Allgäuer Liebesgeschichte

Briefschreiber wartet 22 Jahre lang auf Antwort

22 Jahre ist es her, dass Werner Schmidt (Mitte) auf seiner Schreibmaschine den Brief an die Familie Rossmeisl schrieb. Nun melden sich fast ein viertel Jahrhundert später Erwin (rechts) und Roger (links) Rossmeisl bei dem 93-Jährigen.

22 Jahre ist es her, dass Werner Schmidt (Mitte) auf seiner Schreibmaschine den Brief an die Familie Rossmeisl schrieb. Nun melden sich fast ein viertel Jahrhundert später Erwin (rechts) und Roger (links) Rossmeisl bei dem 93-Jährigen.

Bild: Dunja Schütterle

22 Jahre ist es her, dass Werner Schmidt (Mitte) auf seiner Schreibmaschine den Brief an die Familie Rossmeisl schrieb. Nun melden sich fast ein viertel Jahrhundert später Erwin (rechts) und Roger (links) Rossmeisl bei dem 93-Jährigen.

Bild: Dunja Schütterle

Diese Geschichte könnte aus dem Drehbuch eines Liebesfilms sein: Der Memminger Werner Schmidt schrieb vor 22 Jahren einen Brief an seine erste große Liebe und erhält fast ein viertel Jahrhundert später eine Antwort. Auch, wie der 93-Jährige seine Liebe in den Niederlanden kennenlernte, ist filmreif.
10.11.2017 | Stand: 12:53 Uhr

Der heute 93-jährige Werner Schmidt aus Memmingen tippte auf seiner grauen Triumph-Reiseschreibmaschine einen Brief, der 22 Jahre später persönlich beantwortet wurde.

Die fein-säuberlich angeschlagenen Wörter auf weißem Briefpapier erzählen von der Dankbarkeit eines 17-jährigen Soldaten, den es durch seinen Kriegseinsatz im Zweiten Weltkrieg von seiner Heimat Pommern in die Niederlande verschlagen hatte.

Dort lernte er die Familie Rossmeisl kennen, die den jungen Rekruten bei sich aufnahm. In dem Brief schwelgte Schmidt in Erinnerungen an das Jahr 1942. Besonders dachte er an den Weihnachtsabend und vor allem an Marie-Anne, genannt Ria, die älteste Tochter des Hauses.

„Es war Liebe auf den ersten Blick. Obwohl ich eigentlich zur verhassten Wehrmacht gehörte, wurde ich als Mensch herzlich aufgenommen“ Werner Schmidt

„Bevor Unwissende meine lieben Erinnerungen wie das beiliegende Foto beseitigen, möchte ich es gerne zurückgeben“, schrieb er damals in dem Brief.

Als die Post im niederländischen Tilburg beim jüngsten Sohn der Familie, Roger Rossmeisl, ankam, hatte dieser keine Erinnerung mehr an einen deutschen Soldaten. So kam es, dass der Brief aus Memmingen zwar aufgehoben, aber nie beantwortet wurde.

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Ein Zufall förderte ihn im vergangenen Sommer wieder zutage. Roger Rossmeisl wusste, dass sich seine Neffen Erwin und Roger mit der Familiengeschichte beschäftigen. Mithilfe der Memminger Stadtverwaltung konnten die beiden den Briefschreiber Werner Schmidt ausfindig machen, der im Seniorenheim lebt.

„Die dem Brief beigefügte Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt unsere Tante Ria mit unseren Vätern Franz und Hans als kleine Kinder. Da wollten wir mehr erfahren“, sagten Roger und Erwin Rossmeisl, als sie Schmidt jetzt in Memmingen besuchten.

Der geistig rege Witwer freute sich sehr über den Besuch und tauchte erneut in die vergangene Zeit ein, von der er so gerne erzählt. Sein Feldwebel war ein Musik liebender Mensch, er schickte den jungen Soldaten regelmäßig in das Musikgeschäft Rossmeisl, um nach Schallplatten zu stöbern.

Dabei lernten sich Ria und Werner kennen. „Es war Liebe auf den ersten Blick. Obwohl ich eigentlich zur verhassten Wehrmacht gehörte, wurde ich als Mensch herzlich aufgenommen“, erzählt Schmidt mit verklärtem Blick.

Der Krieg war es dann auch, der die beiden wieder trennte. Er kam nach Italien, wo ihn die Amerikaner gefangen nahmen. Erst im März 1946 wurde Schmidt entlassen. Nach Hause konnte er nicht mehr, da seine Eltern nach Schleswig-Holstein vertrieben wurden. Sein ehemaliger Kamerad Horst Allgöwer bot ihm an, nach Memmingen zu kommen. Hier baute sich Schmidt ein neues Leben auf, wurde Polizist und später Stadtrat.

„Ria stand hinter dem Tresen“

In der Evangelischen Gemeindejugend lernte er seine spätere Frau Hildegard kennen, die er 1949 heiratete. Mit ihren Kindern besuchten sie in den 1960er-Jahren noch einmal das Städtchen Tilburg.

„Wie früher stand Ria hinter dem Tresen im Laden. Als sie sah, dass ich nicht alleine kam, war der Besuch sehr kurz“, erinnert sich Schmidt. „Ich habe Ria nie vergessen können, sie ist und bleibt meine erste große Liebe.“ Wie Roger und Erwin Rossmeisl bei ihrem Besuch in Memmingen erzählten, starb Rita 1975, ohne jemals geheiratet zu haben.

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