Ostallgäuer erinnern sich

Silvester in den 70ern: Bowle, Partykeller und "Dinner for One"

Gemeinsam mit Freunden richtete der Kaufbeurer Siegfried Steiner (r.) in den 1970er Jahren einen Partykeller ein.

Gemeinsam mit Freunden richtete der Kaufbeurer Siegfried Steiner (r.) in den 1970er Jahren einen Partykeller ein.

Bild: Privat

Gemeinsam mit Freunden richtete der Kaufbeurer Siegfried Steiner (r.) in den 1970er Jahren einen Partykeller ein.

Bild: Privat

In den 1970er Jahren war die Mischung aus der Schüssel das Trendgetränk. Auch das Discofieber verbindet man mit dem Jahrzehnt. Vier Kaufbeurer und Ostallgäuer schwelgen in Erinnerungen...
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Von Laura Jocham
30.12.2016 | Stand: 14:14 Uhr

Sie war das Partygetränk der 1970er Jahre: die Bowle. Die Mischung aus Wein, Sekt und Dosenfrüchten war ein Garant für heitere Stimmung bei den Gästen. Gemischt in großen Mengen und Gefäßen war die Bowle damals aber vor allem eines: „Günstig und praktisch in der Vorbereitung“, erinnert sich Siegfried Steiner. Auch Gerichte wie Käseigel, Nudelsalat und Tomaten-Fliegenpilze gehörten zu Familienfeieren und Silvester dazu. Vier Kaufbeurer und Ostallgäuer schwelgen in Erinnerungen.

Siegfried Steiner (81) erinnert sich gerne an die Partys in den 70er Jahren.
Siegfried Steiner (81) erinnert sich gerne an die Partys in den 70er Jahren.
Bild: Laura Jocham

Üblich war es, Bowle zu Hause zu trinken – zum Beispiel in den einst so beliebten Partykellern. Gemeinsam mit Freunden richtete der Kaufbeurer Siegfried Steiner einen solchen Raum ein. „Mit Holz verkleidet, typisch 70er eben“, sagt er schmunzelnd. Gefeiert hat er dort mit seiner Frau und befreundeten Ehepaaren. Als den Höhepunkt der Woche beschreibt er das rückblickend. Entsprechend schick war die Kleidung. Ebenso wie Tanzen, gehörte auch die Bowle zu diesen Abenden. Steiner setzte das Getränk mit wenig Alkohol an. „Da musste man sich schon anstrengen, richtig betrunken zu werden. Wir hatten damals ja schon Kinder“, erzählt der heute 81-Jährige.

Steiner beschreibt die früheren Partys mit seiner Frau Ursula (l.) als Höhepunkt der Woche.
Steiner beschreibt die früheren Partys mit seiner Frau Ursula (l.) als Höhepunkt der Woche.
Bild: Privat

Bernhard Biechele dagegen war damals Jugendlicher. Gerne schwelgt er in Erinnerungen an die Feiern mit seinen älteren Geschwistern im heimischen Partyraum in Germaringen. „Heimlich habe ich die Bowle manchmal mit Schnaps aufgepeppt“, erzählt der 65-Jährige und lacht. Biechele hat in den 1970er Jahren eine Lehre zum Koch gemacht, später die Hammerschmiede bei Pforzen geführt. Auf der Karte stand das kultige Getränk in Restaurants in der Regel nicht und wurde wenn überhaupt nur bei Empfängen serviert. „Bowle ist vor allem für zu Hause geeignet, weil man sie in größeren Mengen zubereitet und mehrere Stunden ziehen lässt“, erklärt er.

Beim Oberbürgermeister gabs Rumtopf

Mit Bowle konnte Maik Röscher eher wenig anfangen: "Zu wenig Drehzahl..."
Mit Bowle konnte Maik Röscher eher wenig anfangen: "Zu wenig Drehzahl..."
Bild: Laura Jocham

In Maik Röschers Umfeld tranken vor allem Frauen Bowle, wie er sich erinnert. „Für mich und meine Kumpels hatte sie einfach zu wenig Drehzahl“, gesteht er schmunzelnd. Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse verbindet mit Silvester in den 70er Jahren vor allem Familienfeiern. Er war noch ein Kind. Statt Bowle habe es bei seinen Eltern oft Rumtopf gegeben. „Den haben sie auch mit Früchten im Herbst angesetzt und immer mal wieder etwas davon getrunken“, erzählt er. Was für viele heute noch ein Muss an Silvester ist, sah sich Bosse damals schon an: den Sketch „Dinner for One“. Später feierte der heute 52-Jährige oft mit Freunden aus dem Alpenverein im Sywollenturm inmitten von Kaufbeuren.

Auch Röscher erinnert sich gern an die 1970er Jahre zurück. Er bezeichnet das Jahrzehnt als Zeit des Umbruchs. „Unsere Eltern haben nach dem Krieg alles wieder aufgebaut. Wir sind als Jugendliche erstmals andere Wege gegangen, waren teils sogar richtig aufmüpfig“, meint er. Röschers älterer Bruder war Discjockey.

Party on: Das Bild zeigt Maik Röscher aus Dösingen 1978 am Goldstrand in Bulgarien.
Party on: Das Bild zeigt Maik Röscher aus Dösingen 1978 am Goldstrand in Bulgarien.
Bild: Privat

Mit ihm zog er die ersten Male um die Häuser. Diskotheken kamen erst im Laufe des Jahrzehnts auf. „Mein Bruder war ein richtiger Frauenschwarm. Das Discofieber hat mich aber nicht erwischt. Ich habe vor allem Rockmusik gehört. Dementsprechend hatte ich auch lange Haare“, erzählt der 56-Jährige.

Frühes Ende der Partys

Viele Schallplatten hatte er durch seinen Bruder zu Hause. Das Glück hatten damals aber nicht viele. „Wir sind ja noch wegen der Musik ausgegangen. Sie konnte noch nicht jederzeit im Internet abgerufen werden“, fügt Bernhard Biechele hinzu. Alle vier betonen: Allein um Alkohol sei es bei den Feiern nicht gegangen. Die Partys begannen oft schon am frühen Abend, entsprechend früher waren sie dann auch wieder zu Ende.

In den vergangenen Jahrzehnten galt die klassische Bowle als altmodisch. Varianten davon werden aber auch heute noch getrunken, wie Biechele betont. Statt Dosenfrüchten verwendet man aber frische Zutaten. Zum Beispiel bei Hugo – eine Mischung aus Prosecco, Mineralwasser und Holdunderblütensirup, aufgepeppt mit Limette und Minze. In der modernen Variante kommt das einstige Kultgetränk auch heute noch bei Biechele auf den Tisch. „Am liebsten im Sommer, weil es so erfrischend ist.“