Foodsharing in Buchloe

Nichts für die Tonne: Essen verteilen statt wegwerfen

Jeden Dienstag bekommen die Lebensmittelretter von Ergün Demir Obst und Gemüse. „Es ist einfach schade, Lebensmittel wegzuwerfen“, sagt der Besitzer des Buchloer EGE Imbiss´.

Jeden Dienstag bekommen die Lebensmittelretter von Ergün Demir Obst und Gemüse. „Es ist einfach schade, Lebensmittel wegzuwerfen“, sagt der Besitzer des Buchloer EGE Imbiss´.

Bild: Worschech

Jeden Dienstag bekommen die Lebensmittelretter von Ergün Demir Obst und Gemüse. „Es ist einfach schade, Lebensmittel wegzuwerfen“, sagt der Besitzer des Buchloer EGE Imbiss´.

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Ein Drittel aller Lebensmittel landen im Müll. Unverantwortlich, wie Julia Süß und Frederik Ripa finden. Die beiden Buchloer sind Lebensmittelretter und wollen Essen vor der Tonne retten. Was ihre Aufgaben sind, und alles rund um den Verein Foodsharing, erfährst Du hier.
13.11.2017 | Stand: 12:10 Uhr

Kistenweise laden Julia Süß und Frederik Ripa Obst und Gemüse in ihr Auto. Fenchel, Paprika, Trauben und Birnen spitzen zwischen den Holzträgern hervor. Die beiden sind Lebensmittelretter und in dem Verein „Foodsharing“ aktiv. Ihre Vision: Möglichst viele Lebensmittel vor der Tonne retten.

Beide machen es aus Überzeugung. „Ich finde es unverantwortlich, wie viel weggeschmissen wird“, sagt der 26-jährige Student. „Schön wäre es, wenn auch jeder im Haushalt nicht so viel wegwerfen würde.“ In Buchloe ist die Gruppe seit 2015 aktiv. Den Verein gibt es nun schon seit genau fünf Jahren.

Frederik Ripa (26) ist einer der freiwilligen Helfer, der als Lebensmittelretter aktiv ist.
Frederik Ripa (26) ist einer der freiwilligen Helfer, der als Lebensmittelretter aktiv ist.
Bild: Worschech

Jeden Donnerstagabend holen Süß und Ripa Backwaren bei der Bäckerei Hörberg ab. Dienstagabends bekommen sie bei „EGE Imbiss“ in der Buchloer Innenstadt Obst und Gemüse. Auch dieses Mal hat der Besitzer des türkischen Ladens, Ergün Demir, bereits Äpfel, Birnen und Bananen mit braunen Stellen aussortiert.

„Es ist einfach schade, Lebensmittel wegzuwerfen“, sagt Demir. Besonders im Sommer sei viel Obst angeschlagen. Lebensmittel mit optischen Mängeln kann er im Laden nicht mehr verkaufen, obwohl sie geschmacklich einwandfrei seien.

Dieses Mal sind auch Kokosraspeln in den Holzkisten. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist abgelaufen. Aber die Kokosraspeln sind nicht kaputt. Vielleicht will ja jemand Weihnachtsgebäck machen.“, sagt er.

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Umgang mit Lebensmitteln

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Seine Mutter sei bereits so aufgewachsen, dass man nichts weg schmeißt. Daher versuche auch er, das auf diese Weise zu handhaben. 100 Prozent gelinge das nicht. Aber Foodsharing sei eine Möglichkeit.

Im Jugendzentrum in Buchloe packt Julia Süß das Obst und Gemüse von den Kisten in den Kühlschrank.
Im Jugendzentrum in Buchloe packt Julia Süß das Obst und Gemüse von den Kisten in den Kühlschrank.
Bild: Worschech

Ergänzung zur Tafel

Süß und Ripa packen die Kisten mit Obst und Gemüse ins Auto und bringen die Waren ins Buchloer Jugendzentrum. Dort warten bereits die ersten „Hungrigen“. „Wir sind keine Konkurrenz zur Tafel. Wir sehen uns als Ergänzung.“, stellt Süß klar.

