Spektakuläre Skitour

Skitour auf den Sonnenkopf: Blick auf den Zauberberg

Weiß-blaues Bayern: Beim Skitourengehen offenbart sich die Alpenlandschaft von ihrer schönsten Seite.

Weiß-blaues Bayern: Beim Skitourengehen offenbart sich die Alpenlandschaft von ihrer schönsten Seite.

Bild: Anne-Sophie Schuhwerk

Weiß-blaues Bayern: Beim Skitourengehen offenbart sich die Alpenlandschaft von ihrer schönsten Seite.

Bild: Anne-Sophie Schuhwerk

Wer sich auf den Weg macht zu einer Skitour, atmet die Luft von Freiheit. Unser Reporter genoss das Abenteuer in den Hochalpen mit dem Aufstieg zum Sonnenkopf.
21.04.2021 | Stand: 08:25 Uhr

Wir stehen vor einem Zauberberg. Noch ehe wir den ersten Schritt wagen, schlägt er uns in seinen Bann. Überall funkelt und glitzert es. Als ob der Herrgott an diesem Morgen jedes einzelne Schneekristall blitzblank poliert hat. Über uns: ein wolkenloser blauer Himmel, ruhig und erhaben wie ein römisches Deckengemälde, zu dem man andächtig aufschaut. Und das Schönste daran: Hier im Allgäu reiht sich ein Zauberberg an den anderen.

Wer als Skitourengeher einen dieser traumhaften Wintertage erwischt, hat die Qual der Wahl. Vorausgesetzt, er verfügt über die notwendigen technischen und konditionellen Fertigkeiten – oder ist bereit, diese zu erlernen. Anfänger wählen am besten den gesicherten Bereich der (präparierten) Skigebiete. Oder, wie wir an diesem Morgen, eine Einsteiger-Tour auf den Sonnenkopf (1.712 Meter) mit Start und Ziel in Hinang (zwischen Altstädten und Oberstdorf).

Der Berg ruft - auch und vor allem im Winter!
Der Berg ruft - auch und vor allem im Winter!
Bild: Schuhwerk

Mit jedem selbst erlaufenen Meter entfernt man sich ein Stück von der Zivilisation und atmet die klare, wenngleich kalte Luft von Freiheit. Genau das macht den Reiz des Skitourengehens aus. Selbst an diesem vergleichsweise kleinen Hang. Fortgeschrittene können über den Sonnenkopf nur schmunzeln: Sie zieht es zu ungespurten Tiefschneehängen auf über 2.000 Meter. Die Tourenski ermöglichen mit einem speziellen Bindungssystem und den charakteristischen Fellen den Aufstieg. Wer sich auf das Abenteuer in hochalpiner freier Wildbahn einlässt, sollte stets eine Lawinenausrüstung im Gepäck und eine Schulung besucht haben, die der Deutsche Alpenverein und Bergschulen in der Region anbieten (Lesen Sie auch: Das sind die zehn außergewöhnlichsten Gipfel im Allgäu und der Region).

Wie sehr einen das Allgäu inspirieren kann, weiß kaum einer besser als Philipp Schädler. Der 28-Jährige ist Mitglied der Deutschen Skitouren-Nationalmannschaft. Gebürtig stammt er aus der Nähe von Laupheim in Oberschwaben, mittlerweile lebt er im Oberallgäuer Bad Hindelang. Einleuchtender Grund: „Ohne Gipfel geht es nicht.“

Die Liebe zu den Bergen entdeckte der staatlich geprüfte Skilehrer und Skiführer bei Wochenend-Ausflügen in seiner Jugend. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis es mich in Richtung Alpen verschlägt“, erzählt er. Mit spektakulären Aktionen hat sich „Phips“, wie er genannt wird, nicht nur zu einer Szenegröße, sondern auch zu einem Botschafter des Allgäus entwickelt. So berichtete das Trail-Magazin groß über seine Lieblingsskitour in seiner Wahlheimat: Beim so genannten „Allgäuer U“ werden 21 Gipfel, 55 Kilometer und 45.000 Höhenmeter zurückgelegt.

"Ich wünsche mir, dass es nie wieder Sommer wird..."

Dabei überschreiten Profis wie Schädler zwei komplette Bergketten. Erst die Hörnergruppe vom Ofterschwanger Horn bis zum Riedberger Horn und weiter zum Haidenkopf. Zurück geht es über die Nagelfluhkette vom Hochgrat bis zum Mittag. Eine schier unglaubliche Tour, die Schädler in etwa acht Stunden meistert – und die ihn wie verzaubert zurücklässt. „Powder bis zum Knie und unverspurtes Gelände“, schreibt Schädler und fügt an: „Ich wünsche mir, dass es nie wieder Sommer wird und ich nie wieder zu Fuß bergab rennen muss.“

Dieser Blick am Sonnenkopf ist jede Anstrengung wert.
Dieser Blick am Sonnenkopf ist jede Anstrengung wert.
Bild: Schuhwerk

