Ins Allgäu geholt

Aufsehenerregend! Allgäuer kauft Wiener Straßenbahn

Fast 47 Jahre war die Tram auf den Straßen Wiens unterwegs - zum ersten Mal im Jahr 1972, das letzte Mal Anfang November dieses Jahres. Jetzt hat sie der Unterallgäuer Christoph Peukert vor der Schrottpresse gerettet und in die Region gebracht.

Fast 47 Jahre war die Tram auf den Straßen Wiens unterwegs. Jetzt hat sie bei Christoph Peukert ein neues Zuhause.

Bild: Daniel Halder

Fast 47 Jahre war die Tram auf den Straßen Wiens unterwegs. Jetzt hat sie bei Christoph Peukert ein neues Zuhause.

Bild: Daniel Halder

23 Meter lang, 24 Tonnen schwer: Ein spektakulärer Schwerlast-Transport brachte eine fast 50 Jahre alte Tram aus Wien ins Allgäu. Wie es dazu kam.

15.04.2020 | Stand: 11:18 Uhr

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von allgaeu.life. Er erschien zuerst im November 2019.

Als die Tram schließlich sicher auf seinem Grundstück in Tannheim bei Memmingen stand, fiel Christoph Peukert ein riesiger Stein vom Herzen. "Jetzt bin ich glücklich wie ein kleines Kind!" Sprach's und setzte sich sofort eine graue Schaffnermütze auf, um das Innere seiner Bim (so wird die Straßenbahn von den Wienern genannt) zu erkunden.

Hinter dem Unterallgäuer liegen aufreibende Tage und Wochen. Eigentlich ist er ausgebildeter Hundetrainer und betreibt in dem 2.500-Einwohner-Ort mit seiner Frau Eva das "Dog Lodge Hundehotel". Die Urlaubs-"Unterkunft" für Vierbeiner wurde schon als beste Hundepension in Deutschland ausgezeichnet. Doch neben den Tieren gehört seine zweite Leidenschaft Oldtimern. Für seine nostalgischen Errungenschaften hat er an seinem Wohnort eigens eine Halle errichtet. "Ich habe lange überlegt, was ich als besonderes Schmuckstückchen noch hinstellen könnte", erzählt der Sammler und Bastler.

Nostalgie: Viele Jahre in Wien gelebt

Insgesamt zehn Jahre seines Lebens - in drei Etappen - verbrachte der Unterallgäuer in Wien. "Am 29. Mai 1982, am Tag als Sissi-Darstellerin Romy Schneider starb, war ich zum allerersten Mal mit meinen Eltern dort. Seitdem lässt mich diese Stadt nicht mehr los". Doch auf die Idee, eine Wiener Tram zu kaufen, kam er durch Zufall. "Ich habe bei eBay-Kleinanzeigen gesehen, dass dort jemand allen Ernstes eine Straßenbahn anbietet." Peukert antwortete nicht auf die Annonce, doch er griff zum Telefon und rief die Verkehrsgesellschaft "Wiener Linien" an. "Ich wollte wissen, ob die wirklich Straßenbahnen verkaufen", sagt er lachend.

Was er zu hören bekam, ließ sein Herz höherschlagen. Gerade erst wurden einige altehrwürdige Triebwagen vom Typ E1 ausgemustert. Der Kaufpreis für einen: schlappe 500 Euro! Peukert zögerte nicht und bekam den Zuschlag für den Wagen mit der Nummer 4513. Der versprüht Wiener Nostalgie pur, ging am 18.11.1972 in Betrieb und machte seine letzte Fahrt erst vor wenigen Tagen am 4.11. dieses Jahres!

"Was ist in diesen fast 47 Jahren wohl alles in dieser Bim abgegangen?", überlegt er ehrfürchtig. "Streit, Drama, Geburten...? - Allein beim Gedanken daran bekomme ich Gänsehaut."

