Ski alpin

Felix Neureuther zu deutschen WM-Chancen: "Das kann noch spektakulär werden"

Felix Neureuther traut dem deutschen Team bei der WM in Cortina Überraschungen zu.

Felix Neureuther traut dem deutschen Team bei der WM in Cortina Überraschungen zu.

Bild: Lino Mirgeler, dpa

Felix Neureuther traut dem deutschen Team bei der WM in Cortina Überraschungen zu.

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Felix Neureuther traut dem deutschen Team bei der WM in Cortina Überraschungen zu. Favoriten seien zwar andere, aber die DSV-Truppe sei nicht zu unterschätzen.
dpa
08.02.2021 | Stand: 11:07 Uhr

Nach neun Teilnahmen seit 2003 wird Felix Neureuther (36) erstmals als Zuschauer und TV-Experte die alpine Ski-WM verfolgen. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht der Ski-Rentner über seine Erwartungen an Cortina d'Ampezzo, die Aussichten für den gerade so fit gewordenen DSV-Abfahrtsstar und macht den deutschen Medaillen-Check für alle Wettbewerbe.

Was erwarten Sie sich von der WM in Cortina d'Ampezzo?

Felix Neureuther: Tolle Bilder! Ich glaube, die Weltmeisterschaft wird uns ein Winterparadies in die Wohnzimmer bringen, weil Cortina einfach ein toller Ort ist, wie man ihn sich wünscht für so ein Großereignis.

Für wieviel Spektakel kann das deutsche Team sorgen?

Neureuther: Der Start mit der Frauen-Kombi ohne deutsche Fahrerin ist natürlich nicht so spektakulär. Aber es kann noch spektakulär werden. Schon die Geschichte mit dem Thomas Dreßen, der sein Comeback bei der Weltmeisterschaft gibt, ist etwas besonderes. Allein dass er dabei ist, tut uns Zuschauern und der WM wahnsinnig gut.

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Das Gros im DSV-Kader sind Speed-Spezialisten.

Neureuther: Wir haben ein sehr gutes Abfahrtsteam bei den Herren. Die blieben in Garmisch zwar unter ihren Verhältnissen. Aber wenn alles perfekt zusammenpasst, kann denen eine Überraschung gelingen. Ob es dann zu einer Medaille reicht, das sei dahingestellt.

In diesem Winter gelang den Abfahrern noch kein Podest.

Neureuther: Dabei haben sie das Zeug dazu. Man muss das aber in Relation setzen und sehen, wie sich die Mannschaft über die Jahre entwickelt hat, auch in der Breite. Das ist das Positive. Die Ergebnisse werden kommen. Die Jungs haben eine wahnsinnig gute Körpersprache und wollen schnell Skifahren. Die sind auch mit einem fünften Platz wie dem von Andi Sander in Kitzbühel nicht zufrieden. Diese Gewinnermentalität müssen wir wieder in den deutschen Skisport reinbringen. Ohne die bist du chancenlos. Aber die Jungs haben die und das macht Spaß.

Kann Dreßen nach der Hüft-OP vom November in seinem ersten Rennen des Winters gleich um eine Medaille in der WM-Abfahrt kämpfen?

Neureuther: Er hatte 2019 nach seinem Kreuzbandriss direkt die erste Abfahrt in Lake Louise gewonnen. Dem Thomas ist grundsätzlich alles zuzutrauen. Wenn alles optimal läuft von den Verhältnissen her, auch von der Sicht her, kann er sich step by step herantasten. Es gibt wenige Athleten, die in der glücklichen Lage sind, dass sie nicht viele Skitage brauchen, um nach Verletzungen stark zurückzukommen. Der Thomas ist definitiv einer von denen. Ich trau ihm auf alle Fälle zu, dass er vorne mitfahren kann. Von Medaillen rede ich nicht gerne. Ich war nie ein großer Freund von Medaillenzielvorgaben.

Gelingt Thomas Dreßen aus Mittenwald eine Überraschung bei der Ski-WM?
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Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Es sind nur drei Frauen im DSV-Kader. Ist es richtig, streng zu sein und nur konkurrenzfähige Athletinnen mit zur WM zu zunehmen, auch wenn dann mögliche deutsche Startplätze frei bleiben?

