Burgen im Allgäu

"Fast jeder Ministeriale hatte damals seine Burg"

Die Burg Falkenstein ist eine hochmittelalterliche Burgruine bei Pfronten im Landkreis Ostallgäu - eine von einst rund 300 Burgen im Allgäu.

Die Burg Falkenstein ist eine hochmittelalterliche Burgruine bei Pfronten im Landkreis Ostallgäu - eine von einst rund 300 Burgen im Allgäu.

Bild: Benedikt Siegert

Die Burg Falkenstein ist eine hochmittelalterliche Burgruine bei Pfronten im Landkreis Ostallgäu - eine von einst rund 300 Burgen im Allgäu.

Bild: Benedikt Siegert

Einst standen im Allgäu 300 große und kleine Bollwerke. Immerhin 60 Burgen sind bis heute erhalten - oft als Ruinen.

03.08.2020 | Stand: 13:03 Uhr

Das Allgäu gilt zu Recht als eine der burgenreichsten Gegenden Deutschlands: Auf engem Raum drängten sich hier im Mittelalter über 300 kleine und große Bollwerke. Und noch immer weist die Region eine "beeindruckende Burgendichte" auf, sagt der Archäologe und Burgenforscher Dr. Joachim Zeune aus dem Ostallgäuer Eisenberg.

Etwa 60 Wehrbauten haben sich bis heute erhalten, viele davon als Ruinen. Unscheinbare Wohntürme gehören ebenso dazu wie imposante Wehrbauten mit Vorburg, Schildmauer und Halsgraben. Nicht zu vergessen prunkvolle Residenzen wie das Hohe Schloss in Füssen oder Exoten wie Deutschlands höchstgelegener Wehrbau auf dem Falkenstein bei Pfronten. Sie alle stehen für eine Ära, in der große Herrscher und kleine Adlige ihren Machtanspruch weithin sichtbar in Stein meißeln ließen.

Das Zeitalter von Zinnen und Ringmauern beginnt im Allgäu um die Jahrtausendwende. Es sind unruhige, oftmals blutige Zeiten, die die Region im 10. Jahrhundert erlebt. Ab dem Jahr 909 fallen immer wieder ungarische Reiterhorden in Schwaben ein. Sie plündern Dörfer und Klöster, brennen Siedlungen nieder. Erst nach der Schlacht auf dem Lechfeld 955 enden die Raubzüge, vor denen die wenigen Allgäuer Wallburgen aus Holz und Erde kaum Schutz bieten.

Im 11. Jahrhundert entstanden im Allgäu die ersten Wehrbauten

Obwohl die im Herzogtum Schwaben herrschenden Franken den Bau von Burgen intensiv forcieren, dauert es im Allgäu bis zum 11. Jahrhundert, ehe die ersten Wehrbauten entstehen. Bauherren sind in der Regel Landesherren - in der Region der Bischof von Augsburg, der Herzog von Bayern und der Fürstabt von Kempten. Die älteste Steinburg des Allgäus, die bereits 1077 existierende Burg Hopfen am See (Füssen), sollte hinter ihren mächtigen Mauern nicht nur Schutz bieten. Mindestens ebenso wichtig war es ihren Besitzern, durch die imposante Höhenlage eine Vormachtstellung in der Region zu symbolisieren. 

Die Burgruinen Hohenfreyberg und Eisenberg.
Die Burgruinen Hohenfreyberg und Eisenberg nahe Pfronten.
Bild: Benedikt Siegert

Zwischen 1180 und 1250 schließlich setzt ein regelrechter Burgen-Boom ein, zumeist in direkter Nähe zu Siedlungen und wichtigen Straßen. Begünstigt durch die Vielzahl kleiner Territorien, die Dienstmannen und andere niedere Adlige als Lehen erhalten haben, schießen im Allgäu zahlreiche Vesten aus dem Boden - kleines Verwaltungszentrum und Machtbekundung in einem. "Fast jeder Ministeriale hatte damals seine Burg", beschreibt Zeune diese rasante Entwicklung.

