Falsches Training

Lauf-Ass Mirco Berner: "Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Seid schlauer!"

Vor fünf Jahren sorgte Mirco Berner mit extremen Leistungen für Aufsehen in der Läuferszene. Mittlerweile musste er eine Reihe von Rückschlägen verkraften.

Vor fünf Jahren sorgte Mirco Berner mit extremen Leistungen für Aufsehen in der Läuferszene. Mittlerweile musste er eine Reihe von Rückschlägen verkraften.

Bild: Schuhwerk

Vor fünf Jahren sorgte Mirco Berner mit extremen Leistungen für Aufsehen in der Läuferszene. Mittlerweile musste er eine Reihe von Rückschlägen verkraften.

Bild: Schuhwerk

Mirco Berner (24) rechnet ab - und zwar mit sich selbst! "Ich habe einen Riesenfehler gemacht", gesteht der dauerverletzte Allgäuer Ausnahmeläufer, der mit nur 20 Jahren den legendären Transalpine Run gewann. Im allgaeu.life-Interview gibt er jenen Kritikern Recht, die ihn schon früh warnten, sein Talent zu verheizen. "Ich hätte besser auf sie hören sollen." Was sich Berner vorwirft und weshalb der Trail-Läufer heute im flachen Amsterdam lebt, erfährst Du hier.
16.04.2019 | Stand: 15:14 Uhr

Beim Halbmarathon vor knapp zwei Wochen in Kempten wurde Mirco Berner von vielen Zuschauern vermisst. Was ist aus dem Blondschopf geworden, dessen kometenhafter Aufstieg vor exakt fünf Jahren auf dem Rundkurs seiner Heimatstadt begann?

Sensationserfolg: Mit Stephan Hugenschmidt gewann Mirco Berner im September 2014 den Transalpine Run.
Sensationserfolg: Mit Stephan Hugenschmidt gewann Mirco Berner im September 2014 den Transalpine Run.
Bild: www.whisthaler.com, Archiv: Allgäuer Zeitung

Als 19-Jähriger holte er sich damals in 1:13:25 Stunden den Sieg über 21,1 Kilometer - und verblüffte alle Experten: Er trainierte erst seit ein paar Monaten in einem Verein. Mit extremer Härte und gewaltigen Umfängen katapultierte sich das zweifellos große Talent auf die Überholspur. Wenige Monate später gelang ihm im Herbst 2014 die Krönung seiner Karriere: An der Seite von Partner Stephan Hugenschmidt gewann er als bis dato jüngster Sieger den legendären Transalpine Run, der in sieben Etappen von Ruhpolding nach Sexten führte. "Das ist der schönste Tag in meinem Leben", jubelte Berner nach den Strapazen (275 Kilometern gespickt mit 13.000 Höhenmeter) im Ziel.

Heute weiß er: Der Preis für den Erfolg war hoch. Zu hoch. Denn Berner zahlte mit seiner Gesundheit.

Seit seinem Triumph plagen ihn Waden- und Oberschenkelschmerzen. Er kann nur noch eingeschränkt trainieren. Immer wieder streiken die Beine; zwingen ihn zu mehrwöchigen Pausen. "Vermutlich sind es muskuläre Probleme infolge von Überbelastung. Einen anderen Grund konnten die Ärzte bislang nicht festellen", sagt Berner. Reumütig fügt er an: "Ich habe nicht auf meinen Körper gehört. Und auch nicht auf die warnenden Stimmen. Das war ignorant."

So berichtete die Allgäuer Zeitung vor fünf Jahren nach dem Sieg von Mirco Berner beim Halbmarathon in Kempten.
So berichtete die Allgäuer Zeitung vor fünf Jahren nach dem Sieg von Mirco Berner beim Halbmarathon in Kempten.
Bild: Screenshot

An Tipps von erfahrenen Läufern hatte es nicht gemangelt. So riet der Kemptener "Laufpapst" Georg Hieble dem ehrgeizigen Shootingstar nach dessen Halbmarathon-Sieg in einem AZ-Artikel, Tempo und Umfänge zu drosseln: "Da muss er wirklich aufpassen."

Doch Berner zog sein Knallhart-Programm weiter durch. In der Spitze lief er pro Woche 300 Kilometer mit 16.000 Höhenmetern! "Ich wollte immer einzigartiges leisten und hab gedacht, dass ich unverletzbar bin. Der Erfolg ist mir zu Kopf gestiegen", sagt der Einzelkämpfer selbstkritisch. Er bereut, dass er sich seinerzeit nicht den jungen Läufern vom Team "b_faster" um Joachim Saukel angeschlossen hat. "Die haben ihre Form sorgsam über Jahre aufgebaut. Ich bewundere, was die mittlerweile leisten", sagt Berner. Sein Lob bezieht sich insbesondere auf den diesjährigen Sieger des Kemptener Halbmarathons, Fabian Eisenlauer (1:09:26), sowie auf den mittlerweile für Regensburg startenden Kevin Key. Der 26-jährige aus Betzigau belegte zuletzt bei der deutschen Halbmarathon-Meisterschaft in Freburg Platz neun in 1:06:02 Stunden.

Für Berner sind solche Zeiten derzeit außer Reichweite. Für Überraschungen ist er freilich noch immer gut. Der Allgäuer Vorzeige-Bergläufer lebt mittlerweile ausgerechnet im flachen Amsterdam! An der 50 Kilometer entfernten Universität Leiden, der ältesten Uni der Niederlande, verfasst der Mathematik-Student derzeit seine Masterarbeit. Danach schreibt sich Berner ein weiteres Jahr für "Business Studies" ein. Sein Ziel: "Ich will später für eine Sportfirma arbeiten. Am liebsten international."

Weltenbummler Berner: das Lauf-Ass reist so oft es geht. Das Bild zeigt ihn am Lago Chungara (Chile), dem höchst gelegenen See der Welt (4.566 m über dem Meeresspiegel). Im Hintergrund: der Vulkan Parinacota.
Weltenbummler Berner: das Lauf-Ass reist so oft es geht. Das Bild zeigt ihn am Lago Chungara (Chile), dem höchst gelegenen See der Welt (4.566 m über dem Meeresspiegel). Im Hintergrund: der Vulkan Parinacota.
Bild: Mirco Berner

Vorher jedoch muss er mit den Niederrungen des Studentendaseins klar kommen. Weil er in Leiden anfangs keine Wohnung fand, verbrachte er mehrere Wochen im Zelt auf einem Campingplatz! Mehrere Medien berichteten darüber. Inzwischen hat Berner in Amsterdam ein Appartment gefunden: Sechs Quadratmeter für 500 Euro Monatsmiete!

Trotzdem zieht er sein Ding durch. Wie immer. Auch wenn ihn andere schräg anschauen. Die Freunde zuhause im Allgäu, weil er so karg lebt. Seine Altergenossen in Amsterdam, weil er sich auch auf anderem Gebiet eisern zurückhält. "Ich bin, glaube ich, der einzige ausländische Student in dieser Stadt, der kein Pott raucht", sagt er schmunzelnd. Mirco Berner bleibt eben Sportler durch und durch - auch wenn sein Körper derzeit keine Höchstleistungen abrufen kann wie früher.