Die Lebensmittelretter nehmen auch Waren mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum an. Das dürfe die Tafel beispielsweise nicht. Außerdem gilt: Jeder darf abholen. „Egal ob arm oder reich, uns geht es darum, das Essen vor der Tonne zu retten.“

Die Kette des Foodsharings funktioniere nur, wenn es sowohl Betriebe als auch ehrenamtliche Abholer gibt und genügend Leute, die Gemüse, Obst und Brot anschließend auch verwerten und essen, erklärt Süß.

Hier darf sich wirklich jeder bedienen, denn es geht darum das Essen vor der Tonne zu retten.
Hier darf sich wirklich jeder bedienen, denn es geht darum das Essen vor der Tonne zu retten.
Bild: Worschech

Essen für alle WG–Mitbewohner

Stephan Kalisch aus Rammingen kommt regelmäßig nach Feierabend vorbei. „Mir gefällt die Idee dahinter super“, sagt er. Da könne man sich auch gleich einen Einkauf sparen.

Auch Sebastian Stöcker greift bei Obst, Gemüse und Backwaren gerne zu. „Es ist gratis und da sind wirklich gute Sachen dabei.“ Der 21-jährige Erzieher wohnt in einer Wohngemeinschaft. Deshalb nehme er immer gleich mehr mit nach Hause. „Bei uns kommt das alles weg.“ Seine Mitbewohner würden sich schon immer auf die Essens-Lieferung freuen.

Bei dieser Essensabholung von EGE Imbiss ist sogar wieder etwas Dönerfleisch übrig geblieben. Darüber freuen sich die Jugendlichen des Jugendzentrums ganz besonders, weiß Leiter Hans-Jürgen Mayer. Er unterstützt die Aktion von Anfang an.

Vor eineinhalb Jahren hat das Juze dafür extra einen größeren Kühlschrank angeschafft, den sogenannten „Fair-Teiler“.

Jeden Freitag gibt es dann ein „Restl-Festl“. Dann wird gemeinsam geschnippelt und verwertet, was der Kühlschrank noch hergibt. „Wir machen Reispfanne oder Gemüsepizza. Das kommt gut an“, sagt Mayer.

Um mehr Lebensmittel abzuholen, bräuchten die Lebensmittelretter jedoch noch Verstärkung im Team. „Wir sprechen grundsätzlich nur kleine Läden an, denn die Mengen von großen Supermarktketten wären viel zu riesig“, sagt Süß. Doch in Buchloe laufe es etwas zäh mit der Bereitschaft der Geschäfte.

Lebensmittelretter

Idee: Übriges Essen aus Supermärkten, Bäckereien und Gemüseläden wird abgeholt und dann verteilt. Damit wollen sie der Lebensmittelverschwendung entgegentreten.

Hintergrund: Seit fünf Jahren gibt es die Foodsharing-Bewegung. Ihren Anfang nahm sie in Berlin. Durch den berühmten Kinofilm „Taste the waste“ von Valentin Thurn (2012) rückte das Thema Lebensmittelverschwendung in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Idee der Lebensmittelretter verbreitete sich

Bilanz: Etwa ein Drittel aller Lebensmittel landen laut dem Verein Foodsharing im Müll. Seit 2012 konnten die Lebensmittelretter in Deutschland knapp zwölf Millionen Kilogramm Essen vor der Tonne bewahren. Es sind über 30 000 Lebensmittelretter aktiv. In Buchloe besteht die Gruppe aus zehn Leuten

Ausbildung: Jeder Lebensmittelretter muss erst einmal einen Theorie- und Praxistest bestehen, bevor er Essen abholen darf. Dazu gehören ein Wissenstest über die Verhaltensregeln beim Lebensmittelretten und die Leitlinien des Vereins. Auch drei Probeabholungen mit erfahrenen Mitgliedern muss jeder absolvieren. Erst dann bekommt man einen Ausweis als offizieller „Foodsaver“.