Neureuther: Ich finde das richtig. Man hat lange versucht, bei Großereignissen die Plätze einfach aufzufüllen. Das macht aber keinen Sinn. Dieses Wohlfühlklima muss aus den Köpfen der Athletinnen und Athleten raus. Man muss lernen zu kämpfen und den Willen haben, vorne mitzufahren und eine Gewinnermentalität zu bekommen. Bei uns geht es vielen so dermaßen gut, die werden nie wirklich gefordert und zeigen schon eine Zufriedenheit, der oder die Beste im deutschen Nachwuchs zu sein. Das reicht aber international nicht. Wenn wirklich jemand das Potenzial und das Talent hat, dann kann man auch einen jungen Athleten mitnehmen, so etwa wie den Simon Jocher.

Könnte es passieren, dass dem deutschen Team bei der ersten WM ohne Felix Neureuther und Viktoria Rebensburg Anführer fehlen?

Neureuther: Viele waren ja auch schon bei anderen Weltmeisterschaften dabei. Natürlich ist es wichtig, dass man Sportler hat, auf die man sich verlassen kann. Aber nun bieten sich neue Chancen an, einige können sich nicht mehr auf den Schultern der anderen ausruhen. Die müssen etwas zeigen, das ist Chance und Herausforderung. Es ist keiner dabei, bei dem man sagt, der muss eine Medaille holen. Auch der Linus (Straßer) nicht, obwohl der schon ein Rennen in dem Winter gewonnen hat. Deshalb können alle entspannt an den Start gehen.

Abschließend noch Felix Neureuthers WM-Check: Wie groß sind die deutschen Medaillenchancen in den einzelnen Disziplinen?

Neureuther: Bei der Damen-Kombi ist ja keine Deutsche gemeldet. Beim Super-G stehen die Chancen von Kira Weidle bei zehn, ach, eher bei fünf Prozent. Im Super-G der Männer kommt viel auf die Startnummern an. Aber da ist absolut etwas drin, da können Medaillen rausspringen. Bei der Kombi der Männer ist offen, wer fährt, aber auch da ist etwas möglich. Bei der Damen-Abfahrt muss für Kira alles bis aufs kleinste Detail zusammenpassen, damit etwas gehen kann; es wird schwierig. Auch bei der Männer-Abfahrt sind die Favoriten andere: Matthias Mayer ist in einer gewaltigen Verfassung, auch Beat Feuz ist Wahnsinn oder Vincent Kriechmayr. Jetzt kommt auf einmal auch noch Dominik Paris daher. Die Deutschen haben Chancen, aber es muss viel zusammenpassen.

Kira Weidle startet beim Super-G.
Kira Weidle startet beim Super-G.
Bild: Angelika Warmuth, dpa

Kommen wir zur zweiten Woche mit den Technikevents. Los geht es mit der WM-Premiere für das Parallel-Event.

Neureuther: Ich finde es völlig sinnlos, so ein Rennen bei einer WM durchzuführen. Natürlich haben die Deutschen da Chancen. Aber dieser Wettbewerb hat für mich überhaupt keinen Wert. Der Teamevent schon eher, er hat aber meiner Meinung auch nichts zu suchen bei der WM.

Dann fehlen nur noch die traditionellen Technik-Events.

Neureuther: Im Damen-Riesenslalom haben wir gar keine Chancen; bei den Herren bin ich wirklich auf den Stefan (Luitz) gespannt, auch der Alex (Schmid) hat wahnsinnig gute Ansätze. Aber mit Alexis Pinturault, Marco Odermatt oder Filip Zubcic sind schon drei richtige Bretter am Start. Im Damen-Slalom sehe ich keine Chance für die Lena (Dürr), weil die besten Fünf so weit weg sind. Es müssten drei von den Fahrerinnen patzen, dann wäre ein Podestplatz heiß umkämpft, aber die Wahrscheinlichkeit ist minimal. Im Herren-Slalom mit Linus Straßer ist alles möglich, von vorne bis hinten. Das macht es interessant.

Zur Person: Felix Neureuther (36) war jahrelang der wichtigste deutsche Skirennfahrer, er nahm an neun Weltmeisterschaften teil. Dabei holte er einmal Team-Gold und drei Einzelmedaillen im Slalom. Im Frühjahr 2019 beendete er seine Karriere. Er ist ARD-Ski-Experte.