Tolles Engagement

Wie diese Kaufbeurer das Leben von Kindern in Nepal verbessern

Die Ostallgäuer Michael Elstner (links) und Till Gröner bauen Schulräume in Nepal.

Die Ostallgäuer Michael Elstner (links) und Till Gröner bauen Schulräume in Nepal.

Bild: Supertecture

Die Ostallgäuer Michael Elstner (links) und Till Gröner bauen Schulräume in Nepal.

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Die Kaufbeurer Till Gröner (34) und Michael Elstner (23) sind Teil einer Gruppe, die in Nepal außergewöhnliche Schulräume baut. Egal ob aus Lehm oder Natursteinen - jedes Klassenzimmer ist individuell und soll der schönste Raum sein, in den je ein Kind kommt. Mit ihrer Architektur wollen die beiden Ostallgäuer jetzt noch mehr Menschen helfen - die Pläne dafür liegen schon bereit...
18.09.2020 | Stand: 15:02 Uhr

Schon während des Studiums stand für Till Gröner (34) fest: Er möchte anderen Menschen helfen. Und zwar "dort, wo es am meisten bringt." Aber kann er als Architekt überhaupt etwas bewirken? Auf jeden Fall, sagt der Dozent. Das möchte er seinen Studenten zeigen, ihnen helfen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Im Kongo, in Syrien, Somalia oder auf den Philippinen hat Gröner Krankenstationen und Kindergärten gebaut. Gerade betreut der Kaufbeurer eine Gruppe junger Menschen, die im nepalesischen Dorf Dhoksan eine Grundschule erweitert. Doch mit gewöhnlichen Schulräumen hat das wenig zu tun. "Ich kann ein Klassenzimmer als Schuhkarton bauen. Oder als schönsten Raum, in den ein Kind kommt."

Eine Vorstellung, die vier junge Menschen mit ihren Häusern verwirklichen wollen: eines komplett aus Ziegelsteinen, eines aus fünf Schichten Lehm, das dritte aus hunderten von Fenstern. Und dann ist da noch das "Rock-House", geformt aus lokalen Natursteinen und "mit den wohl außergewöhnlichsten Fenstern, die nepalesische Schüler bisher gesehen haben", fügt Gröner hinzu. Entworfen hat es ein Kaufbeurer. Michael Elstner brach im Mai mit den drei anderen Studenten nach Nepal auf - nach nur fünf Wochen Planung.

Von seinem „Rock-House“ sind die Dorfbewohner begeistert, erzählt Michael Elstner – insbesondere von den runden Fenstern. Der Kaufbeurer erweitert zusammen mit drei anderen Studenten eine Grundschule in Ost-Nepal. Dazu baut jeder von ihnen ein eigenes Haus, seines besteht aus lokalen Natursteinen.
Von seinem „Rock-House“ sind die Dorfbewohner begeistert, erzählt Michael Elstner – insbesondere von den runden Fenstern. Der Kaufbeurer erweitert zusammen mit drei anderen Studenten eine Grundschule in Ost-Nepal. Dazu baut jeder von ihnen ein eigenes Haus, seines besteht aus lokalen Natursteinen.
Bild: Supertecture

"Alle Häuser hat es so noch nie gegeben", sagt Gröner. Drei von ihnen werden die Grundschüler als Klassenzimmer nutzen, das "Window-House" als Bibliothek. Später wird die Sonne Lichtkegel in das Zimmer seines Steinhauses werfen, mal größere, mal kleinere. Denn das Mauerwerk um seine Fenster und die Tür herum ist rund, erklärt Elstner. Innen sind die Fenster jedoch quadratisch. "So kommt ein ganz neues geometrisches Spiel in das Gebäude", sagt der 23-Jährige, der in Augsburg Bauingenieurwesen studiert. Die Steine hat er extra anpassen lassen, Skizzen für das Dach und die Rahmen entworfen.