Vuan hoat's zwoa Bosch'n

Verbrieft ist dagegen, dass die Jahre an der alten Tram nicht spurlos vorübergingen. "Sie hatte insgesamt 72 Karambolagen mit Autos. Das steht in einem der Ordner, die ich bekommen habe", erzählt der Allgäuer schmunzelnd. "Vuan hoat's halt zwoa Bosch'n", habe der Mitarbeiter der Verkehrsgesellschaft im berühmten Wiener Schmäh erzählt - doch über die zwei Dellen sah Peukert großzügig hinweg.

Bilderstrecke

Wiener Tram im Allgäu

Was die "Lohner" (so der Herstellername) für ihn so besonders macht: Der 4513er hatte seine Strecke raus zum Zentralfriedhof durch den 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten, wo der einstige Globetrotter wohnte. "Ich habe an das Zitat aus dem Film 'Die Feuerzangenbowle' gedacht: Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben."

Mega-Herausforderung und -Kosten: der Transport

Doch bei aller Nostalgie - die große Herausforderung stand dem Unterallgäuer noch bevor: der Transport der Straßenbahn aus Wien in die Heimat. "Die Tram für den relativ geringen Preis zu kaufen, ist das eine. Aber ich musste auch sofort unterschreiben, dass ich mich selbstständig um den Transport kümmere. Und der geht richtig ins Geld", erzählt er. Den genauen Betrag will er nicht nennen, "aber in der Größenordnung hätte ich mir auch einen gut erhaltenen Kleinwagen kaufen können."

Mitte September 2019 begannen die Planungen, knapp zwei Monate später bekam er schließlich die Genehmigung. Ein Schwerlaster mit vier Begleitfahrzeugen holte die Bim in Wien ab, Peukert und seine Frau waren dazu ebenfalls in die österreichische Hauptstadt gereist. "Weil ganze Straßenzüge gesperrt werden mussten, war der Abtransport nur zwischen 12 und 4 Uhr in der Nacht möglich." Eigens wurde dafür ein Schwerlaster organisiert, auf dessen Ladefläche Schienen angebracht sind. Nachdem die Bim auf den LKW gezogen war, setzte sich der Konvoi in Bewegung.

 

 

"In einer knappen Stunde waren wir durch Wien durch, obwohl das ganze Gespann 80 Tonnen wog", erzählt Peukert. Weiter ging es quer durch Österreich bis nach Salzburg. Knifflig wurde es nochmals am Ammersee, als der Schwertransport wegen seiner Höhe auf die Landstraße ausweichen musste. "Weil es so eng wurde, kam eine Begleitfirma dazu, die die Straßenschilder abmontieren musste." Auch im Aitracher Kreisverkehr kurz vor dem Ziel mussten Polizei und Spezialisten nochmals genau aufpassen.

Doch es ging gut - nachts gegen 1.30 Uhr kam die 23 Meter lange und 3,65 Meter hohe Tram in Tannheim an. Zwei Tage später wurde sie mit zwei riesigen Kränen vom Schienen-LKW auf die vorgesehene Stelle auf Peukerts Grundstück gewuchtet.

Ein Café? Eine Event-Tram?

Und nun? Wie wird die ehrwürdige E1 ihren Ruhestand bei Memmingen verbringen? Peukert grübelt: "Was ich genau aus der Bim mache, weiß ich noch nicht. Vielleicht mache ich ein original Wiener Straßencafé rein. Oder ich baue sie für Events aus - beispielsweise für kleine Privatkonzerte. Für Anregungen bin ich da jederzeit dankbar", sagt er schmunzelnd. Sicher ist nur: Genug vom alten Wien kann es nie sein! Rund um die Tram will er eine Haltestelle nach Wiener Art schaffen. "Und in der Bim muss auch noch einiges in den Originalzustand gebracht werden. Als erstes kommen die modernen Kunststoff-Halteschlaufen raus und werden durch Leder ersetzt. Und die Werbung wird mit alten Plakaten aus den 70ern überklebt."

Christoph Peukert lächelt selig. "Wie schrieb mir neulich eine Bekannte: 'Ihr seid die liebenswertesten Spinner vom Allgäu!'"