Prozess in Augsburg

Tödlicher Schlag am Augsburger Königsplatz: Welche Strafe ist für Halid S. angemessen?

Nach dem gewaltsamen Tod des 49-Jährigen wurde der Tatort auf dem Augsburger Königsplatz zu einer Erinnerungsstätte.

Nach dem gewaltsamen Tod des 49-Jährigen wurde der Tatort auf dem Augsburger Königsplatz zu einer Erinnerungsstätte.

Bild: Ulrich Wagner

Nach dem gewaltsamen Tod des 49-Jährigen wurde der Tatort auf dem Augsburger Königsplatz zu einer Erinnerungsstätte.

Bild: Ulrich Wagner

Halid S. hat am Königsplatz in Augsburg einen Feuerwehrmann getötet. Der Staatsanwalt fordert eine längere Haft, der Verteidiger spricht von Nothilfe.
Von Jörg Heinzle
05.11.2020 | Stand: 18:51 Uhr

Nach sechs Prozesstagen und Dutzenden von Zeugenaussagen schwebt die Frage noch immer über allem, die Frage nach dem Warum. Warum musste Roland S., 49, am Nikolaustag vorigen Jahres auf dem Augsburger Königsplatz sterben?

Halid S., 17, hat dem Opfer den tödlichen Faustschlag verpasst, das hat der Angeklagte auch gestanden. Aber die Frage nach dem Warum, die hat er nach Ansicht vieler Prozessbeteiligten nicht beantworten können - vielleicht, weil er es auch nicht kann. Staatsanwalt Michael Nißl greift das in seinem Plädoyer am Donnerstag auf. Vor allem für die Witwe sei die Frage quälend und ausweglos. Nißl sagt: "Warum gibt es für Frau S. kein echtes Weihnachtsfest, warum kein unbeschwertes Feiern mehr?"

Staatsanwalt bleibt beim Vorwurf der Anklageschrift

Eine Antwort hat der Staatsanwalt auf die Frage, wie Halid S. für die Tat bestraft werden soll. Und seine Antwort weicht weit von dem ab, was die Verteidiger für angemessen halten. Lesen Sie auch: Königsplatz-Prozess in Augsburg: Wie kann ein einzelner Schlag tödlich sein?

Der Staatsanwalt bleibt im Plädoyer beim Vorwurf der Anklageschrift - Körperverletzung mit Todesfolge und gefährliche Körperverletzung. Michael Nißl sagt, ein Tötungsvorsatz könne man Halid S. nicht nachweisen. Dafür gebe es nicht genug Anhaltspunkte - so gebe es etwa keinen Beleg dafür, dass er Kampfsport betrieben habe. Es gebe auch keine ausreichenden Beweise für ein aggressives Verhalten in der Zeit vor der Tat. Die Kripo ging davon aus, dass Halid S. im Augsburger Stadtteil Oberhausen einer Art Gang angehörte, die mit Drogen gehandelt und durch Gewalt aufgefallen sein soll. Auch dazu, so der Staatsanwalt, gebe es aber keine "gesicherten Erkenntnisse".

Tod am Königsplatz: Alle außer Halid S. mussten freigelassen werden

Das Plädoyer des Staatsanwalts war auch deshalb mit Spannung erwartet worden, weil die Staatsanwaltschaft sich im Lauf der Ermittlungen in ihrer Einschätzung korrigieren musste. Zunächst hatte die Behörde wegen Totschlags gegen Halid S. ermittelt.

Sechs Freunden, die an dem Abend mit ihm unterwegs waren, wurde Beihilfe dazu vorgeworfen. Im Frühjahr allerdings entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das so nicht zu halten sei. Alle außer Halid S. mussten aus der Untersuchungshaft freigelassen werden. Die Staatsanwaltschaft stufte dann auch den Tatvorwurf auf Körperverletzung mit Todesfolge herunter. Dennoch wiegt die Tat von Halid S. nach Einschätzung des Staatsanwalts schwer.

Der Jugendliche strebe offensichtlich nach Dominanz - wie es ihm auch ein Psychiater attestiert habe, sagt Nißl. Bei dem Streit am Kö habe ihn das dazu gebracht, so massiv zuzuschlagen. Der Staatsanwalt formuliert es so: "Er wäre halt gerne der Chef, das wäre für ihn toll.

Das war jetzt die Möglichkeit, da kann man zeigen, was man kann." Im Gefängnis soll Halid S. zu Mithäftlingen gesagt haben: "Ihr seid kleine Wichtigtuer, ich habe schon einen totgeschlagen." Diese Äußerung sei "bodenlos, infantil und schreiend dumm", sagt der Staatsanwalt. Das zeige, dass er sich mit seiner Tat nicht auseinandergesetzt habe.

Michael Nißl sagt, die Frage nach dem Warum stelle sich aber auch beim Opfer - warum Roland S., als er nach einer Zigarette gefragt wurde, wieder zurückgegangen ist und einen aus der Gruppe der jungen Männer weggeschubst habe. Diese Frage dürfe aber nicht die eigentliche Tat, den tödlichen Schlag, überlagern. Für Halid S. beantragt der Staatsanwalt eine Haftstrafe von sechs Jahren. Man müsse sehen, dass S. zwei Taten begangen habe. Er habe Roland S. totgeschlagen - und sei direkt danach daran beteiligt gewesen, den Freund des Getöteten zu verprügeln. Diesem sei die linke Gesichtshälfte zertrümmert worden. Im Jugendstrafrecht, das bei einem 17-Jährigen angewandt werden muss, dominiere zwar der Erziehungsgedanke. Erziehung sei hier aber auch eine angemessene Haftstrafe.

Prozess in Augsburg: Verteidiger Marco Müller sieht die Sache anders

Verteidiger Marco Müller sieht die Sache anders. Er geht davon aus, dass man Halid S. für den tödlichen Schlag nicht bestrafen könne. Er habe nur seinen Freund verteidigen wollen. Roland S. habe den Freund des 17-Jährigen beleidigt und mit einem Stoß attackiert. Das sei rechtswidrig und nicht, wie vom Augsburger Kripo-Chef in einer Pressekonferenz dargestellt, "regelkonform". Müller stuft den Faustschlag als Nothilfe ein. Halid S. habe sich aber wegen des folgenden Angriffs auf den Freund von Roland S. wegen gefährlicher Körperverletzung zu verantworten, so der Anwalt. Dafür sei eine Bewährungsstrafe angemessen.