschaftlichen Lage abgekoppelt und sind auf Dauer auf die staatliche Grundsicherung angewiesen.

Besonders betroffen sind nach den Erkenntnissen der Bertelsmann-Stiftung Kinder in zwei Familienkonstellationen: Von allen Minderjährigen, die auf Hartz IV angewiesen sind, leben 50 Prozent in alleinerziehenden Familien sowie 36 Prozent in Großfamilien mit drei oder mehr Kindern.

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Traurige Entwicklung: Bei manchen Eltern ist das Geld für Teddybären und Spielsachen knapp.
Bild: Sebastian Gollnow

Und besonders hoch ist das Risiko, wenn sie in Bremerhaven (40,5 Prozent), Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle/Saale (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) oder Berlin (32,2 Prozent) zu Hause sind. Eine weitere Erkenntnis der Studie: Die Kinderarmut verfestigt sich und wird für viele zu einem Dauerzustand. Von den betroffenen Kindern im Alter von sieben bis unter 15 Jahren bezogen 57,2 Prozent drei Jahre und länger die staatliche Grundsicherung.

Allerdings ist die Kinderarmut in Deutschland regional sehr unterschiedlich verteilt. Und es gibt gegenläufige Entwicklungen zwischen West- und Ostdeutschland. Im Osten sank die Quote im Vergleich zu 2011 von 24 auf 21,6 Prozent, verharrt aber auf hohem Niveau.

Im Westen stieg sie im gleichen Zeitraum von 12,4 auf 13,2 Prozent. Insgesamt nahm die Zahl der von Armut betroffenen Kinder in neun der 16 Länder zu, am stärksten in Bremen (plus 2,8 Prozentpunkte auf 31,6 Prozent), im Saarland (plus 2,6 Punkte auf 17,6) sowie in Nordrhein-Westfalen (plus 1,6 Punkte auf 18,6).

Aber auch in den Boom-Regionen der Republik mit den niedrigsten Quoten wuchs die Kinderarmut. In Bayern nahm der Anteil um 0,4 Punkte auf 6,8 Prozent zu, in Baden-Württemberg um 0,5 Punkte auf 8,0 Prozent, in Rheinland-Pfalz um 0,8 Punkte auf 11,5 Prozent sowie in Hessen um 1,1 Punkte auf 14,4 Prozent. Besonders besorgniserregend sind nach Ansicht der Autoren der Studie die langfristigen Folgen für die Kinder. „Kinderarmut beeinträchtigt die Chancen für das ganze Leben“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Je länger Kinder in Armut leben, desto negativer sind die Folgen für ihre Entwicklung.

Sie haben häufig kein eigenes Zimmer und somit keinen Rückzugsort für Schularbeiten. Im Vergleich zu den Gleichaltrigen aus gesicherten Einkommensverhältnissen sind sie häufiger sozial isoliert, gesundheitlich beeinträchtigt und ihre gesamte Bildungsbiografie ist belasteter.

Als Konsequenz fordert der Chef der Bertelsmann-Stiftung eine Neuberechnung der Grundsicherung. Sie müsse sich künftig daran orientieren, „was Kinder für gutes Aufwachsen und Teilhabe brauchen“, sagt Dräger. Grundlage der Berechnung sollte der tatsächliche Bedarf der Unter-18-Jährigen sein. „Nur so kann Kinderarmut wirksam bekämpft werden.“ Die Bertelsmann-Stiftung werde zu diesem Thema mit Experten aus der Wissenschaft ein Konzept mit Lösungsvorschlägen entwickeln. Langfristig können sich die Folgen durch das ganze Leben ziehen.