Bregenz

Ein Haus holt das ganze Land herein

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Bild: beckmann

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Vorarlbergmuseum „Verstehen, wer wir sind“ steht an der Fassade des imposanten Gebäudes in Bregenz. Es präsentiert seine Sammlung auf unkonventionelle Weise und fängt zugleich Gegenwart und Zukunft der Menschen ein
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Von Ingrid Grohe
25.09.2019 | Stand: 16:25 Uhr

Dieses Haus atmet Geschichte. Die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart und Ideen der Zukunft. Das ist dem Vorarlbergmuseum in Bregenz schon von außen anzusehen: Zum Bodensee hin zeigt das stattliche Gebäude die Gründerzeitfassade der ehemaligen Bezirkshauptmannschaft, auf der Seite am Kornmarktplatz gibt es sich mit großen Glasscheiben modern und transparent. Einziger Schmuck der Fassade sind kleine Betonrosetten. Erst auf den zweiten Blick sind sie als Verweis auf einen der gängigsten Alltagsgegenstände unserer Zeit zu erkennen: Als Gussformen dienten die Böden von PET-Flaschen. Ein in Messingrahmen gefasster Schriftzug an der Hauswand könnte ein Versprechen sein: „Verstehen, wer wir sind“, steht da.

Wie andere Landesmuseen bewahrt das Vorarlbergmuseum Dinge in kaum fassbarer Zahl auf. Sachen, die Menschen irgendwann mal benutzt, gefunden und gesammelt haben. Diese Gegenstände stehen für mehr oder weniger ferne Zeiten und könnten Geschichten erzählen – teils in einer kaum mehr verständlichen Sprache. Anstatt den Besuchern die Dinge-Flut in chronologischer, regionaler oder thematischer Ordnung zu präsentieren, bietet das Museum einen Streifzug durchs Land anhand des Alphabets an: „Buchstäblich Vorarlberg“ heißt die Ausstellung.

Und so stößt der Besucher bei „A“ auf Gemälde der bedeutenden klassizistischen Malerin Angelika Kauffmann aus dem Bregenzerwald, unter „C“ wie „Chränzle“ bestaunt er reich bestickte Hauben und von Strass und Perlen glitzernde Kränze, und bei „G“, das für das alemannische Wort „gsi“, also „gewesen“ steht, reihen sich in einem engen Feld aufgepflanzte, schmiedeeiserne Grabkreuze aneinander. Klug und witzig assoziiert, schildert das ABC viele Aspekte Vorarlbergs. Ein Porzellanservice unter „J“ erinnert an die einst blühende jüdische Gemeinde Hohenems, Architekturmodelle führen unter „B“ wie „bauen“ die Vorarlberger Baukultur vor Augen, „X“ wie „x-fach“ weist mit geschnitzten Druckplatten und farbenprächtigen Musterbüchern auf die Textilindustrie im „Ländle“ hin.

In einem schwach beleuchteten Raum streift der Besucher durch dieses Alphabet. Wer tiefer graben möchte, ist eingeladen, Schubladen unter den Vitrinen aufzuziehen und weitere Objekte zu entdecken.

Dinge wären seelenlos, würden sie nicht mit Menschen in Verbindung stehen. Für Themenausstellungen macht das Vorarlbergmuseum Menschen selbst zu Teilen der Präsentation. „Ganz nah“ heißt die aktuelle Schau, in der es um das Berühren geht. Da erzählen Frauen und Männer, die andere Menschen buchstäblich anfassen, von ihren Erfahrungen: eine Kickboxerin, eine Masseurin, ein Tanzlehrer und ein Tätowierer. Fotos erinnern an Prostituierte und Bordells. Heute ist Prostitution in Vorarlberg verboten. Zeitungsausschnitte erläutern Hintergründe und kontroverse Diskussionen dazu.

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Einem Artikel derBild-Zeitung aus dem Jahr 1962 ist zu entnehmen, welche Dispute sich einst um den „unsittlichen Tanz“ Twist entspannten. Demnach verlor der Kapitän des Bodensee-Schiffs „Montafon“ sein Patent, weil auf seinem Schiff Twist getanzt worden sei. Den Swing wiederum verbot die NS-Hauptmannschaft den Vorarlbergern im Jahr 1939 – „zum Schutz des heimischen Brauchtums“.

Ein runder Pavillon aus rotem Samt und rotem Licht verheißt ein süßes Erlebnis. Wer es betritt, findet sich unter einem Himmel aus Liebesbriefen wieder. Eine warme Stimme liest in Endlosschleife daraus vor. Wie gern verliert man sich in den berührenden Zeilen.

Unter den „landläufigen Geschichten zum Berühren“, erzählt das Vorarlbergmuseum auch die des Feldkircher Artisten Karl Zauser, der mit dem Circus Sarrasani als Flieger und Fänger durch die Welt zog, gegen Ende seines Lebens aber den Halt verlor und verarmt 1967 starb. Aus Zausers Nachlass sind Trapez und Seile in einer Art Manege ausgestellt. „Berühren ist unter der Zirkuskuppel überlebensnotwendig“, so die Erläuterung.

Wer gehört dazu, wer fühlt sich als Vorarlberger oder Vorarlbergerin? Dass diese Frage nicht einfach zu beantworten ist, zeigt sich am Beispiel Franz Michael Felders (1839 bis 1869) aus dem Bregenzerwald. Dass er weit über Vorarlberg hinaus ein Vordenker war, bestreitet heute niemand. Der Bergbauernsohn gründete eine Viehversicherungsgesellschaft und eine „Partei der Gleichberechtigung“, um Klassenunterschiede zu bekämpfen. Im Rückblick bewundert, war Felder zu Lebzeiten vielen Dorfleuten und vor allem den Mächtigen nicht geheuer. Die Kanzel der Schnepfauer Kirche, von der herunter ihn der Pfarrer vor versammelter Gemeinde beschimpfte, steht heute im Vorarlbergmuseum.

Die frühere jüdische Gemeinde, Gastarbeiterfamilien, die inzwischen heimisch sind, Roma, die auf Zeit eine Heimat suchen, sowie Erfinder, Künstlerinnen und Visionäre: Sie alle haben Platz in diesem großen Haus, das erzählt, sammelt und zum Diskurs anregt – nicht nur über Persönlichkeiten, auf die das Land stolz ist, sondern auch über solche, deren Werdegang Fragen aufwirft. Unter dem Namen Hermann Rhomberg etwa steht „NS-Profiteur und Ehrenbürger.“

Vor sechs Jahren wurde das neue Vorarlbergmuseum an Stelle des alten Landesmuseums eröffnet. 35 Millionen Euro – exakt die veranschlagte Summe – hat es gekostet. Schon der Bau selbst, erdacht von den Bregenzer Architekten Cukrowicz und Nachbaur, macht deutlich, worum es hier geht: Nicht um eine wohl gehütete Sammlung kostbarer Objekte, sondern um das Gedächtnis einer Region. Es erinnert sich und füllt sich zugleich mit ständig neuen Eindrücken. Besucher empfinden das an raumhohen Fenstern ohne Laibungen. Sie holen in mehreren Räumen das Land ins Museum: Draußen und Drinnen sind in ständigem Dialog.

Der vielleicht spektakulärste Ort des Museums verbirgt sich hinter einer dunklen Tür im Obergeschoss. Hier öffnet sich ein mit schwarzem Stoff ausgeschlagener Raum trapezförmig zur komplett verglasten Frontseite hin. Die Weite des Bodensees und seines Hinterlandes liegt einem zu Füßen. Man möchte ewig hier stehen und staunen.