"Pulse of Europe" in MM

Warum der Puls junger Allgäuer für Europa schlägt

Simon (29), Alin (22) und Christian (30, v.l.) sind drei von einigen jungen Allgäuern, die am Samstagmittag bei der ersten "Pulse of Europe"-Kundgebung in Memmingen teilnahmen. Sie sehen den europäischen Frieden, die Freiheit und unseren Wohlstand nicht als selbstverständlich an.

Simon (29), Alin (22) und Christian (30, v.l.) sind drei von einigen jungen Allgäuern, die am Samstagmittag bei der ersten "Pulse of Europe"-Kundgebung in Memmingen teilnahmen. Sie sehen den europäischen Frieden, die Freiheit und unseren Wohlstand nicht als selbstverständlich an.

Bild: Daniel Halder

Simon (29), Alin (22) und Christian (30, v.l.) sind drei von einigen jungen Allgäuern, die am Samstagmittag bei der ersten "Pulse of Europe"-Kundgebung in Memmingen teilnahmen. Sie sehen den europäischen Frieden, die Freiheit und unseren Wohlstand nicht als selbstverständlich an.

Bild: Daniel Halder

Rund 150 Menschen haben am Tag vor den französischen Präsidentschaftswahlen in Memmingen für Europa Flagge gezeigt. Nach zwei Kundgebungen in Sonthofen fasst die "Pulse of Europe"-Bewegung damit in einer weiteren Allgäuer Stadt Fuß. Unser allgaeu.life-Reporter hat sich unter die Teilnehmer gemischt und war vor allem auf der Suche nach jungen Menschen, denen etwas an einer gemeinsamen Zukunft Europas liegt. Lies hier, was sie zu sagen haben.
06.05.2017 | Stand: 15:02 Uhr

Es war ein bunt gemischtes Publikum, das sich am Samstagmittag auf dem Theaterplatz einfand, um die erste "Pulse of Europe"-Kundgebung in Memmingen zu verfolgen. Überwiegend Menschen mittleren Alters waren gekommen, vereinzelt gab es in der Menge aber auch jüngere Gesichter zu sehen.

Knapp 150 Teilnehmer kamen zum ersten Versuch in Memmingen, "Pulse of Europe" nach Sonthofen in einer zweiten Allgäuer Stadt zu etablieren. Vorne ist Hauptrednerin Barbara Lochbihler (Abgeordnete des EU-Parlaments).
Knapp 150 Teilnehmer kamen zum ersten Versuch in Memmingen, "Pulse of Europe" nach Sonthofen in einer zweiten Allgäuer Stadt zu etablieren. Vorne ist Hauptrednerin Barbara Lochbihler (Abgeordnete des EU-Parlaments).
Bild: Daniel Halder

In Frieden, Wohlstand und ohne Grenzen aufgewachsen, erleben sie nun zum ersten Mal, wie all das plötzlich in Frage gestellt wird: Wie mit Großbritannien ein europäisches Kernland alle Vernunft über Bord wirft und sich für einen teuer erkauften EU-Austritt entscheidet. Wie im Nachbarland Österreich beinahe ein Rechtspopulist Bundespräsident wird. Und wie viele junge Menschen in Frankreich und dem restlichen Europa an diesem Wochenende bangen, dass nicht die rechtsextreme Marine Le Pen am Sonntag die Stichwahl um das Präsidentenamt der Grande Nation gewinnt.

Umso mehr freut es die Initiatoren in Memmingen (Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen, der Europa-Union, dem „Deutsch-Italienischen Freundeskreis“ und dem deutsch-französischen Freundeskreis), als am Ende der Veranstaltung ein 15-jährige Realschüler allen Mut zusammennimmt und das Wort ergreift. "Bei vielen Gleichaltrigen erlebe ich eine große Gleichgültigkeit gegenüber Europa", stellt er fest. "Viele Jugendliche glauben, sie könnten allein nicht viel ausrichten. Ich wünsche mir, dass Eltern und Lehrer deshalb mehr Aufklärungsarbeit leisten und für Europa werben", nimmt er auch die ältere Generation in die Pflicht (Lies zu diesem Thema einen Kommentar von AZ-Redaktionsleiter Uli Hagemeier).

