Interview

Gesundheitsminister Klaus Holetschek: "Können bei Corona-Impfungen jederzeit hochfahren"

Im August 2020 wurde Klaus Holetschek (CSU) als Staatssekretär ins Gesundheitsministerium berufen, im Januar dieses Jahres übernahm der 56 Jahre alte Memminger den Ministerposten.

Im August 2020 wurde Klaus Holetschek (CSU) als Staatssekretär ins Gesundheitsministerium berufen, im Januar dieses Jahres übernahm der 56 Jahre alte Memminger den Ministerposten.

Bild: Armin Weigel, dpa

Im August 2020 wurde Klaus Holetschek (CSU) als Staatssekretär ins Gesundheitsministerium berufen, im Januar dieses Jahres übernahm der 56 Jahre alte Memminger den Ministerposten.

Bild: Armin Weigel, dpa

Klaus Holetschek erklärt, warum die Impfungen in Bayern unterschiedlich schnell vorankommen, wo die Probleme liegen und ob noch eine vierte Corona-Welle droht.
10.05.2021 | Stand: 09:45 Uhr

Herr Holetschek, es gibt insbesondere in ländlichen Regionen Bayerns einige Aufregung darüber, dass es mit dem Impfen langsam oder ungleichmäßig vorangeht. Im Landkreis Starnberg zum Beispiel waren Ende April fast zweieinhalb Mal so viele Menschen geimpft wie in Landkreisen mit den niedrigsten Impfquoten. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Klaus Holetschek: Ja, aber dazu muss man das System verstehen. Unsere Impfstrategie hat seit dem 31. März zwei Säulen: Impfzentren und die Arztpraxen. Der Bund verteilt den immer noch knappen Impfstoff nach einem bestimmten Schlüssel. Ein festgelegter Teil geht an die Impfzentren, der Rest geht direkt über Großhandel und Apotheken an die Ärzte. Da spielt dann zum Beispiel auch der demografische Faktor eine Rolle. Der Landkreis Starnberg, wo es überdurchschnittlich viele ältere Menschen und Kliniken gibt, lag lange Zeit weit zurück, hat dann aber eine Sonderaktion mit AstraZeneca genutzt, um zusätzlichen Impfstoff zu bekommen, und kräftig aufgeholt. Zum anderen kommt es darauf an, wie viele Ärzte es in einem Landkreis gibt und wie viele von ihnen sich am Impfen beteiligen. Wir schauen uns das gerade genauer an, ob und wie wir das ausgleichen müssen. Unser Ziel dabei ist, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen.

In Hochinzidenzgebieten wie Tirschenreuth und Wunsiedel war Bayern sehr erfolgreich darin, mit mehr Impfstoff und Massenimpfungen die Infektionszahlen nach unten zu bringen. Wäre das auch möglich für Städte wie Augsburg oder Memmingen, wo die Inzidenzahlen zuletzt nur langsam sanken?

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Holetschek: Nein. Das wäre nur möglich, wenn wir mehr Impfstoff hätten. Der Impfstoffmangel ist immer noch der Flaschenhals im System. Die zusätzlichen Dosen für die Grenzregionen gingen auf Sonderzuteilungen des Bundes an den Freistaat zurück, die vom bayerischen Ministerpräsidenten angeregt worden waren. Solange wir jedoch keine weiteren Sonderkontingente erhalten, müssten wir den Impfstoff andernorts wegnehmen. Das würde nur zu neuen Ungleichgewichten führen.

Gesundheitsminister Holetschek: "Bei der Impfstoffversorgung darf es keine Rückschläge mehr geben"

Wann rechnen Sie denn damit, dass zumindest jeder zweite Bürger Bayerns die erste Spritze bekommen hat?

Holetschek: Wir haben aktuell 30 Prozent Erstimpfungen. Wenn es so weiter geht und genügend Impfstoff verfügbar ist, könnten wir Ende Mai oder Anfang Juni so weit sein. Die Weichen sind jedenfalls gestellt und die Impfungen in Bayern laufen gut. Allerdings steht eine sehr hohe Zahl an Zweitimpfungen an – dadurch wird die Quote für Erstimpfungen beeinflusst. Außerdem darf es bei der Impfstoffversorgung durch den Bund keine Rückschläge mehr geben.

Rechnerisch wären laut Zentralinstitut der kassenärztlichen Vereinigung schon jetzt über zwei Millionen in Deutschland Impfungen am Tag möglich. Stoßen wir bereits an logistische Grenzen, oder könnten wir alles verimpfen, was wir bekommen?

Holetschek: Ich denke schon. Wenn wir genügend Impfstoff haben, sind wir in der Lage, überall zu impfen – nicht nur in den Impfzentren oder bei den Hausärzten, sondern auch bei Betriebsärzten, Fachärzten oder in Krankenhäusern. Das können wir jederzeit hochfahren.

Lassen Sie uns über die Situation in Alten- und Pflegeheimen reden. Wir haben da sehr unterschiedliche Rückmeldungen von Betroffenen. Es gibt angeblich Heime, wo es immer noch kompliziert ist, jemanden zu besuchen, obwohl die Heimbewohner bereits geimpft sind.

Holetschek: Wir haben seitens des Gesundheitsministeriums keine Beschränkungen mehr ausgesprochen. Im Gegenteil, wir ermutigen die Einrichtungen, auch Gruppenangebote und soziales Leben in den Einrichtungen wieder aufleben zu lassen. Ich habe aber viel mit Heimen telefoniert. Ich verstehe, dass dort viele Heimleitungen unter Druck stehen. Dass sie vielleicht lieber nichts riskieren wollen, keinen erneuten Ausbruch. Dennoch muss Besuch irgendwann natürlich wieder problemloser möglich sein.

