Fußball-Interview

Schiedsrichter Tobias Schultes aus Betzigau gibt Einblicke in den Profisport

Schiedsrichter Tobias Schultes aus Betzigau leitet Fußballspiele in der dritten Liga und steht als Assistent in der zweiten Liga an der Seitenlinie.

Schiedsrichter Tobias Schultes aus Betzigau leitet Fußballspiele in der dritten Liga und steht als Assistent in der zweiten Liga an der Seitenlinie.

Bild: Ralf Lienert

Schiedsrichter Tobias Schultes aus Betzigau leitet Fußballspiele in der dritten Liga und steht als Assistent in der zweiten Liga an der Seitenlinie.

Bild: Ralf Lienert

Tobias Schultes vom TSV Betzigau pfeift in der dritten Liga. Warum die Geburt seines Sohnes die Einstellung des 30-Jährigen verändert hat.
24.12.2020 | Stand: 12:00 Uhr

Die zurückliegenden Tage waren für Fußball-Schiedsrichter Tobias Schultes (30) vom TSV Betzigau arbeitsintensiv. Der Oberallgäuer stand am 6. Dezember als Assistent von Bundesliga-Referee Robert Hartmann (Krugzell) beim SC Paderborn in der 2. Bundesliga gegen den 1. FC Nürnberg (0:2) an der Linie. Dann leitete er sechs Tage später die Drittliga-Partie des SC Verl gegen Viktoria Köln (1:1). Kurzfristig sprang er noch am 16. Dezember in der Zweitliga-Partie zwischen Fortuna Düsseldorf und dem VfL Osnabrück (3:0) als vierter Offizieller ein. Am vergangenen Samstag war er schließlich erneut als Assistent von Hartmann in der 2. Bundesliga bei der Partie zwischen Eintracht Braunschweig und der SpVgg Greuther Fürth (0:3) im Einsatz. Insgesamt war er in dieser Saison acht Mal gefordert. Jetzt hat er etwas Zeit für sich und seine Familie. „Aber nicht lange“, sagt der selbstständige Kaufmann. „Am 2. Januar geht es schon wieder weiter.“

Wenn Sie ein Fazit der bisherigen Saison ziehen, wie fällt es aus?

Tobias Schultes: Ich habe acht Spiele gemacht, davon waren sieben sehr gut. Eine Fehlentscheidung beim Spiel in Verl hat das Ganze etwas getrübt. Ich habe erst nach dem Spiel in der Wiederholung gesehen, dass ich Handelfmeter für Verl hätte pfeifen müssen. Ich habe es nicht gesehen, da der Winkel, den ich auf diese Szene hatte, schlecht war.

Deutlich größerer Aufwand wegen Corona-Pandemie

Hat die Corona-Krise Ihren Job als Schiedsrichter beeinflusst?

Schultes: Ja, das ist mein Eindruck. Der Aufwand ist deutlich größer geworden. Es geht los mit den Testungen am Tag vor dem Spiel. Dazu muss ich nach Augsburg fahren. Das gemeinsame Essen mit den Schiedsrichter-Kollegen als teambildende Maßnahme am Abend vor dem Spiel entfällt natürlich. Das Frühstück am Tag der Begegnung gibt es auf dem Zimmer, manchmal gibt es auch keines. Gemeinsame Anreise ist nicht mehr erlaubt. Jeder fährt separat. Es gilt: So wenig Kontakt als möglich. Das Ergebnis des Tests gibt es am Morgen des Spieltags. Es ist manchmal schwierig, den Fokus dann auf das Spiel zu halten.

Ist es eine Erleichterung, dass keine Zuschauer mehr im Stadion sind?

Schultes: Das sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Fans fehlen ebenso wie das Kribbeln und das Adrenalin, das mit ihnen entsteht. Ich muss mich viel mehr selbst hochpushen. Weniger geworden sind meiner Meinung k nach die Schauspiel-Einlagen der Spieler nach Fouls.

Beim Fußball geht es nicht mit Samthandschuhen zu

Ist es von Vorteil oder Nachteil, dass nahezu jedes Wort in dieser Zeit im Stadion deutlich hörbar ist?

Schultes: Es ist eher hinderlich. Fußball ist ein Sport, bei dem es nicht mit Samthandschuhen zugeht.

Wie schaffen Sie es, nach den in der Regel intensiven Spielen abzuschalten?

Schultes: Vor der Geburt meines Sohnes haben mich Situationen wie vor Kurzem in Verl die ganze Woche über noch beschäftigt. Jetzt habe ich erkannt: Es gibt Wichtigeres als Fußball.

Welche sportlichen Ziele haben Sie – ist es der Aufstieg in die Bundesliga?

Schultes: Eher nein. Es ist unheimlich schwer, dorthin zu kommen. Das sieht man am Beispiel von Florian Badstübner. Er ist ein riesen Talent und hat drei Jahre lang Spitzenleistungen in der 2. Bundesliga abgeliefert, bis er jetzt endlich aufgestiegen ist. Aber in der 2. Bundesliga zu pfeifen und in der Bundesliga Assistent zu sein, das kann ich mir irgendwann durchaus vorstellen.

Besonderes Jahr für Schultes: Hochzeit und Geburt des ersten Kindes

Was hat Sie im Jahr 2020 besonders bewegt?

Schultes: Für mich war es kein Katastrophen-Jahr. Ich habe geheiratet und einen Sohn bekommen. Und es ist gut, dass Fußball stattfindet. Das hilft vielen Menschen und macht die Zeit in der Corona-Krise für sie erträglicher. Bewegt hat mich der Lockdown, bewegt haben mich die vielen Toten. Man kann es sich nicht ausmalen, was noch alles kommt. Wie gesagt: Es gibt Wichtigeres als Fußball.

Wie verbringen Sie Weihnachten und Silvester?

Schultes: In normalen Zeiten wird das bei uns mit meinem Patenonkel groß gefeiert. Aber in diesem Jahr wird er nicht kommen können. Wir gehen am Heiligen Abend zu meinen Eltern. Und die Silvester-Party in diesem Jahr fällt aus. Bei mir geht es an Neujahr schon wieder los, da ich am 2. Januar meinen ersten Einsatz haben werde.

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