Chantal (25) und Dirk (38) wollen sich engagieren. Bei der Kundgebung wollten sie eine Idee bekommen, was man selber tun kann.
Chantal (25) und Dirk (38) wollen sich engagieren. Bei der Kundgebung wollten sie eine Idee bekommen, was man selber tun kann.
Bild: Daniel Halder

Denn der Wille, aufzustehen und etwas für die gemeinsame Sache zu tun, sei bei vielen Jüngeren durchaus vorhanden, versichern Chantal Foest (25) und Dirk Merkwitz (38) dem allgaeu.life-Reporter: "Wir sind hergekommen, um einen Impuls zu bekommen, was man selber tun kann. Das meiste bekommt man ja nur über die Nachrichten mit und erscheint einem weit weg. Deshalb ist es gut, dass es so eine Plattform nun auch in Memmingen gibt", sagt Chantal. Sie und ihr Begleiter hätten schon lange das Gefühl, etwas tun zu wollen und würden sich gerne einem der Verbände anschließen. "Es wäre gut, wenn noch mehr Junge zu solchen Veranstaltungen kommen würden und man so Anschluss finden könnte. Wir hätten uns auch gewünscht, dass diese Kundgebung etwas mehr bekanntgemacht worden wäre", sagen sie unisono. Ihre Eindrücke wollten sie nun erst mal "sacken lassen" und sich dann entscheiden, wo sie am sinnigsten mitwirken können.

Simon, Alin und Christian sagen: "Gerade hier im Allgäu ist es wichtig, für die europäische Sache einzustehen. Leider sehen das viele auch anders."
Simon, Alin und Christian sagen: "Gerade hier im Allgäu ist es wichtig, für die europäische Sache einzustehen. Leider sehen das viele auch anders."
Bild: Daniel Halder

Christian Bojidar Müller (30), Simon Poppenmaier (29) und Alin Akhdar (22) sind beim Landestheater Schwaben in Memmingen tätig und kamen zur "Pulse of Europe"-Veranstaltung nach draußen auf den Theaterplatz. "Ich wäre aber auch gekommen, wenn es woanders gewesen wäre", sagt Christian, der sogar das Mikro auf der Bühne ergreift und die Europaabgeordnete Barbara Lochbihler fragt, welche Förderprogramme die EU für den interkulturellen Austausch junger Europäer bereithält. "Ich finde das total wichtig, dass auch junge Leute oder Menschen mit weniger Geld reisen können, um die anderen Mitgliedstaaten kennenzulernen, sich auszutauschen und Freundschaften zu schließen." Er selbst sei "Europäer by blood", habe deutsche und bulgarische Wurzeln. "Ich weiß noch, als wir über drei Grenzen mussten, um von hier nach Bulgarien zu kommen. Es hat ewig gedauert. Es ist ein Luxus, dass es heute nicht mehr so ist, den wir nicht als selbstverständlich ansehen sollten."

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Einig sind sich Alin, Simon und Christian, dass es auch in einer kleineren Region wie dem Allgäu wichtig sei, Flagge zu zeigen. "Europa ist nicht nur Großstadtsache. Ich freue mich immer, wenn es solche Aktionen gerade in unserer Region mal gibt", sagt Alin. Der Puls von Europa schlage schließlich überall. Und so stimmen die Drei überein: "Bei aller zum Teil berechtigten Kritik an den Institutionen der EU stehen wir voll und ganz zu der Idee dahinter."

