Sportstillstand

Corona-Maßnahmen: "Sport kommt erst nach Spielhöllen und Bordellen"

Es ist eine bewegte Debatte, die sich rund um die Sport-Beschränkungen dreht. Vor allem die vielen länderspezifischen Ausnahmen werden kritisiert.

Es ist eine bewegte Debatte, die sich rund um die Sport-Beschränkungen dreht. Vor allem die vielen länderspezifischen Ausnahmen werden kritisiert.

Bild: Benedikt Siegert, (Symbolbild)

Es ist eine bewegte Debatte, die sich rund um die Sport-Beschränkungen dreht. Vor allem die vielen länderspezifischen Ausnahmen werden kritisiert.

Bild: Benedikt Siegert, (Symbolbild)

Das weitgehende Sportverbot im Amateursport sorgt weiter für Debatten. Die verschiedenen Verordnungen und Ausnahmen verärgern die Landessportbünde.
Es ist eine bewegte Debatte, die sich rund um die Sport-Beschränkungen dreht. Vor allem die vielen länderspezifischen Ausnahmen werden kritisiert.
dpa
04.11.2020 | Stand: 16:26 Uhr

Es ist nicht nur das Verordnungswirrwarr der Bundesländer im Teil-Lockdown, der den deutschen Sport verunsichert. Für Ärger und Unmut sorgt auch die Gleichsetzung der Amateur-, Breitensportler in den Regelungen mit Bordellen und Spielhallen. "Hier wünschen wir uns in den politischen Debatten mehr Wertschätzung", sagte Hessens Landessportbundpräsident Rolf Müller bei einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur.

"Die Einordnung des Sports in den politischen Beschlüssen hinter den Spielhöllen und Bordellen sollte sich nicht wiederholen."

Viel mehr bewegt den organisierten Sport, was geht in den 16 Bundesländern, was darf nicht mehr laufen - und bleibt wirklich alles nur bis Ende November befristet. Während Amateur- und Breitensportler in den meisten Ländern allein oder zu zweit aus verschiedenen Haushalten Sport treiben dürfen, gibt es eine Reihe von Ausnahmen.

Corona: Beschränkungen für Amateursportarten sind hart

In Hamburg ist nur diese kleine Bewegungsfreiheit im Freien gewährt, den Nachbarn aus Schleswig-Holstein hat die Politik es auch in der Halle erlaubt. Eine Vorlage für Sporttourismus: Wer in der Hansestadt wohnt, kann wenige Kilometer weiter Hallen-Tennis spielen. In Mecklenburg-Vorpommern sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren vom Sportverbot ausgenommen - und in Berlin ist für bis Zwölfjährige Training an der Luft in Gruppen mit bis zu zehn Personen zugelassen.

Öffentliche und private Sportanlagen in Hessen sind wie anderenorts geschlossen. Es wird aber darauf hingewiesen, dass auf Wasserstraßen und öffentlichen Wasserflächen, im Wald oder in Parks gejoggt, geradelt und gewandert werden darf; auch Ski-Langlauf ist in der Öffentlichkeit möglich. "Wir hätten uns in Hessen eine differenziertere Vorgehensweise gewünscht", betonte Müller. Zum Beispiel sportspezifische Regelungen statt pauschale Maßnahmen.

Einheitliche Corona-Regelungen im Sport gibt es nicht

Dies ist auch im Sinne seines Kollegen aus Bayern, wo für den Amateursport so gut wie keine Ausnahmen gemacht werden. "Bundeseinheitliche Regelungen, die für alle Sportvereine gelten und an denen sich alle orientieren können, wären sehr wünschenswert", sagte BLSV-Präsident Jörg Ammon - und dass es "leicht verständliche Regeln" sind. Wegen der unterschiedlichen Corona-Infektionslagen in den Ländern sei dies jedoch schwer umsetzbar.

Auch der Berliner LSB-Chef Thomas Härtel hält die verschiedenen Regelungen für irritierend. Dass Kinder an der Spree bis zwölf Jahren weiter trainieren können, stimmt ihn froh, aber ebenso nachdenklich: "Warum diese Regel nicht gleich für alle schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen gilt, ist nicht nachvollziehbar."

Abgesehen vom Flickenteppich der Einschränkungen bewegt Elvira Menzer-Haasis, Präsidentin des Landessportbundes Baden-Württemberg, die Sorge um die Menschen, "die vor dem Hintergrund der psychischen und physischen Gesundheit auf sportliche Aktivitäten angewiesen" seien. Deshalb sollte "eine schnelle Rückkehr in den regulierten Sportbetrieb" nach Abnahme der Inzidenzwerte ermöglicht werden.

"Es wäre besser gewesen, wenn konkret gesagt worden wäre, das und das ist verboten, das und das ist unter den Bedingungen erlaubt", sagte Thomas Zirkel, Hauptgeschäftsführer des LSB Thüringen. "Ein Vergleich, was, wo gemacht werden darf und was nicht, bringt nichts und sollte nicht Maßstab der Diskussion sein."

Olympischer Sportbund: Abmilderung der Corona-Maßnahmen

Der Deutsche Olympische Sportbund freut sich hingegen über jede Abmilderung der Corona-Maßnahmen. "Für Millionen Sporttreibende und Verantwortungsträger stellt der aktuelle Lockdown einen schweren Eingriff in die persönliche Freiheit dar. Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass bei der konkreten Umsetzung zumindest in einigen Bundesländern und Kommunen praxisbezogene Regelungen absehbar werden", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

Nicht so moderat äußerte sich der frühere deutsche Spitzenfunktionär Helmut Digel. Für ihn ist das Sportverbot für den Breitensport ein Skandal. "Die Entscheidung der Bundesregierung und der Landesregierungen, die zu dem Sportverbot geführt hat, kann einer kritischen Überprüfung nicht Stand halten", schreibt er in einem Essay auf seiner Website "Quergedacht". Die medizinischen Erkenntnisse über die Bedeutung des Gesundheitssports seien dabei nicht oder nur unzureichend zur Kenntnis genommen.

"Der organisierte Sport darf kein devoter Untertan einer fragwürdigen Sportpolitik sein", forderte der Ex-Präsident der deutschen Leichtathleten. "Mit allen in einer Demokratie zur Verfügung stehenden Mitteln hat der organisierte Sport sich gegen das aktuelle Sportverbot zu wehren und zukünftige Verbote zu verhindern."

Mitgliederschwund durch Beschränkungen?

Während der weitgehende Stillstand des Amateursports mit der Sorge um Gesundheit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und zu erwartender Mitgliederschwund verbunden ist, plagen Deutschlands Spitzenathleten finanzielle Folgen durch die Pandemie. Mit einem Umsatzverlust von rund sechs Millionen Euro in diesem Jahr trifft es die aktuell 466 Mitglieder der Olympia- und Paralympics-Kader laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln hart. Sie beklagen einen monatlichen Rückgang von 1287 Euro und damit 25 Prozent der Einnahmen.

Für 2021 geht die Gruppe der olympischen Medaillenhoffnungen für Tokio 2021 und Peking 2022 von einem zusätzlichen Einnahmerückgang um weitere 600 Euro pro Monat aus, heißt es in der von der Deutschen Sporthilfe und dem Bundesinstituts für Sportwissenschaften in Auftrag gegebenen Befragung. Über 12 Monate seien dies Mindereinnahmen von 22 700 Euro pro Athlet beziehungsweise knapp 10,6 Millionen Euro für die gesamte Athletengruppe im Vergleich zu 2019.