Kann in einem Heim, in dem alle geimpft sind, auf die Maskenpflicht verzichtet werden?

Holetschek: Es gibt kein Heim, in dem alle geimpft sind. Da bin ich mir sicher, weil ein ständiger Wechsel vorliegt. Es versterben Bewohner, neue kommen. Nicht jeder neue Bewohner ist geimpft. Auch Mitarbeiter wechseln ihren Arbeitsplatz, neue Mitarbeiter werden eingestellt. Nicht alle Kräfte lassen sich impfen. Besucher einer Einrichtung werden auch nicht alle geimpft sein. Um Ihre Frage zu beantworten: Wir werden uns wohl noch eine ganze Weile an die Schutzmaßnahmen halten müssen. Wir prüfen allerdings, ob wir für Geimpfte in Einrichtungen weitere Erleichterungen ermöglichen können.

Gesundheitsminister Klaus Holetschek: "Auch mit Impfung gibt es keinen vollständigen Schutz"

Man hört immer wieder von – meist glimpflich verlaufenden – Corona-Ausbrüchen in Seniorenheimen trotz Impfungen. Wie kann das sein?

Holetschek: Das Ganze zeigt: Es gibt auch mit Impfung keinen vollständigen Schutz. Wenn solche Fälle auftreten, werden diese vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, untersucht. Was wir schon sagen können: Oft haben die Corona-Ausbrüche damit zu tun, dass Heimbewohner betroffen waren, die nicht geimpft waren.

Ein bislang noch unterschätztes Problem der Pandemie sind die Spätfolgen der Viruserkrankung. Eine ist etwa das Fatigue-Syndrom, das auch junge Betroffene völlig aus der Bahn werfen kann, weil sie zu erschöpft sind und nicht mehr arbeiten können.

Holetschek: Wir müssen dieses Thema sehr ernst nehmen. Es ist bislang noch viel zu wenig bekannt. Es gibt dafür noch nicht einmal eine Abrechnungsziffer für die Krankenkassen. Wir befürchten, dass bis zu 60.000 Menschen in Bayern betroffen sind. Wir müssen entsprechende Ambulanzen an den Unikliniken, Therapieangebote und Wissensplattformen schaffen, die Arbeitgeber informieren, um bei ihnen Verständnis für die Lage der Menschen zu schaffen, und nicht zuletzt auch die Ärzteschaft sensibilisieren.

Ministerpräsident Markus Söder wollte 2,5 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V erwerben. Die russische Firma R-Pharm plant in Illertissen eine Produktionsstätte. Ab wann kann dieser Impfstoff bei uns zum Einsatz kommen?

Holetschek: Wir haben uns eine Kaufoption über die besagten 2,5 Millionen Dosen gesichert. Es können Dosen sein, die entweder in Illertissen hergestellt werden oder auch importiert werden. Allerdings ist dieser Impfstoff in der Europäischen Union noch nicht zugelassen. Meines Wissens nach waren Vertreter der in Amsterdam sitzenden EMA, die für die Zulassung der Impfstoffe in der EU zuständig ist, in Russland und haben sich dort Produktionsstätten angeschaut. Doch offenbar liegen noch nicht alle erforderlichen Daten für einen Zulassungsprozess vor. Ich kann also nichts dazu sagen, ab wann der Impfstoff bei uns verfügbar ist.

Staatsregierung um Gesundheitsminister Holetschek hat Mutationen im Blick

Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen. Aber halten Sie eine vierte Welle durch eine neue Mutation für möglich?

Holetschek: Unsere Fachleute und Experten haben mir bestätigt, dass das kein Thema ist, das derzeit unmittelbar ansteht. Wir konzentrieren uns daher auf den schnellen Fortschritt bei den Impfungen. Und hoffen, dass wir bei der dritten Welle nun sozusagen im letzten Drittel sind. Wir beobachten natürlich die Mutationen, etwa die indische Variante. Und wir müssen immer im Blick haben, dass Impfstoffe für neue Mutanten angepasst werden müssen.

Der Neu-Ulmer Arzt Christian Kröner forderte jüngst im Fernsehen bei Markus Lanz, dass in Bayern sieben statt nur sechs Dosen aus einem Fläschchen Biontech gezogen werden können. In Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen ist das angeblich erlaubt. Wie sieht das in Bayern aus?

Holetschek: Das wird bei uns längst vielerorts praktiziert, auch in den Impfzentren. Jede Dosis, die sicher entnommen werden kann, sollte auch gewonnen und verimpft werden. Das ist mein ausdrücklicher Wunsch.

Die mRNA-Technologie gegen Krebs und Coronaviren wurde und wird in Rheinland-Pfalz (Biontech) und Baden-Württemberg (Curevac) entwickelt. Warum nicht in Bayern?

Holetschek: Dass die beiden genannten Firmen vorn liegen, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass es auch in Bayern im Bereich Biotechnologie Spitzenunternehmen gibt. Wir haben einen regelrechten Technologiecluster solcher Unternehmen in Martinsried bei München. Auch Biontech hat dort übrigens eine Dependence – es handelt sich aber nicht um eine Produktionsstätte. Ich bin überzeugt davon, dass Biotechnologie und personifizierte Medizin, bei der Medikamente direkt auf den Patienten zugeschnitten hergestellt werden, die Leitökonomie der Zukunft sein werden. In diesem Bereich spielt Bayern schon immer vorne mit. Dennoch müssen wir das weiter forcieren.

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