Mundart: Lumpamensch

Diese Mädelsband will den Allgäuer Dialekt hip machen

Juli, Hanna, Christina, Rebekka, Steffi und Anna (von links) sind die Allgäuer Dialekt-Gruppe "Lumpamensch".

Juli, Hanna, Christina, Rebekka, Steffi und Anna (von links) sind die Allgäuer Dialekt-Gruppe "Lumpamensch".

Bild: Annika Wild

Juli, Hanna, Christina, Rebekka, Steffi und Anna (von links) sind die Allgäuer Dialekt-Gruppe "Lumpamensch".

Bild: Annika Wild

Lumpamensch sind sechs junge Frauen. Sie sagen: Warum sollten Allgäuer sich nicht zum Dialekt bekennen, wie es die Oberbayern und Bands wie LaBrassBanda tun?
21.02.2021 | Stand: 08:40 Uhr

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von allgaeu.life. Er erschien zuerst im März 2018. Zum internationalen Tag der Muttersprache an diesem Wochenende haben wir ihn erneut veröffentlicht.

Der Bart hiert so, der stupflet mi und juckt so
und wenn mi an di drucksch so, macht mi des ganz verruckt no
Er rasiert so, so schlecht wenn's ihm pressiert so
I spür's in allna Glieder - dei Bart isch scho weng zwider

So klingt Luis Fonsis Welthit "Despacito" auf Allgäuerisch. Witzig, frech und kreativ. Genau wie die Ostallgäuer Mädelsband "Lumpamensch", die hinter dieser Neufassung steckt. Rebekka, Christina, Stefanie, Juli (alle 19), Hanna (18) und Anna (21) sind die wohl jüngste, auf jeden Fall aber die ungewöhnlichste Mundart-Gruppe weit und breit.

Nicht nur, dass sie wie selbstverständlich die unterschiedlichsten Musikstile – von bayerischer Volksmusik über Samba, Folk oder Pop - miteinander verbinden. Sie sind überdies junge, frische und sympathische Botschafterinnen des Allgäuer Dialekts.

Seit über fünf Jahren tourt die Gruppe durch die Region, absolviert zahlreiche Auftritte in Gasthäusern, bei Firmenfeiern, Hochzeiten oder sonstigen Festivitäten. Oft wird die Band von der Bidinger Mundart-Dichterin Waltraud Mair begleitet. Und noch jemand ist immer dabei: Im Schlepptau haben die sechs Mädchen ihren "älteren Herrn" - so bezeichnet sich Harald Probst (66) augenzwinkernd selbst. Der Allgäuer Liedermacher ist Musiklehrer und "Spiritus rector" der Band.

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Mit ihm und den Aitranger Zwillingen Christina und Stefanie fing alles an. Die beiden waren schon im Kinderchor bei Harald, sie wuchsen mit seinen im Allgäuer Dialekt komponierten Songs auf. Weit über 150 solcher Stücke hat der Liedermacher im Laufe der Zeit geschrieben, viele davon für seine vorigen Projekte "Ludarleabe" und "Funkahex". Mit den sechs Mädels von Lumpamensch hat er nun ein "richtiges Allgäuer Juwel" gefunden, ist er überzeugt.

Der Allgäuer Liedermacher Harald Probst schreibt viele der "Lumpamensch"-Songs im Dialekt.
Der Allgäuer Liedermacher Harald Probst schreibt viele der "Lumpamensch"-Songs im Dialekt.
Bild: Tobias Bunk

Tatsächlich: Wenn die sechs "Feela" in Lederhosn oder Dirndl die Bühne betreten, dauert es meist nicht lang, bis sie das Publikum um den Finger wickeln. Mit E-Bass, Geige, Querflöte, Tuba und Gitarre experimentieren sie mit traditionellem Heimatsound, exotischen Rhythmen und aktuellen Radio-Hits. Da folgen auf Probsts "Allgäulied" das romantische "Für di - do zähl i dia Sternla" und eine Lumpamensch-Version von Pinks Rock-Ballade "Try".

"Der Mix aus bekannten Stücken und Mundart kommt an und hält das Publikum wach", sagt Steffi. Und nicht wenige Zuhörer sind komplett baff, mit welcher Selbstverständlichkeit die Mädels das Thema Dialekt bespielen. In einer Zeit, in der an Schulen mit Nachdruck Wert auf Hochdeutsch gelegt wird und Mundart bei vielen Jugendlichen als "uncool" gilt, marschieren Lumpamensch in die entgegengesetzte Richtung.

Bekenntnis zum Allgäuer Dialekt

"Ich mag Mundart, auch bei mir zuhause wird Dialekt gesprochen. Man kann im Dialekt vieles sagen, was man sonst nicht so genau ausdrücken könnte", sagt Rebekka. Sie weiß aber auch, dass nicht alle in ihrem Alter so denken. "Klar reden manche auch blöd daher, sagen 'So schwätzen bloß Bauern' - aber das ist mir egal."

Eins darf bei den Mädchen nie fehlen: jede Menge Spaß! Bei jeder Probe und den Auftritten wird viel gelacht.
Eins darf bei den Mädchen nie fehlen: jede Menge Spaß! Bei jeder Probe und den Auftritten wird viel gelacht.
Bild: Sophie Schuder

Auch die 18-jährige Hanna singt aus vollem Herzen in Allgäuer Mundart - obwohl sie aus der Stadt Kaufbeuren und nicht "vom Land" stammt: "Ich spreche eigentlich kaum Dialekt, aber beim Singen fällt mir das gar nicht schwer", sagt sie im AZ-Interview. Und Harald wirft ein: "Das kommt daher, weil der Allgäuer Dialekt eine wunderbare musikalische Klangsprache besitzt. Ich vergleiche das immer mit Steinen in einem Flußbett. Hochdeutsch ist wie ein zersplitterter, gebrochener Granitstein. Unser Dialekt aber ist ein schöner, weich geschliffener Flussstein, den man gerne anschaut und aufnimmt."

Seit geraumer Zeit sprießen in Bayern junge, angesagte Bands aus dem Boden, die sich vor Mundart nicht scheuen. Nur: Die meisten von ihnen haben ihren Ursprung südöstlich von München. "Gruppen wie Django 3000 und LaBrassBanda haben dafür gesorgt, dass es cool geworden ist, im Dialekt zu singen. Aber das ist halt bairisch. Der Allgäuer Dialekt ist noch wesentlich unbekannter", sagt Hanna. "Gerade viele Jüngere bekennen sich nicht so zur Allgäuer Mundart, wie es beispielsweise die Oberbayern zu ihrem Dialekt tun."

Lumpamensch sind anders. "Nur weil Mundart manche nicht 'hipster' finden, muss man es nicht runterspielen. Wir wollen den Allgäuer Dialekt hip machen", sind sich die Mädels einig. Mit ihren Instrumenten und Liedern sind sie auf dem besten Weg dazu.