Allgäuerin wird Fürstin

Krönung zur Fürstin von Seborga: Das ist die Kemptenerin Nina Menegatto

Prinzessin Nina Döbler-Menegatto auf dem Kemptener Rathausplatz im Winter 2020. Die 41-Jährige war zu Besuch in der Heimat und bei ihren Eltern.

Prinzessin Nina Döbler-Menegatto auf dem Kemptener Rathausplatz im Winter 2020. Die 41-Jährige war zu Besuch in der Heimat und bei ihren Eltern.

Bild: Christoph Kölle

Prinzessin Nina Döbler-Menegatto auf dem Kemptener Rathausplatz im Winter 2020. Die 41-Jährige war zu Besuch in der Heimat und bei ihren Eltern.

Bild: Christoph Kölle

Am 20. August wird Nina Menegatto zur Fürstin von Seborga gekrönt. Dabei ist die Kemptenerin keine gebürtige Adelige. Das ist Nina Menegattos Geschichte.
13.08.2020 | Stand: 16:46 Uhr

Die Allgäuerin Nina Menegatto wird am 20. August 2020 im kleinen Kreis zur Fürstin von Seborga gekrönt. Die geborene Döbler stammt aus Kempten und lebt seit vielen Jahren in dem selbsternannten Kleinstaat zwischen Frankreich, Italien und Monaco. Im November wählten die etwa 300 Einwohner die 41-jährige Unternehmerin zu ihrer neuen Regentin. Das öffentliche Krönungsfest mit allen Seborginern ist wegen der Corona-Pandemie erst später geplant, voraussichtlich findet es im Oktober statt.

Nina Menegatto: Erste Frau an der Spitze von Seborga

Menegatto ist die erste Frau an der Spitze des 1993 proklamierten Fürstentums. Zehn Jahre lang hielt ihr Ex-Mann das Zepter in der Hand. "Ich hätte nie gedacht, jemals Prinzessin zu werden. Aber ich bekam viel Unterstützung aus der Bevölkerung und das weiß ich sehr zu schätzen", sagt die gebürtige Kemptenerin.

Menegatto ist gebürtige Kemptenerin

Nina Menegatto trägt den wohlklingenden Titel "S.A.S Sua Altezza Serenissima Nina di Seborga" - Ihre Durchlaucht Nina von Seborga. Sie wurde vor einigen Monaten zur Prinzessin des kleinsten Fürstentums in Europa gewählt. Mit 320 Untertanen, den Einwohnern des Örtchens Seborga im italienischen Ligurien. Das prachtvolle Fürstentum Monaco liegt in Sichtweite. Für die englische Boulevardpresse ist Prinzessin Nina "The Tremendousness" - Ihre Herrlichkeit.

Man muss das noch einmal betonen: Sie ist nicht als Adelige geboren, sondern wurde gewählt. Das hat mit der undurchsichtigen Geschichte von Seborga zu tun. Es geht um historische Daten und um Dokumente in Archiven von Turin und des Vatikans.

So wurde Nina Menegatto zur Prinzessin gewählt

 

Das ist die Geschichte von Seborga

Als Prinzessin Nina davon erzählt, wird der Gesichtsausdruck der jugendlich aussehenden Frau ernst und die Stimme staatstragend. Begonnen hat demnach alles im Jahr 954, als ein Graf das Dorf Benediktinermönchen schenkte. Gut 100 Jahre später wurde das Gebiet zum Fürstentum des Römischen Reiches erklärt, es wurde ein souveräner Staat daraus. Da Mönche keine Kinder und damit keine Erben hatten, wurde der Regent gewählt.

Dann das Entscheidende für die heutige Zeit: 1729 verkauften Mönche das Land an den Herzog von Savoyen, doch der Kaufvertrag wurde nirgendwo registriert. Das fand in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Hobbyhistoriker heraus, der Blumenhändler Giorgio Carbone. Auch als 1946 die Italienische Republik gegründet wurde, tauchte Seborga in keinem Dokument auf. "Wir haben nie zu Italien gehört", schloss der Heimatforscher daraus und begeisterte schnell die Einwohner des Dorfes für seine Schlussfolgerungen.

Menegatto findet die Geschichte Seborgas "megainteressant"

Das Fürstentum lebte also; was fehlte, war ein Fürst. Kurzerhand wurde der Blumenhändler zu Giorgio I. erkoren. Als Nina Döbler-Menegatto das erste Mal von dieser sagenhaften Geschichte hörte, "dachte ich, die sind doch alle verrückt". Ihre blauen Augen glänzen, als sie das sagt. Beim nächsten Satz legt sie auf einen ernsten Tonfall spürbar Wert: "Wenn man sich aber damit intensiv beschäftigt, ist das megainteressant."