Für so manche Herausforderung sorgt die Sprachbarriere auf der Baustelle. Allzu gutes Englisch sprechen die Dorfbewohner nicht, schildert Elstner. Doch die Gruppe fand schnell eine Lösung. "Wir machen unsere Anweisungen größtenteils vor und lassen sie die Arbeiter nachmachen." Von seiner Konstruktion seien die Bürger überwältigt gewesen. Insbesondere von der Lastabtragung, die über einen Ring rund um die Fenster funktioniert. "Das ist ein völlig neues Prinzip für die Leute hier, obwohl es in Europa schon lang bekannt ist und in Nepal viele Häuser aus Stein gebaut werden."

Die Architektur der neuen Häuser müsste zu Nepal passen, sagt Gröner. Zu einem Land, in das die Leute reisen, weil es so schön ist. Bedeutet für den gebürtigen Berliner: moderne Materialien mit Traditionen verbinden. "Das sind teils Bautraditionen, die bald verloren gehen." Wie sehr ein tolles Haus das Bild eines Ortes oder sogar eines ganzen Landes verändern kann, erlebt Gröner immer wieder.

Wir brauchen ernst gemeinte wirtschaftliche Kooperationen, ehrlichen Handel. Man muss den Menschen auf Augenhöhe begegnen.
Architekt Till Gröner (34) über sein Verständnis von "Entwicklungshilfe"

Nach vielen Jahren in der Entwicklungshilfe würde der 34-Jährige die am liebsten komplett umkrempeln. "Das beginnt schon beim Begriff, ich würde es nicht Entwicklungshilfe nennen", sagt Gröner. "Wir brauchen ernst gemeinte wirtschaftliche Kooperationen, ehrlichen Handel. Man muss den Menschen auf Augenhöhe begegnen." Und dazu könne jeder beitragen.

Fünf Monate in Nepal

Wie seine Studenten, die nach dem Auslandspraktikum richtige "Botschafter des Landes" sind. Fünf Monate lang leben sie im Dorf, feiern Taufen und Hochzeiten mit und lernen die wenig luxuriöse Lebensweise in Dhoksan kennen. Warmes Wasser gibt es dort nicht, auch keine große Auswahl an Lebensmitteln. "Das typische Essen ist Reis mit Linsen - dreimal am Tag, jeden Tag", erzählt Gröner.

Von der ersten Skizze bis zum fertigen Bau sind die Studenten für alles komplett selbst verantwortlich. "Es gibts nichts Vergleichbares. Die Begeisterung und Identifikation mit dem Projekt ist enorm", sagt der Dozent. Das kann Elstner nur bestätigen: "Ich war von Anfang an begeistert. Es gibt so viele Herausforderungen und man ist selbst in der Position, diese zu meistern." Bald bricht die nächste Gruppe auf, unter ihnen auch wieder ein Kaufbeurer. Welche Idee sie dann verwirklichen wollen? "Die schönste Hotel Lodge in Nepal bauen", sagt Gröner. Ihre Einnahmen sollen komplett in gemeinnützige Projekte fließen.

Das Projekt
Am Projekt „Supertecture“ können Studenten verschiedener Studiengänge, Universitäten und Fachhochschulen teilnehmen. Zurzeit sind die Fachrichtungen Architektur, Bauingenieurwesen sowie Energieeffizientes Bauen und Planen vertreten. „Hauptsächlich geht es aber um Sozialkompetenz“, sagt Dozent Till Gröner, der das Projekt ins Leben gerufen hat. Er möchte „soziale Architektur“ in verschiedenen Ländern verwirklichen.
Gerade erweitert eine Gruppe eine Grundschule im nepalesischen Dorf Dhoksan. Finanziert wird das Bauvorhaben von der Patrizia-Kinder-Haus-Stiftung in Augsburg. 2012 hatte die Stiftung die Grundschule für Erst- bis Fünftklässler eröffnet.
Das Projekt zählt für die Studenten als Auslandspraktikum: An fünf Wochen Planung in Deutschland schließen sich fünf Monate in Ostnepal an. Ihre Gebäude entwerfen sie komplett eigenständig und sind ebenfalls für den Bau verantwortlich. Als nächstes will ein Team eine soziale Hotel-Lodge bauen. (Hier ist das Projekt auf facebook zu finden.)