Curling

Das schmeckt den Bronze-Girls aus Füssen

Gewannen Bronze bei der EM in Lillehammer und bekamen zur Belohnung vom Sponsor ein großes Stück Schweizer Käse: die Curlerinnen des CC Füssen mit (von links) Mia Höhne, Klara Fomm, Daniela Jentsch, Emira Abbes und Analena Jentsch.

Gewannen Bronze bei der EM in Lillehammer und bekamen zur Belohnung vom Sponsor ein großes Stück Schweizer Käse: die Curlerinnen des CC Füssen mit (von links) Mia Höhne, Klara Fomm, Daniela Jentsch, Emira Abbes und Analena Jentsch.

Bild: Celine Stucki, WCF

Gewannen Bronze bei der EM in Lillehammer und bekamen zur Belohnung vom Sponsor ein großes Stück Schweizer Käse: die Curlerinnen des CC Füssen mit (von links) Mia Höhne, Klara Fomm, Daniela Jentsch, Emira Abbes und Analena Jentsch.

Bild: Celine Stucki, WCF

Das Team um Skip Daniele Jentsch belohnt sich mit der Bronzemedaille. Warum der Hunger der Curling-Frauen noch nicht gestillt ist.
30.11.2021 | Stand: 18:45 Uhr

Als Daniela Jentsch am Sonntagabend ihre Koffer auspackte und eine bronzene Medaille zum Vorschein kam, machte ihr Sohn keinen Hehl aus seiner Enttäuschung: „Mama, die hast Du doch schon“, sagte der neunjährige Rafael. „Kannst Du nicht mal eine in einer anderen Farbe mitbringen“, wollte der Bub wissen. Denn es ist noch nicht lang her, als seine Mutter eine nahezu identische Medaille von den Curling-Europameisterschaften mit nach Hause brachte. Vor drei Jahren war das.

Jetzt gewann Jentsch als Skip mit ihrem Team erneut Bronze. Die tiefblauen Augen der 39-Jährigen funkeln ein wenig hinter den großen Brillengläsern, als sie von der Begebenheit mit ihrem Sohn erzählt. „So unrecht hat er ja nicht“, sagt Jentsch und schmunzelt. Die Hände hat sie tief in ihren Jackentaschen vergraben. Aber an ihren Gesichtszügen ist schon erkennbar, dass sie stolz auf das ist, was sie und ihr Team in Lillehammer geleistet haben. Von einem Karrierehöhepunkt spricht sie, erzählt, dass sie von Anfang damit gerechnet habe, um Medaillen mitspielen zu können. „Und ja: Irgendwann wollen wir tatsächlich auch mal andere Medaillenfarben mit heimbringen“, sagt Jentsch – auch in Anspielung auf ihren Sohn.

Beim Team aus Füssen geht der Trend nach oben

Die Aussage hat jedoch auch eine tiefere, sportliche Komponente. Denn vor wenigen Jahren hätten solche Ansagen noch vermessen geklungen. Seit Jentsch ihr Team vor vier Jahre neu formierte, ist aber ein kontinuierlicher Trend nach oben zu erkennen: Auf der World Tour, einer Art Weltcup für Curler, gelingen ihrem Team regelmäßig Turniersiege. Und jetzt eben auch die zweite EM-Medaille für den Kern des Teams. Denn neben Jentsch waren auch schon ihre Schwester Analena (24) und Emira Abbes (25) dabei, als die Mannschaft in Talinn 2018 das erste Mal eine Medaille holte.

Kein fester Trainer für die Curling-Frauen

Das Erfolgsgeheimnis? Womöglich, dass die Frauen aus der Not eine Tugend machen. Anders als ihre Konkurrentinnen bekommen Jentsch und Co. nämlich keinen festen Trainer vom Verband gestellt. Sie organisieren und koordinieren ihren Trainingsalltag stattdessen selbstständig. Sie suchen eigenhändig nach Sponsoren, wählen sich ihre Turniere nach Preisgeldern aus. Sie sind damit im Prinzip so etwas wie Geschäftsreisende in Sachen Sport. Dabei jedoch auf sich alleine gestellt.

„Die Schotten hingegen reisen mit einem Funktionärstross von bis zu sieben Leuten an“, sagt Emira Abbes. In Deutschland angesichts vergleichsweise geringer Fördermittel für den Curlingsport undenkbar. Die Spielerinnen aus Füssen befassen sich daher gezwungenermaßen selbst sehr viel mit Themen wie Taktik, Mentalcoaching oder Ernährung.

Harmonie ist das Wichtigste bei den Curling-Frauen

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Eine Tatsache, die ihnen bei der EM jetzt zugute kam. Im Spiel gegen die Schweiz zum Beispiel. „Wir lösen sehr viel aus der Gruppe – ohne Hilfe von außen“, sagt Jentsch. Das Team harmoniere und kenne sich in und auswendig. Kein Wunder: Von 365 Tagen im Jahr verbringen die Nationalspielerinnen gerade mal vier Wochen nicht gemeinsam. „Das geht nur, wenn man auch menschlich sehr gut harmoniert“, sagt Analena Jentsch. Geholfen habe dieser Umstand auch im entscheidenden Spiel um Bronze gegen Russland, als das Team schon 1:3 im Rückstand lag, dann aber noch 9:6 gewann.

Ausnahmsweise stand den Mädels da mit Ex-Spitzen-Curler Holger Höhne sogar ein eigener Coach zur Seite. Er lobt Daniela Jentsch dafür, dass sie in den entscheidenden Momenten starke Steine gespielt habe. „Sonst wäre das womöglich in die andere Richtung gegangen.“ Das Team, zu dem auch seine Tochter Mia (21) als Third gehörte, habe während der Woche vieles gelernt. Vor allem kühlen Kopf zu bewahren – auch in vermeintlich aussichtslosen Spielsituation. „Mit so einem Erfolg jetzt in den Olympia-Qualifier zu gehen ist ein tolles Gefühl und die beste Grundlage“, sagt Höhne. Curling ist schließlich ein sehr formabhängiger Sport. Da könne ein solches Erfolgserlebnis viel bewirken.

Glücksbringer am Münchner Flughafen

Das hofft auch Daniela Jentsch. Sie sagt: „Seit vier Jahren trainieren wir auf diesen Moment hin und wollen uns jetzt den Traum von Peking verwirklichen.“ Viel Verschnaufpause bleibt bis dahin nicht. Schon am 10. Dezember geht es in Holland los. Mit den frisch gekürten Europameisterinnen aus Schottland sowie den Teams Japan und Korea wartet starke Konkurrenz.

„Ein gutes Omen könnte sein, dass wir 2018 direkt das nächste Turnier gewannen, als wir die Medaille geholt haben“, sagt Jentsch. Glück bringen dabei soll jedoch erneut der Dönermann am Terminal 2 des Münchner Flughafens. Das Ritual, dort vorher essen zu gehen, war für das Team Jentsch nun schon zweimal von Erfolg gekrönt.

Ihren Sohn Rafael muss Daniela Jentsch aber bis auf weiteres noch auf den Opa verweisen, wenn er Medaillen in anderen Farben bewundern will: Denn Großvater Roland Jentsch gewann vor genau 30 Jahren Gold bei den Europameisterschaften im französischen Chamonix.