Skispringen

Der "Springerkönig" eroberte die Herzen im Flug

Sein Sprungstil galt in den 50er und 60er-Jahren als revolutionär: Sepp Weiler. Der Oberstdorfer wäre am 22. Januar 100 Jahre alt geworden.

Sein Sprungstil galt in den 50er und 60er-Jahren als revolutionär: Sepp Weiler. Der Oberstdorfer wäre am 22. Januar 100 Jahre alt geworden.

Bild: Archiv Allgäuer Skiverband

Sein Sprungstil galt in den 50er und 60er-Jahren als revolutionär: Sepp Weiler. Der Oberstdorfer wäre am 22. Januar 100 Jahre alt geworden.

Bild: Archiv Allgäuer Skiverband

Wintersport-Legende Sepp Weiler wäre 100 Jahre alt geworden. Warum er am Wochenende auch in Willingen gefeiert wird
31.01.2021 | Stand: 10:32 Uhr

So präsent wie sein früherer Skisprung-Kamerad Heini Klopfer war Sepp Weiler in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren nicht mehr. Klar, Klopfer, der Architekt und Namensgeber der Oberstdorfer Skiflugschanze, thronte quasi immer über ihm – mit diesem markanten, riesigen Turm im Stillachtal. Von oben betrachtet war das Schanzenstüble, das Sepp Weiler viele Jahre im Auslauf der Schanze führte, nur ein kleiner schwarzer Punkt. Doch Sepp Weiler stand seinen Kollegen Heini Klopfer und Toni Brutscher, die als Oberstdorfer Springer-Trio in die Geschichte des Sports eingingen, in nichts nach. Weiler, der vor einer Woche am 22. Januar seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, zählt zu den schillerndsten Figuren des Allgäuer Wintersports – auch, weil er bis zu seinem Tod 1997 (er verstarb 76-jährig in Kempten an einem Krebsleiden) sowohl während seiner aktiven Zeit als auch danach zahlreiche Schicksalsschläge meisterte.

Mit 31 erstmals zu Olympia

Obwohl er zu den talentiertesten Skispringern weltweit gehörte, blieb Sepp Weiler der ganz große sportliche Erfolg verwehrt. Auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit fielen die Olympischen Winterspiele 1940 und 1944 wegen der Kriegswirren aus. 1948 waren deutsche Athleten von der Teilnahme ausgeschlossen. 1952 durfte er dann endlich zu Olympia. 31 Jahre alt war er damals schon und galt dennoch als haushoher Favorit bei den Spielen in Oslo. Platz acht war eine riesige Enttäuschung, Weiler sprach davon, dass er seine Ski „verwachst“ habe.

Wie groß das Talent Weilers war, ist daran abzulesen, dass er schon als 16-Jähriger deutscher Meister wurde. Sein Kraft- und Muskeldefizit gegenüber den Älteren glich der junge Weiler durch eine extrem mutige Vorlage aus, mit der er windschnittiger durch die Lüfte segelte als seine Konkurrenten. Es heißt, Weiler habe seine Mutter Maria schon im Kindergartenalter mit Sprüngen vom Küchentisch erschreckt.

Im Krieg traf ihn ein Granatsplitter am Auge

Auch für einen Weltmeistertitel reichte es nicht. 1941 in Cortina sprang er die größten Weiten, wurde von den drei Kampfrichtern aber auf Rang vier verbannt. Später annullierte der Internationale Skiverband die WM und führte fortan fünf Sprungrichter ein. Die höchste und niedrigste Wertung wurde gestrichen – eine bis heute praktizierte Regel, die auf Weilers Skandal-WM zurückgeht. Auch die heute noch gesteckten Tannenzweige am Aufsprunghügel hatten damals ihren Ursprung – allerdings mit einem traurigen Hintergrund. Weiler hatte als Soldat an der Ostfront durch einen Granatsplitter die Sehkraft am linken Auge fast komplett verloren. Er benötigte eine zusätzliche Orientierung. Doch Weiler sprang erfolgreicher denn je. Im Winter 1948/49 gewann er 35 von 36 Wettkämpfen. Ein Rekord für die Ewigkeit. Mit Heini Klopfer soll Weiler schon während des Krieges eine Idee geschmiedet haben: Sollten sie unversehrt nach Hause kehren, würden sie in Oberstdorf eine Riesenschanze bauen ...

Franz Bisle und Oskar Fischer, die das Leben Weilers in einer ausführlichen Dokumentation zusammenfassten, schreiben in „Unser Oberstdorf“: Wer weiß, ob es je zu Ski-Weltmeisterschaften in Oberstdorf gekommen wäre, wenn damals nicht Sportler wie Sepp Weiler die so entscheidende „Anlaufspur“ gelegt hätten.

In Willingen brannte seine Liftgaststätte nieder

Auch in Willingen, wo am Wochenende der Skisprung-Weltcup gastiert, wird dem schillernden Allgäuer gedacht. Weiler war es, der 1951 viele hundert Kilometer vom Allgäu entfernt die Herzen seiner Fans im Flug eroberte. Beim ersten internationalen Wettbewerb auf der Mühlenkopfschanze sprang Weiler gleich Schanzenrekord. Weil er in Oberstdorf finanzielle Probleme mit einem Sportgeschäft hatte, ging er mit der Familie für einige Jahre nach Willingen. Das berufliche Glück fand er aber auch dort als Kneipier und Hotelier nicht. Seine Liftgaststätte am Ettelsberg brannte 1972 nieder, auf Drängen seines Freundes Toni Brutscher kehrte er nach Oberstdorf zurück und übernahm das Schanzenstüble. Dort erinnert heute eine große Gedenktafel an das bewegte Leben des Oberstdorfer „Springerkönigs“.

Hier erfahren Sie mehr über die Schanzen in Oberstdorf.