Wer einmal mit dem Skitourengehen angefangen hat, wird sich in diesem Satz wiedererkennen. Und dazu bedarf es noch nicht einmal hochalpiner Ausritte. Es reicht auch ein völlig entspannter Aufstieg zu einem Klassiker wie dem Sonnenkopf. Anders als beim „Lifteln“, erarbeitet man sich beim Skitourengehen eben jeden Meter selbst. Was übrigens nicht immer Spaß macht. Gerade Anfänger verfluchen am ersten Hügel schon mal mit hochrotem Kopf ihren Tatendrang. Doch das gehört dazu, glaubt Edi Bodenmiller. Der 51-Jährige ist Skitourenwart im Allgäuer Skiverband und weiß aus eigener Erfahrung: Gerade die erste Skitour macht nicht immer Spaß.

Als Jugendlicher nahm ihn sein Vater mit auf einen knackigen Ausflug, bei dem der „Bua“ an seine Grenzen stieß. Doch Bodenmiller biss sich durch – und das empfiehlt er auch jedem anderen Neuling in dieser Disziplin. „Man kann die Natur und die Berge ganz anders erfahren als beim Ski alpin. Gerade das Allgäu ist ein sehr vielfältiges Gebiet. Es steigert sich in Richtung hochalpine Tour, je mehr man sich dem Kleinwalsertal nähert“, sagt der Fluggerätemechaniker aus Gestratz, der inzwischen um die 400 Skitouren auf dem Buckel hat und sich bestens in der Szene auskennt.

So machte er die Beobachtung, dass der Trend Skitourengehen mittlerweile bei vielen Outdoor-Ausrüstern eine wahre Goldgräberstimmung ausgelöst hat. Einsteigern auf präparierten Pisten empfiehlt er deshalb, es zunächst einmal mit „vernünftigem Leihmaterial“ zu versuchen. Schließlich prüft man erst, bevor man sich bindet.

Passendes Material und langer Atem erforderlich

Sollte der Spaß am Skitourengehen entfacht sein, hält er Skitouren-Set für etwa 1.200 Euro realistisch. Es beinhaltet neben Ski, Bindung, Schuhen und Fellen auch Schaufel, Sonde und Piepsgerät im Falle einer Lawinenverschüttung.

Auch das gibt es: Unberührten Schnee auf der bekannten Route.
Auch das gibt es: Unberührten Schnee auf der bekannten Route.
Bild: Schuhwerk

Wer sich auf das Abenteuer Skitourengehen einlässt, der brauche neben dem passenden Material zudem einen langen Atem. Oder er berücksichtigt am besten gleich eine alte Weisheit, die in den Allgäuer Sprüchen von Alfred Weitnauer aus dem Jahr 1946 dokumentiert ist: „Der Mensch isch koi Eilpost; sonst wär er gelb a’g’striche“, heißt es darin. Dass an dieser Aussage etwas dran ist, merkt selbst ein Anfänger. Die zu Beginn aufs Tempo drängenden Mit-Aufsteiger sind oft schon auf halber Strecke am Ende ihrer Kräfte. Oder, wie Weitnauer sagen würde: „Hohe Feuerla brennet it lang!“

Wer seine erste Tour gemütlich angeht, hat derweil gleich zwei Vorteile: Er kommt erfüllt am Gipfel an, weil er sich unterwegs Zeit ließ, um das herrliche Panorama zu genießen. Hilfreich ist es zudem, sich den Sommer über mit Radfahren, Laufen und Wandern fit zu halten. Experte Bodenmiller beispielsweise nutzt die schneefreien Monate, um sich mit dem Gelände vertraut zu machen, das er im Winter fürs Skitourengehen anvisiert. Zauberberge gibt es schließlich genug im Allgäu. Und wer fit und erfahren ist, kann sie nach Belieben kombinieren. Es muss ja nicht gleich das Allgäuer U sein.

Skitouren-Vorschläge

  • Für Neulinge:
    Am Buchenberg im Halblecher Buching sind Einsteiger gut aufgehoben. Die gesicherte Piste ist perfekt, um auf 3,6 Kilometern ein Gefühl für die neuen „Bretter“ zu bekommen. Es gilt: Tourengeher machen sich immer am Rand auf den Weg und stören weder Abfahrer noch Tiere im Wald.
  • Für Fortgeschrittene:
    Der Schönkahler bei Pfronten lockt Fortgeschrittene, die sich auf der
    Piste eingewöhnt haben, zu einem schönen Ausflug in freiem Gelände. Die Tour ist mit 6,8 Kilometern und 720 Höhenmetern durchaus sportlich im mittleren Schwierigkeitsgrad.
    Dauer: 2,5 Stunden.

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin "Griaß di' Allgäu". Alle Informationen zur aktuellen Ausgabe finden Sie auf www.griassdi-allgaeu.de