Wobei mancher Burgherr in der ländlichen Region mehr in einem stattlichen Bauernhaus denn in einer Veste lebt. "Die Einrichtung ist oft karg und das Leben wenig ritterlich", sagt Zeune. Die Gemäuer sind dunkel und zugig, im Winter herrscht klirrende Kälte in fast allen Räumen. Jagdwild, Delikatessen und edle Gewürze kann sich nur der Hochadel leisten, der einfache Burgherr muss sich mit Getreide und Gemüse begnügen. Und auch der Alltag ist eintönig: Feste und Turniere kennt der niedere Adel nur vom Hörensagen. 

Burgruine Falkenstein
Die Burg Falkenstein ist eine hochmittelalterliche Burgruine bei Pfronten im Landkreis Ostallgäu.
Bild: Benedikt Siegert

Bis heute ist es laut Zeune ein Rätsel, wie der kostspielige Burgenbau in kleinen Herrschaften finanziert wurde. "Die Fron- und Spanndienste der Untertanen deckten nur einen geringen Teil der Gewerke ab." Steinmetzen und andere Spezialisten mussten ebenso bezahlt werden wie das Baumaterial - für eine stattliche Burg wurde allein zum Brennen des Kalks für den Mörtel etwa ein Hektar Wald abgeholzt.

Schon im 14. Jahrhundert begann der Niedergang der Burgen

Auf der anderen Seite waren die Einnahmen dürftig, sagt Zeune: "Burgherren lebten in der Regel von Zoll, Maut, Geleitrechten und dem kleinräumigen Handel." Die großteils in Naturalien anfallende Abgabe der Untertanen (Zehnt) diente nur der Versorgung des Burgherren und dessen Familie. 

Burgruine Hopfen am See
Die Ruine der Burg Hopfen liegt 100 Meter oberhalb des Hopfensees.
Bild: Benedikt Siegert

Hinter ihren Mauern fühlen sich die Burgbewohner zwar sicher - "aber nicht alle Anlagen waren wirklich wehrhaft", betont Forscher Zeune. Erst ab etwa 1250 tauchen im Allgäu jene Attribute auf, die eine aktive Verteidigung erlauben: Schießscharten, Wehrgänge, Flankierungstürme und Wurferker. Später werden die Bollwerke teils erheblich erweitert, entstehen Zwinger, Artillerietürme und zusätzliche Gräben.

Und dennoch beginnt bereits im 14. Jahrhundert, das in Mitteleuropa von schweren Naturkatastrophen wie Erdbeben geprägt ist, der Niedergang der Burgen. Schleichend haben der Ritterstand und die von ihm verkörperten Ideale wie Tapferkeit und Treue an Bedeutung verloren. "Auch durch die Stadtgründungen und das Erstarken von Bürgertum und Fürstenhöfen schrumpfte die Vormachtstellung des Adels", erläutert Zeune. Das verstärkte Aufkommen der Feuerwaffen ab etwa 1420 versetzt dem Mythos Burg schließlich den Todesstoß: Das Burgensterben ist nicht mehr aufzuhalten. 

Burgruine Hohenfreyberg im Schnee
Die Burg Hohenfreyberg gilt als einer der letzten großen Burgneubauten des deutschen Mittelalters.
Bild: Benedikt Siegert

Etliche Gemäuer werden in der Folge in komfortable und deutlich repräsentativere Schlösser verwandelt. Zahlreiche Vesten aber verfallen ungenutzt oder werden zum Steinbruch deklariert - mache nach Brandschatzungen im 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648), andere erst nach der Säkularisation 1803. Dabei haben die meisten Gemäuer in ihrer Blütezeit keine einzige Belagerung erlebt, betont Zeune: "Bei Fehden ging es damals vor allem um eines: Die Schwächung der Wirtschaftskraft durchs Plündern von Dörfern oder Verwüsten der Felder."