Spannend auch: Der Blick auf Döbler-Menegattos kleines Reich.
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Bild: Luca Pagani

Die Prinzessin lernte ihren Ex-Mann mit 15 Jahren kennen

Staatsangelegenheit oder Märchen, die Allgäuerin wurde so oder so ein Teil davon. Wie bei allen Märchen verläuft aber auch ihr Leben nicht nur traumhaft schön, es gibt ein Auf und Ab mit tragischen Schattenseiten, bevor sich alles zum Guten wendet.

Bereits mit 15 lernt sie in einem Schweizer Internat ihren späteren Mann Marcello Menegatto kennen. Sie heiratet den Sohn eines Bauunternehmers und zeitweise professionellen Speedboot-Fahrer 2005. Eine Traumhochzeit. Sie findet auf der Bühne des Festspielhauses Füssen statt, die Darsteller des König-Ludwig-Musicals bieten einen eindrucksvollen Rahmen. Der Märchenkönig und "Sissi" singen Arien.

Möglich ist dies, weil die Eltern der jungen Frau damals Miteigentümer des Festspielhauses sind. Die Familie, die mit dem Betrieb des Kemptener Schlachthofs viel Geld verdient, hat nach einer Insolvenz des Musicalunternehmens zusammen mit anderen Gesellschaftern Millionen Euro in die Wiederbelebung gesteckt. Nach der Vermählung fährt die Hochzeitsgesellschaft mit Kutschen zum Schloss Neuschwanstein hinauf. "Ein Traum", schwärmt Prinzessin Nina noch heute.

Nina Menegatto ist fan des Ludwig-Musicals in Füssen

Die Kemptenerin ist fasziniert von der Geschichte des Märchenkönigs und vom Musical. "Ich bin ein riesiger Fan. Wenn ich zwischendurch im Allgäu war, habe ich es manchmal zweimal am Tag angeschaut. Insgesamt sicher mehr als 100 mal."

Abrupt endet die Möglichkeit, diese Faszination auszuleben: Auch der zweite Anlauf im Festspielhaus scheitert am schwindenden Zuschauerinteresse, wieder muss Insolvenz angemeldet werden. Zu dieser Zeit lebt die junge Frau mit ihrem Mann bereits in Seborga. Geschäftlich ist man in Monaco tätig. Marcello Menegatto arbeitet in der Immobilienbranche, Nina führt mit einer Freundin eine kleine Firma. Sie stellen unter anderem T-Shirts mit Formel-1-Motiven her.

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Menegatto ist anfangs Außenministerin von Seborga

2009 stirbt Giorgio I., Seborga braucht einen neuen Fürsten. Die Einwohner fragen Marcello Menegatto - und der stimmt zu. Die Wahl ist mehr oder weniger Formsache. Nina Döbler-Menegatto wird zur Außenministerin in einem neunköpfigen Ministerrat ernannt.

Der neue Prinz will ein Hotel und einen Golfplatz bauen. Seborga liegt im Hinterland, in den Hügeln oberhalb von San Remo. Eine einzige Straße führt in das Dorf, dessen Menschen von der Landwirtschaft leben. Jeden Februar ist die ganze Gegend in Gelb getaucht, auf den Bäumen brechen feine Mimosenblüten auf. Zum internationalen Frauentag am 8. März verkaufen die örtlichen Blumenbauern die Pflanzen weltweit, auch an deutsche Discounter. "Uns kann nichts Schlimmeres passieren, als dass es im Januar oder Februar schneit", sagt Prinzessin Nina.

Flagge von Seborga trägt blaue und weiße Streifen

Abseits der Landwirtschaft gibt es wenig Verdienstmöglichkeiten. Also will Fürst Marcello den Tourismus ankurbeln. Wer auf der verschlungenen Straße ins 500 Meter hoch gelegene Seborga fährt, kommt an einer Grenzstation mit Wachhäuschen vorbei. Manchmal steht dort eine uniformierte Wache - ein ehrenamtlicher Job. Über Seborga weht eine eigene Staatsfahne mit neun weißen und blauen Streifen. Finanziert haben das alles die Principes.

Seborga ist ein echtes Fürstentum. Nur echt mit eigener Grenze!
Seborga ist ein echtes Fürstentum. Nur echt mit eigener Grenze!
Bild: KuKo

Eigenes Geld, eigene Briefmarken, eigener Pass für die Einwohner Seborgas

Das Fürstentum hat sein eigenes Geld, den Luigino. Es gibt eigene Briefmarken, die Bewohner haben einen eigenen Pass. Der Schönheitsfehler: Mit dem Geld kann man nirgendwo bezahlen, mit den Briefmarken nichts verschicken, mit dem Pass nicht verreisen. Der italienische Staat erkennt das Fürstentum nicht an.

