Prozess in Unterfranken

Frau im Vollrausch überfahren: Angehörige hoffen auf Aufklärung

Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht Würzburg der Prozess gegen einen damals 18 Jahre alten Fahranfänger, der betrunken eine 20-Jährige überfahren hat.

Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht Würzburg der Prozess gegen einen damals 18 Jahre alten Fahranfänger, der betrunken eine 20-Jährige überfahren hat.

Bild: Joern Pollex, dpa

Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht Würzburg der Prozess gegen einen damals 18 Jahre alten Fahranfänger, der betrunken eine 20-Jährige überfahren hat.

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Das Leben von Theresa S. endete viel zu früh, weil ein betrunkener Fahranfänger sie überfuhr. Hinter Gitter muss er nicht. Nun wird der Fall neu aufgerollt.
Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht Würzburg der Prozess gegen einen damals 18 Jahre alten Fahranfänger, der betrunken eine 20-Jährige überfahren hat.
dpa
09.09.2020 | Stand: 21:17 Uhr

In der Hoffnung auf eine umfangreiche Aufklärung hat der Berufungsprozess um eine totgefahrene 20-Jährige durch einen betrunkenen Fahranfänger begonnen. Man wolle dieses Mal das Urteil verstehen, sagte der Vater der Verstorbenen am Mittwoch. In einem schwarzen Kapuzenpullover mit einem Pfeil auf dem Rücken saß er als Nebenkläger im Gerichtssaal des Landgerichts Würzburg. Das Symbol ist angelehnt an eine Tätowierung seiner Tochter und bedeute: Immer nach vorne schauen.

Die Familie hofft auf eine sorgfältige Aufklärung des Unfalls vom April 2017, denn nach dem ersten Verfahren, im Oktober 2019, seien viele Fragen offen geblieben. Was ist also in der Nacht passiert, als die junge Frau zusammen mit ihrem Freund auf dem Seitenrand einer Ortsstraße lief? Beide feierten mit Freunden in seinen Geburtstag, bevor sie sich auf den Heimweg bei Untereisenheim (Landkreis Würzburg) machten. Ihr Freund musste an seinem Geburtstag zusehen, wie sie von einem Auto erfasst und 13 Meter weit geschleudert wurde. Alleine in der Dunkelheit leistete er erste Hilfe, wartete laut eigenen Angaben rund zwanzig Minuten auf den Notarzt.

 

Knapp drei Promille Alkohol im Blut

Der Fahrer des Wagens war ein damals 18-Jähriger. Er kam von einem unterfränkischen Weinfest, fuhr mit erhöhter Geschwindigkeit und hatte knapp drei Promille im Blut. Ihm wird von der Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung vorgeworfen. Drei Mitfahrer müssen sich ebenfalls vor Gericht wegen unterlassender Hilfeleistung verantworten. Sie legten sich nach dem Unfall schlafen, hatten nach dem Aufprall keine Hilfe geleistet. Theresa starb wenige Tage nach der Unfallnacht im Krankenhaus.

Die vier Angeklagten wollten zum Auftakt am Mittwoch zunächst nicht erneut aussagen und verwiesen auf ihre Angaben, die während der Ermittlungen und bei der Verhandlung im vergangenen Oktober gemacht wurden. Der Vorsitzende Richter Reinhold Emmert bat daraufhin eindringlich, diese Strategie noch einmal zu überdenken - auch um den Angehörigen die Trauerarbeit zu erleichtern. Er unterbrach die Sitzung, um den Angeklagten und ihren Verteidigern Zeit zum Nachdenken zu geben. Anschließend sagten die drei Mitfahrer aus, hatten aber demnach wegen des starken Alkoholkonsums viele Filmrisse von der Unfallnacht. Der Hauptangeklagte sagte nicht aus.

"Der Aufklärung, die man den Hinterbliebenen schuldet, wird aus meiner Sicht von den Angeklagten nicht nachgekommen", sagte Anwalt Philipp Schulz-Merkel, der Angehörige des Opfers in der Nebenklage vertritt. Er bemängelte, dass die Fragen der Kammer von den jungen Männern nur sehr knapp beantwortet wurden. Für den Vater der Verstorbenen sei es dennoch "fast wie eine Erleichterung" gewesen, dass die Angeklagten sich doch den Fragen der Kammer stellten.

 

Amtsgericht verurteilte Männer zu Geldstrafen

Die jungen Männer wurden bereits im Oktober 2019 vor dem Amtsgericht Würzburg zu Geldstrafen verurteilt. Der 21-jährige Hauptangeklagte bekam wegen fahrlässiger Volltrunkenheit nach Jugendstrafrecht (Paragraf 323a des Strafgesetzbuches) eine Geldstrafe von 5000 Euro und ein Jahr Fahrverbot auferlegt. Das milde Urteil hatte in der Öffentlichkeit für Empörung gesorgt. Die Staatsanwaltschaft und die Familie in der Nebenklage legten Berufung gegen das Urteil ein.

Die Staatsanwaltschaft fordert in ihrer Begründung eine Verurteilung des Hauptangeklagten wegen fahrlässiger Tötung nach Erwachsenenstrafrecht. Vergangenen Oktober plädierte sie ebenfalls dafür und forderte eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren. Damals stufte ein Gutachten den jungen Mann zum Tatzeitpunkt als schuldunfähig ein - wegen seines Vollrausches.

Im Mittelpunkt der weiteren Verhandlung stehen nun zwei Gutachten, die die Schuldfähigkeit des Hauptangeklagten beurteilen sollen. Eines vom selben Gutachter vom Oktober 2019. Ein anderes von Psychiater Hans-Ludwig Kröber, ein bekanntes Gesicht aus Verfahren wie um die verschwundene Peggy Knobloch, Gustl Mollath oder Jörg Kachelmann. Sein Gutachten wird voraussichtlich zum Fortsetzungstermin am 24. September vorgetragen. Ein Urteil könnte zur letzten vorgesehenen Sitzung am 25. September fallen.

 

Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung?

Kommt die Kammer zu dem Entschluss, der Unfall sei im Zustand der Schuldfähigkeit erfolgt, kommt eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung in Betracht. Bei Schuldunfähigkeit sei eine Verurteilung wegen vorsätzlichen Vollrausches denkbar, sagte Richter Emmert. Bei einem vorsätzlichen Vollrausch wird juristisch davon ausgegangen, dass der Betroffene sich bewusst war, dass sein Konsumverhalten zu einem Vollrausch führt. Der Strafrahmen sei dabei der gleiche wie im Falle der fahrlässigen Tötung - eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren.

Für die Angehörigen stehen bis zur Urteilsverkündung weiterhin schmerzhafte Stunden im Gerichtssaal bevor. Seit dem Unfall kämpft die Familie mit einer Kampagne gegen Alkohol am Steuer. "Für mich war es das Schlimmste, was mir jemals passiert ist", sagte der Freund des Opfers am Mittwoch vor Gericht. Seither leide er unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Den Pfeil trägt er mittlerweile als Tattoo. Auch ihre Halbschwester und ihr Vater ließen sich den Pfeil als Tattoo stechen.