75 Jahre Neugablonz

Der ungewöhnlichste Stadteil im Allgäu: Wie es wirklich ist, in Neugablonz zu leben

14.000 Einwohner leben in Neugablonz. Es ist der jüngste Stadtteil von Kaufbeuren (knapp 44.000 Einwohner) im Ostallgäu.

14.000 Einwohner leben in Neugablonz. Es ist der jüngste Stadtteil von Kaufbeuren (knapp 44.000 Einwohner) im Ostallgäu.

Bild: Stephan Michalik / Harald Langer / Naomi Ungar

14.000 Einwohner leben in Neugablonz. Es ist der jüngste Stadtteil von Kaufbeuren (knapp 44.000 Einwohner) im Ostallgäu.

Bild: Stephan Michalik / Harald Langer / Naomi Ungar

Diese Siedlung fällt total aus der Reihe: Hochhäuser, Plattenbauten und eine Bunkeranlage prägen das Bild von Neugablonz. Wie lebt es sich dort?
04.03.2021 | Stand: 09:35 Uhr

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von allgaeu.life. Er erschient zuerst im Frühjahr 2019.

Nein, schön finden Gerold (80) und Elisabeth (64) Linke die Wohnblocks noch immer nicht. Dennoch haben sie aus Sicht des Ehepaars einen Vorteil: "Neugablonz ist günstig und praktisch. Wir haben alles vor Ort: Supermärkte, Ärzte, Gaststätten. Das ist schon anders als auf einem Dorf, wo man für alles mit dem Auto rumfahren muss."

Die beiden fühlen sich unterm Strich wohl in Neugablonz. Nur der Müll auf den Rasenflächen vor ihrer Wohnung im Block stört sie: "Das hat zugenommen, seit hier viele Asylbewerber neu hinzugekommen sind. Wir haben uns von Anfang an um die Jungs gekümmert. Aber jeden erreicht man leider nicht." Dass Gerold Linke verständnisvoll ist und für einige Neulinge zu einer Art "Papa" wurde, erklärt sich auch aus seiner eigenen Biografie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er mit seiner Familie selbst aus Nordböhmen im heutigen Tschechien vertrieben und landete schließlich - wie Tausende seiner Landsleute - als Fremder in Neugablonz.

"Damals war hier noch alles Wald. Es gab nur die Trümmer einer ehemaligen Munitionsanlage. In diesen Bunkern wurden Baracken errichtet, in denen wir anfangs lebten."

Viele Ostallgäuer reagierten verhalten bis abweisend auf die "Neuen", erinnert sich Gerold Linke: Das Schimpfwort "Du Huraflüchtling" klingt ihm noch immer in den Ohren. Doch die Vetriebenen blieben. Über 15.000 sollen es gewesen sein. Und mit ihnen begann die Geschichte des heutigen Neugablonz.

Reißbrettartig wurde die Siedlung entworfen. Schnell und billig entstand ein Wohnblock nach dem anderen. Für architektonische Feinheiten fehlten Zeit und Geld. Die Menschen waren froh, ein Dach überm Kopf zu bekommen. So entstand ein grauer Beton-Stadtteil wenige Kilometer von der Kaufbeurer Altstadt entfernt.

In einem der Wohnblocks in der Grünwalderstraße wohnt das Ehepaar Linke.
In einem der Wohnblocks in der Grünwalderstraße wohnt das Ehepaar Linke.
Bild: Michalik

"Diesen Kontrast können Besucher kaum glauben. Das ist wie eine andere Welt", sagt Historiker Manfred Heerdegen. Der 59-jährige aus Kempten ist aber noch von einer anderen Geschichte fasziniert. Die meisten Vertriebenen stammten aus dem 600 Kilometer entfernten Gablonz (heute Jablonec in Tschechien).

Balkon mit Sonnenblick: Im Blattneiweg steht dieses Hochhaus.
Balkon mit Sonnenblick: Im Blattneiweg steht dieses Hochhaus.
Bild: Michalik

Der Ort war berühmt für seine Glas- und Schmuckwarenindustrie, die so genannte "Gablonzer Industrie", in der viele untereinander vernetzte Betriebe gefragte Produkte fertigten. Und genau daran knüpften die Vertriebenen an ihrer neuen Stätte an, die folgerichtig "Neugablonz" benannt wurde! "Das Erfolgsmodell wurde eins zu eins in Allgäu verpflanzt. Das hat es in dieser Form sonst nirgends in Deutschland gegeben", sagt Historiker Heerdegen.

Mit anderen Worten: Ausgerechnet im schlichten Neugablonz wurde Schmuck von hoher Qualität gefertigt. Einige Betriebe gibt es heute noch. Doch die meisten mussten im Lauf der Jahrzehnte schließen. Die Konkurrenz aus Billiglohnländern und verändertes Konsumverhalten gelten als Gründe.