Als Seborga vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte seinen Status erstreiten will, wird die Klage nicht angenommen. "Das war stümperhaft gemacht", sagt Prinzessin Nina. Sie will einen neuen Anlauf nehmen, Anwälte bereiten die Klage vor. Während in Deutschland vermutlich längst mit einem Verwaltungsakt alle Aktivitäten unterbunden worden wären, unternehmen die italienischen Behörden nichts gegen das Fürstentum. Immerhin führen die Einwohner von Seborga getreulich Steuern an den italienischen Fiskus ab.

Menegatto gewinnt Wahl zum Oberhaupt von Seborga

Im April vergangenen Jahres dankt Marcello I. unvermittelt ab. Das Ehepaar hat sich getrennt. Das Fürstentum steht erneut ohne Principe da. Wieder nimmt die Sache eine höchst ungewöhnliche Wende: Nina Döbler-Menegatto wird überraschend gefragt, ob sie sich um die Nachfolge bewerben will. Es gibt schließlich sogar zwei Kandidaten. Genauer: Zwei Kandidatinnen. So oder so wird also eine Frau Regentin werden. "Frauenpower", nennt die 41-Jährige das.

Ihre Gegenkandidatin ist die Tochter des ersten Fürsten, Giorgio I. Das Wahlergebnis ist überwältigend: Prinzessin Nina gewinnt mit 78 Prozent der Stimmen. Sie ist für sieben Jahre gewählt. Auch die neue Regentin hat einiges vor. Das geplante Luxushotel mit 80 Zimmern soll endlich gebaut werden. "Die italienische Bürokratie ist das reinste Chaos", begründet sie, dass noch nichts geschehen ist. Sie verzieht das Gesicht dabei.

Und eine Wachablösungszeremonie will sie einführen, als Touristenattraktion. Monaco ist ihr Vorbild. So prunkvoll mit Palästen und einer Millionärsdichte, die ihresgleichen sucht, soll Seborga freilich nicht werden, schiebt sie sofort hinterher.

Menegattos Töchterlein und ihre Pferde: Dafür lebt die Neu-Prinzessin.
Menegattos Töchterlein und ihre Pferde: Dafür lebt die Neu-Prinzessin.
Bild: Luca Pagani

Seborgas Häuser und Gassen sind mittelalterlich geprägt

"Bei uns sollen das Leben und die Landschaft natürlich bleiben." In Seborga drängen sich in mittelalterlichen Gassen jahrhundertealte Häuser dicht an dicht. Allerdings gibt es 2.000 Zweitwohnungen und die Immobilienpreise sind italienweit die höchsten im Vergleich mit anderen Dörfern.

In Monaco trägt Prinzessin Nina High Heels, daheim im Dorf Gummistiefel. Sie liebt Pferde, besitzt einen Bauernhof "mit Ponys, Hunden, Katzen". Wenn sie so erzählt und man ihr dabei in die Augen sieht, kann der Unbeteiligte nicht ansatzweise erkennen, was ernst gemeinter Einsatz für ein unabhängiges Fürstentum ist und was nur Tourismus-Marketing für eine wunderschöne, aber abgelegene Gegend Italiens.

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"Kommen Sie nach Seborga und finden es heraus"

Darauf angesprochen lächelt sie sanft, wie nur eine Prinzessin lächeln kann. "Kommen Sie nach Seborga und finden es heraus." Auch wenn sie auf die Umgangsformen in ihrem Fürstentum angesprochen wird und auf den Respekt, den man ihr entgegenbringen muss, kokettiert sie nur: "Auf die Knie, kein Augenkontakt." Der Unterton ist spaßig, doch was heißt das schon?

Für ihr Fürstentum hofft Prinzessin Nina auf eine märchenhafte Zukunft.

Das ist Seborga

  • Einwohner: 320
  • Volksbezeichnung: Seborghini
  • Fläche: Vier Quadratkilometer
  • Provinz: Imperia
  • Region: Ligurien
  • Lage: Auf etwa 500 Metern Höhe unweit von San Remo
  • Oberhaupt: S.A.S Sua Altezza Serenissima Nina di Seborga (Nina Döbler-Menegatto)
  • Wirtschaft: Die Gemeinde lebt vor allem von der Landwirtschaft, aber auch vom Tourismus.
  • Städtepartnerschaft: L'Escarène (Frankreich)

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