Helen und Max hoffen darauf, dass Marine Le Pen die Frankreich-Wahl nicht gewinnt und erinnern an die vielen Vorteile, die Europa seinen Bürgern bringt.
Helen und Max hoffen darauf, dass Marine Le Pen die Frankreich-Wahl nicht gewinnt und erinnern an die vielen Vorteile, die Europa seinen Bürgern bringt.
Bild: Daniel Halder

Vor der richtungsweisenden Präsidentschaftswahl in Frankreich am Sonntag geht Christian übrigens von einem Sieg Le Pens aus: "Seit Brexit und Trump rechne ich immer mit dem Schlimmsten. Umso mehr freue ich mich hinterher, wenn es doch anders kommt." Ein mulmiges Gefühl vor der Frankreich-Wahl hat auch die Memmingerin Helen Vockeroth (32), die gemeinsam mit Max Schenck (32) auf den Theaterplatz kam: "Ich hoffe, die Franzosen nehmen sich ein Beispiel an den Niederländern", sagt Helen. Dort erhielt Rechtspopulist Geert Wilders bei den Wahlen im März viel weniger Stimmen als ursprünglich befürchtet. Den Populisten und Wutbürgern die Stirn bieten, dies sei ihr Anliegen, weshalb sie zur "Pulse of Europe"-Kundgebung gekommen sind. "Es ist wichtig, dass wir die vielen Vorteile von Europa wieder in die Gedanken der Menschen bringen." Und so finden sie es gut, dass neben den Jüngeren auch viele Ältere da sind. "Wir alle gemeinsam sind schließlich Europa", sagen Helen und Max.

Überparteiliches Bündnis: Günter Räder (l.) und Bernhard Thrul (r.) von den Grünen steckten hinter der ersten Memminger "Pulse of Europe"-Kundgebung, Stefan Gutermann (M.) von der CSU sagte einer möglichen Neuauflage seine Unterstützung zu: "Das eint uns als Demokraten."
Überparteiliches Bündnis: Günter Räder (l.) und Bernhard Thrul (r.) von den Grünen steckten hinter der ersten Memminger "Pulse of Europe"-Kundgebung, Stefan Gutermann (M.) von der CSU sagte einer möglichen Neuauflage seine Unterstützung zu: "Das eint uns als Demokraten."
Bild: Daniel Halder

Vorne am Rednerplatz nimmt unterdessen Burkhard Arnold, Schuldirektor und Vorsitzender der Europa-Union, die junge Amelie mit auf die Bühne. "Sie ist ein Gesicht des jungen Europas. Wir dürfen es nicht zulassen, dass wir künftigen Generationen dieses gemeinsame Friedens- und Zukunftsprojekt wegnehmen." Ähnlich äußerte sich zuvor bereits Hauptrednerin Lochbihler. Die Europaabgeordnete aus Obergünzburg fordert eine "Jugendgarantie" durch die Europäische Union: Alle jungen Europäer sollten spätestens vier Monate nach Beendigung der Schule/Universität eine Ausbildungsstelle bekommen. Besonders in den krisengebeutelten südlichen Mitgliedstaaten wie Griechenland, Spanien und Italien hätten viele Junge den Glauben an das Wohlstandsversprechen der EU verloren. "Wenn wir den nicht wieder herstellen, verlieren wir eine ganze Generation", sorgt sich Lochbihler.

Doch bei allen Sorgen und kritischen Zwischentönen überwiegt das Positive, das eindeutige Ja zu Europa. "Dieses Projekt ist so schön, dass ich gerne über seine Schwächen hinwegsehe", sagt Moderator Bernhard Thrul. Gemeinsam mit anderen Memminger Entscheidungsträgern schmiedet der grüne Stadtrat an einem größeren überparteilichen Bündnis, um in Memmingen (ähnlich wie in Sonthofen) künftig weitere "Pulse of Europe"-Kundgebungen stattfinden zu lassen. "Die Motivation dazu ist da. Aber dann müssen sich mehrere an der Organisation beteiligen." Wenn es dann noch gelänge, die Veranstaltung besser öffentlichkeitswirksam anzukündigen, würden sicher noch mehr junge Allgäuer für den europäischen Herzschlag auf die Straße gehen…