Diese müssen Bäcker Rudolf Posselt (70) und seine Tochter Sabrina (33) nicht fürchten. Ihr Hauptgeschäft liegt an der vielbefahrenen Sudetenstraße und gilt als Institution im Kiez. Und das liegt an zwei Spezialitäten, die es sonst wohl in keiner anderen Bäckerei gibt: Kleckselkuchen und Butterwischel.

Beides gebacken nach einem alten Familienrezept, das aus - richtig! - Gablonz stammt. "Mein Vater hat die Bäckerei 1947 in Neugablonz aufgemacht."

Erfolgreiche Bäcker: Sabrina Posselt mit ihrem Vater Rudolf. Ganz wichtig: Butterwischel und Kleckselkuchen!
Erfolgreiche Bäcker: Sabrina Posselt mit ihrem Vater Rudolf. Ganz wichtig: Butterwischel und Kleckselkuchen!
Bild: Michalik

Von seinen Landsleuten wurde sein Konzept mit Rezepten aus der Heimat begeistert aufgenommen. "Brezen kannten die gar nicht..." Heute hat die Bäckerei Posselt vier Filialen, 40 Mitarbeiter und viele Fans. Kleckselkuchen (mit Mohn, Quark und Aprikosenmarmelade) und Butterwischel (leichter Hefeteig mit eingerollter Butter) werden teils sogar aus dem Ausland bestellt! "Sogar bis in die USA haben wir schon Päckchen verschickt", erzählen die Posselts, die ihren Betrieb derzeit auf "bio" umstellen.

Stolze Familie - und bald wieder Neugablonzer? (v.l) Christina, Nepumuk, Ida und Moritz Klemm.
Stolze Familie - und bald wieder Neugablonzer? (v.l) Christina, Nepumuk, Ida und Moritz Klemm.
Bild: Michalik

Die Zeiten ändern sich eben. Auch Neugablonz ist anders geworden. In den 1990 Jahren zogen 5.000 Spätaussiedler in den Stadtteil, der fortan den Beinamen "Klein-Russland" trägt. Doch das greift zu kurz, findet Historiker Heerdegen. Der billige Wohnraum lockte auch viele andere Neu-Bewohner: Studenten, einheimische Familien, Menschen mit Migrationshintergrund. "Neugablonz ist insgesamt offener geworden. Heute ist es ein ganz normaler Stadtteil."

Nicht ganz so normal hat ihn Moritz Klemm (29) empfunden. "Ich hab' mich zwar nie geschämt, in Neugablonz aufgewachsen zu sein. Aber ich bin sicher: Das haben sich viele." Noch heute witzeln seine Freunde, er käme doch aus dem 'Ghetto', erzählt er. "Wirklich Stress gab's aber nie. Klar hast Du bestimmte Bereiche nachts eher gemieden. Aber das ist ja in Kempten oder Memmingen genauso." Obwohl Moritz mit seiner kleinen Familie inzwischen in Germaringen (nahe Kaufbeuren) wohnt, ist er Neugablonzer durch und durch.

Sein Großvater, ein Vertriebener aus dem Sudetenland, gründete den Fachbetrieb für Heizung und Sanitär "Klemm Wasser + Wärme" - noch heute befinden sich die Büro-Räume der Klemms (inzwischen führt Moritz das Geschäft gemeinsam mit seinem Vater) in einem alten Lager-Bunker der Dynamit AG. Papa Wolfgang ist Frontman der Gablonzer-Mundart-Band 'Mauke' und Moritz selbst spielt Böhmische Blasmusik. "Und er macht die besten Liwanzen überhaupt", schwärmt seine Frau Christina. Li-was?! "Liwanzen sind eine Art Gablonzer Pancakes, also Pfannkuchen - aber mit Hefeteig", erklärt Moritz. Für die böhmische Spezialität braucht's sogar eine spezielle Pfanne. Und die kommt von Oma Klemm, importiert aus dem Sudetenland.

Ob's ihn und seine Family wieder zurück nach Neugablonz zieht? "Wenn sich die Gelegenheit ergibt, würde ich gerne wieder hier wohnen", sagt Moritz. "Das müsste ich allerdings mit meiner Frau ausdiskutieren. Die stammt aus Oberbeuren (Stadtteil von Kaufbeuren) und hat nicht die allerbeste Meinung von Neugablonz", erzählt er lachend.

Egal, wie man zu Neugablonz nun persönlich steht, eines steht für alle fest: Aus der Reihe fällt dieser Stadtteil allemal....

"Bedürfnisanstalt": So heißen die Toiletten in Neugablonz noch immer.
"Bedürfnisanstalt": So heißen die Toiletten in Neugablonz noch immer.
Bild: Michalik