Reisacher:

„Verbrennungsmotor ist kein Auslaufmodell“

Memmingen Reisacher

Memmingen Reisacher

Bild: Ralf Lienert

Memmingen Reisacher

Bild: Ralf Lienert

Interview Der Memminger Peter Reisacher, Präsident der deutschen BMW-Händler, fordert eine „ergebnisoffene Diskussion“ über Antriebsarten. Warum er das Gefühl hat, dass auf der Autoindustrie „herumgetrampelt“ wird
31.07.2019 | Stand: 16:39 Uhr

Es ist eines der ganz großen Themen in der Automobil-Branche: Mit welchem Antrieb sollen die Fahrzeuge zukünftig unterwegs sein? Der Memminger Peter Reisacher glaubt, dass es den Verbrennungsmotor noch lange geben wird. Der Präsident der deutschen BMW-Händler fordert eine „ergebnisoffene“ Diskussion über den Antrieb der Zukunft. Die Digitalisierung, die auch in der Automobil-Branche eine immer größere Rolle spielt, werde an Grenzen stoßen, sagt der 50-Jährige: Auch künftig brauche der Kunde einen „Ansprechpartner aus Fleisch und Blut“. Die Firma Reisacher ist einer der fünf größten BMW-Händler in Deutschland und vertreibt jetzt auch Modelle der Buchloer Firma Alpina.

Ihr Unternehmen ist in den vergangenen 20 Jahren stark gewachsen. Welche Philosophie steckt dahinter?

Ich bin im Autogeschäft aufgewachsen und habe schnell erkannt, dass meine Eltern für einen überschaubaren Lohn hart arbeiten mussten. Als ich in den USA studierte, habe ich ein Praktikum bei einem großen Autohändler gemacht. Da wurde mir klar, dass wir wachsen müssen. Mein Ziel war es fortan, ein starkes regionales Unternehmen aufzubauen.

Wie wurde diese Idee in der Familie aufgenommen?

Wir haben heftig darüber diskutiert, es gab Reibungspunkte. Doch wenn ich einen Plan habe, lasse ich mich nicht beirren.

Lesen Sie auch
##alternative##
Bringt die IAA im neuen Format den ersehnten Schwung?

Neustart mit Fragezeichen: Autobranche sucht Zuversicht auf neuer IAA

Haben Sie auf diesem Weg auch einmal Angst vor der eigenen Courage bekommen?

Ganz oft. Die Frage, ob ein Risiko vertretbar ist, treibt mich jeden Tag um.

Wie viele Autos verkauft Ihr Unternehmen im Jahr?

Etwa 10 000 Fahrzeuge, die Hälfte davon sind Neuwagen. Der Anteil reiner Elektroautos liegt übrigens bei 50, dazu kommen etwa 100 Hybrid-Fahrzeuge.

Von vielen Seiten ist zu hören, dass der Fachkräftemangel bereits ein Wachstumshemmnis für die deutsche Wirtschaft sei. Wie ist die Situation bei Reisacher?

Es war nie leicht, gute Mitarbeiter zu bekommen. Heute ist es noch ein bisschen aufwendiger, aber nicht unmöglich. Wir bilden in allen unseren Bereichen aus und sind ehrlich gegenüber Bewerbern: Man muss fleißig und hart schaffen, sonst läuft unser Geschäft nicht.

Autobranche und Politik beschäftigt die Diskussion um die Antriebsart der Zukunft. Ist der Verbrennungsmotor bereits ein Auslaufmodell?

Der Verbrennungsmotor ist kein Auslaufmodell. Er ist gerade dann eine gute Antriebsart, wenn man flexibel sein muss: Es gibt ausreichend Tankstellen und die Reichweite ist hoch. Man muss allerdings auch das Potenzial nutzen, um den Verbrennungsmotor umweltfreundlicher zu machen.

Wie beurteilen Sie die alternativen Antriebsarten?

Zunächst ist wichtig, dass man dieses Thema nicht eindimensional angehen darf. Es geht um Mobilität und damit im Wesentlichen um die individuelle Freiheit der Bevölkerung, um Ökologie und Ökonomie. Vieles ist zu beachten. Wenn in einem Wohngebiet alle ihr E-Auto aufladen, ist gar nicht genug Strom da. Zudem sind Erdkabel darauf ausgerichtet, nachts auszukühlen. Die Produktion von Batterien erzeugt CO2, die verbauten Rohstoffe sind teuer und begrenzt. Und reiner Wasserstoff muss erst hergestellt werden, auch das erfordert Energie: Woher kommt sie und ist sie CO2-neutral? Außerdem ist das Lagern und Transportieren von Wasserstoff eine komplexe Sache, denn er verflüchtigt sich. Daher sollten wir ergebnisoffen an die Diskussion herangehen, welche Antriebsarten wir in Zukunft haben wollen und welche für die Gesamt-CO2-Bilanz am Sinnvollsten ist.

Wie beurteilen Sie die aktuelle öffentliche Debatte um diese Themen?

Die Diskussion um verkehrsbedingte Emissionen wird nirgends mit der Intensität und Pauschalität geführt wie in Deutschland. Auf der Autoindustrie wird herumgetrampelt, ohne ein klares Konzept zu haben. Der Verkehr ist in Deutschland übrigens nur mit 18 Prozent an den CO2-Emissionen beteiligt. Daher sollte er nicht so stark in den Fokus gerückt werden.

Hat es nicht auch mit dem Skandal um manipulierte Abgaswerte zu tun, wenn die Autobranche derzeit einen schweren Stand hat?

Ja, denn dadurch ist die Autoindustrie in die Defensive geraten und hat ihr altes Selbstbewusstsein verloren.

Wie wird sich die Digitalisierung in den nächsten Jahren auf Ihren Betrieb auswirken?

Weitere Prozesse, die jetzt noch von Hand ausgeführt werden, wollen wir automatisieren. Das heißt aber nicht, dass Arbeitsplätze wegfallen. Denn wir möchten weiter wachsen und mehr Zeit in Kundenkontakte investieren. Auch morgen brauchen unsere Kunden und Interessenten noch einen Ansprechpartner aus Fleisch und Blut.

Welche Bedürfnisse wird der Autofahrer von morgen haben? Mancher Experte glaubt, dass sich viele nicht mehr für den klassischen Autokauf entscheiden, sondern je nach aktuellem Bedarf ein Fahrzeug leasen. Beispielsweise einen geländegängigen Wagen für den Winterurlaub und ein Cabrio für den Sommer.

Das sehe ich noch nicht so schnell kommen. Selbstverständlich ist es möglich, beispielsweise einen pauschalen Betrag pro Monat zu bezahlen und dann jeweils das Fahrzeug zu bekommen, das man gerade braucht. Aber diese Flexibilität des Autonutzens wird auch seinen Preis haben.Interview: Helmut Kustermann