Kurz vor der Triage?

"Massive Überlastungssituation" - Intensivmediziner zur Lage in bayerischen Krankenhäusern

Die Lage auf Bayerns Intensivstationen spitzt sich drastisch zu. Wie ein Nürnberger Intensivmediziner die Situation einschätzt.

Die Lage auf Bayerns Intensivstationen spitzt sich drastisch zu. Wie ein Nürnberger Intensivmediziner die Situation einschätzt.

Bild: Waltraud Grubitzsch, dpa (Symbolbild)

Die Lage auf Bayerns Intensivstationen spitzt sich drastisch zu. Wie ein Nürnberger Intensivmediziner die Situation einschätzt.

Bild: Waltraud Grubitzsch, dpa (Symbolbild)

Wegen der drastisch steigenden Infektionszahlen hat Bayern den Katastrophenfall ausgerufen. Viele Intensivbetten sind belegt. Müssen Kranke abgewiesen werden?
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dpa
12.11.2021 | Stand: 08:27 Uhr

Die Lage auf den Intensivstationen in Bayern ist angespannt. Die Zahl der Corona-Infektionen steigt rasant - auch die Todesfälle haben sich vervielfacht. Planbare Operationen werden verschoben, Patientinnen und Patienten verlegt. Prof. Stefan John ist Vorstandsmitglied und ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin. Er leitet am Klinikum Nürnberg den Funktionsbereich Intensivmedizin. Er erklärt die Situation:

Stehen die Intensivstationen schon vor einer Triage - muss also eine Auswahl getroffen werden?

Stefan John: Wir sind sicherlich nicht in einer Triage-Situation, dass wir uns entscheiden müssten, wen wir noch behandeln und wen nicht. Aber wir sind tatsächlich in einer massiven Überlastungssituation, so dass viele Patienten verlegt werden müssen, dass viele vielleicht nicht ganz so schnell behandelt werden können wie es normalerweise der Fall ist. Für die Notärzte ist es oft sehr, sehr schwer überhaupt einen Platz auf einer Intensivstation zu finden. Sie müssen viel rumtelefonieren, vielleicht auch längere Strecken fahren, weil sie in ein anderes Haus umgeleitet werden. Und bei einem Herzinfarkt zum Beispiel kann jede Zeitverzögerung Leben kosten. (Lesen Sie auch: "Exrem angespannte" Corona-Lage: Allgäuer Kliniken brauchen Hilfe von der Bundeswehr)

Wie es zu der aktuellen Lage kommt

Wie ist die Zuspitzung auf den Intensivstationen im Vergleich zu den früheren Wellen zu erklären?

John: Wir haben eine große Zahl von Ungeimpften. Das sind immer noch deutschlandweit zwischen 15 und 18 Millionen, bei denen die Infektion ungebremst ablaufen kann. Dazu haben wir mit Delta eine Variante, die infektiöser ist. Und wir haben momentan kaum Gegenmaßnahmen der Politik, es ist auch wenig Bereitschaft in der Bevölkerung sich wieder einzuschränken. Dazu kommt, dass die Geimpften keinen sicheren Schutz mehr haben. Gerade in der Situation mit enorm hoher Inzidenz sind auch die Geimpften mehr gefährdet. Dazu schieben wir seit vielen Jahren einen Personalmangel vor uns her, der sich im letzten Jahr massiv verstärkt hat. Wir haben momentan auch noch mit einer heftigen Erkältungswelle zu kämpfen, die nicht nur die Patienten, sondern auch das Personal trifft. (Lesen Sie hier: Krankenhaus-Ampel in Bayern: Diese Warnstufe gilt heute im Allgäu)

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Wie ist aktuell die Stimmung auf den Intensivstationen?

John: Es gibt natürlich noch unverdrossene Kämpfer. Aber insgesamt ist nach der langen Zeit die Stimmung wirklich schlecht, vor allem beim Pflegepersonal. Es sind natürlich auch die, die am Bett stehen, die immer wieder im Vollschutz schwitzend stundenlang den Patienten betreuen müssen. Wenn dann ungeimpfte Patienten kommen, ist der Unmut oft groß, weil es eben vermeidbar gewesen wäre.

(Interview: Irena Güttel, dpa)