Gerichtsprozess

Neue Hinweise und offene Fragen im Tiergarten-Mord

Polizeibeamte sichern am zweiten Tag des Prozesses um den Mord im Kleinen Tiergarten im Kriminalgericht Moabit in Berlin den Gerichtssaal. Die Bundesanwaltschaft geht in ihrer Anklage von einem Auftrag der russischen Staatsstellen aus.

Polizeibeamte sichern am zweiten Tag des Prozesses um den Mord im Kleinen Tiergarten im Kriminalgericht Moabit in Berlin den Gerichtssaal. Die Bundesanwaltschaft geht in ihrer Anklage von einem Auftrag der russischen Staatsstellen aus.

Bild: Odd Andersen / dpa

Polizeibeamte sichern am zweiten Tag des Prozesses um den Mord im Kleinen Tiergarten im Kriminalgericht Moabit in Berlin den Gerichtssaal. Die Bundesanwaltschaft geht in ihrer Anklage von einem Auftrag der russischen Staatsstellen aus.

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Der russische Angeklagte soll im August 2019 einen Georgier tschetschenischer Abstammung im Berliner Kleinen Tiergarten erschossen haben. Neues aus dem Prozess.
dpa
09.12.2020 | Stand: 17:27 Uhr

Bei dem mutmaßlichen Auftragsmord im Berliner Kleinen Tiergarten geht die Bundesanwaltschaft in dem laufenden Strafprozess neuen Hinweisen nach. Es komme in Betracht, dass der russische Angeklagte in den 80er Jahren in einer Spezialeinheit in Afghanistan kämpfte, sagte ein Vertreter der höchsten deutschen Anklagebehörde am Mittwoch vor dem Berliner Kammergericht. Zudem seien gerade zwei in Deutschland lebende Personen vernommen worden, die Kontakte zur Ex-Frau des Angeklagten gehabt haben sollen.

Hintergründe zur Tat und zum Tatverdächtigen

Am 23. August 2019 wurde in der Parkanlage Tiergarten am helllichten Tag ein 40-jähriger Georgier tschetschenischer Abstammung mit einer Schalldämpfer-Pistole erschossen. Der Generalbundesanwalt hat einen Russen angeklagt, der zu Prozessbeginn von seinem Anwalt erklären ließ, er heiße Vadim S., sei 50 Jahre alt und Bauingenieur. Laut Bundesanwaltschaft ist er 55 Jahre alt und hat einen anderen Namen.

Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft war es ein Mord im Auftrag staatlicher russischer Stellen. Das Opfer hatte im Tschetschenien-Krieg gegen Russland gekämpft und galt dort laut Anklage als Staatsfeind. Der Fall hatte die deutsch-russischen Beziehungen schwer belastet und international für Aufsehen gesorgt.

Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes war der 40-Jährige auf dem Weg in eine Moschee, als er von den Schüssen aus einer Schalldämpferpistole getroffen wurde. Es gebe auch Hinweise auf frühere Anschlagsversuche, sagte eine Kriminalhauptkommissarin am Mittwoch als Zeugin. Das Opfer, das als Asylbewerber in Deutschland lebte, habe sich an dem Tattag auch mit der Frau des georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili treffen wollen.

Immer noch nicht klar, wie der Angeklagte nach Berlin kam

Indes ist mehr als ein Jahr nach der Tat nicht aufgeklärt, wann genau und wie der mutmaßliche Todesschütze nach Berlin kam. Wie der Verdächtige von Warschau nach Berlin gelangte, sei nicht aufzuhellen gewesen, sagte die Beamtin.

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Wie die Zeugin sagte, wurde der mutmaßliche Täter zuletzt am 22. August 2019 kurz nach 8.00 Uhr in Warschau registriert, als er in der polnischen Hauptstadt ein Hotel verließ. Flüge, Mietfahrzeuge und Züge nach Berlin seien überprüft worden, jedoch ohne Ergebnis, so die Kriminalhauptkommissarin. Ein Rückflug sei von Warschau nach Moskau gebucht gewesen.

Der Angeklagte, der bislang schweigt, soll über Moskau, Paris und Warschau nach Berlin gekommen sein. Laut BKA-Beamtin stellten polnische Ermittler in dem Warschauer Hotel auch das Handy des Tatverdächtigen sicher. Darauf hätten sich nur wenige Kontakte gefunden. Einer davon soll ein Iwan gewesen sein.

Zeugen berichten im Prozess von einer Art Hinrichtung

In einer Erklärung der Nebenklägerinnen hieß es am Mittwoch, der Angeklagte sei nach seiner Festnahme keineswegs eingeschüchtert gewesen sein - wie von der Verteidigung dargestellt. Ganz im Gegenteil: Der Verdächtige soll gesagt haben, Russland wisse ja, dass er hier sei und man werde nicht auf ihn verzichten.

Der mutmaßliche Täter soll drei Schüsse abgefeuert haben, zwei davon in den Kopf des bereits am Boden liegenden 40-Jährigen, der am Tatort starb. Der Verdächtige, der zunächst mit einem Fahrrad geflüchtet sein soll, wurde wenig später gefasst. Im Prozess hatten Zeugen eine Art Hinrichtung geschildert.

Der Prozess wird am 15. Dezember fortgesetzt.

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