Süßspeise

Ein neuer Streit ums Tiramisu ist entbrannt: Wer hat’s denn nun erfunden?

Ein Teller Tiramisu: Im Norden Italiens ist eine hitzige Debatte um die Herkunft der traditionellen Süßspeise entbrannt.

Ein Teller Tiramisu: Im Norden Italiens ist eine hitzige Debatte um die Herkunft der traditionellen Süßspeise entbrannt.

Bild: Lotte Glatt, dpa

Ein Teller Tiramisu: Im Norden Italiens ist eine hitzige Debatte um die Herkunft der traditionellen Süßspeise entbrannt.

Bild: Lotte Glatt, dpa

Nach dem Tod von Ado Campeol kommt in Italien eine alte Frage neu auf den Tisch. Um die wahre Herkunft des Tiramisu streiten sich dabei sogar Politiker.
05.11.2021 | Stand: 17:18 Uhr

Das Tiramisu, die vielleicht beste Süßspeise der Welt, soll eigentlich glücklich machen, vorübergehend zumindest. „Tiramisù“ bedeutet auf Italienisch „zieh’ mich hoch“. Der Name der bitter-süßen Kaffee-Creme wird auf die energetische Wirkung der in der Speise enthaltenen Zutaten Zucker und Ei zurückgeführt. Wer Einblicke in Familien in Nordostitalien hat, weiß: Hier bereiten Mütter ihren Kindern seit Jahrzehnten zur Stärkung eine Creme aus Eigelb und Zucker, die irgendwann mit Marsala verfeinert als Zabaione Eingang in die Gastronomie gefunden hat.

Aber wer behauptet, Zabaione sei die Grundlage des Tiramisu, der wagt sich schon recht weit nach vorne. Denn die Zubereitung dieser italienischen „Dolce“, dieser Süßspeise also, ist eine fast schon hochpolitische Frage.

Der Tod von Ado Campeol, Betreiber des legendären Lokals "Le Beccherie" in Treviso, hat den Disput nun wieder befeuert

Der Tod von Ado Campeol vor einigen Tagen hat den Disput nun wieder befeuert. Campeol, 93 Jahre alt, war der Betreiber des legendären Lokals „Le Beccherie“ in Treviso. Als seinem Koch Roberto Linguanotto um 1970 herum angeblich bei der Zubereitung von Vanilleeis ein Löffel Mascarpone-Creme in eine Schüssel mit Schaum aus Eigelb und Zucker fiel, wurde das Tiramisu geboren. Zusammen mit Linguanotto fügte Campeols Frau Alba Di Pillo der unwiderstehlichen Creme in Kaffee getauchte Löffelbiskuits hinzu und bedeckte sie mit einer Schicht bitteren Kakaos. Die Accademia Italiana della Cucina zertifizierte das Rezept als Original, das war im Jahr 2010. Das Tiramisu habe seinen „beinahe sicheren Ursprung“ in Treviso, hieß es.

Weil um die Süßspeise eine ganze Industrie kreist, war es für Treviso und die Region Veneto ein schwerer Schlag, als das italienische Landwirtschaftsministerium 2017 dann das Tiramisu in die Liste der traditionellen Speisen der weiter östlich gelegenen Region Friaul-Julisch Venetien aufnahm.

Venetiens Gouverneur Luca Zaia zögerte nach Campeols Tod nicht, die Herkunft des Tiramisu in der von ihm geführten Region zu verorten

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Auslöser war eine Recherche der Turiner Gourmets Clara und Gigi Padovani, die gleich mehrere Originalrezepte des Tiramisu ausfindig gemacht hatten – aus Venetien und aus dem Friaul. Der mit friedlichen Mitteln ausgetragene „Tiramisu-Krieg“, wie die Zeitung Corriere della Sera schrieb, nahm damit seinen Lauf.

Die Padovanis berichteten von der Köchin Norma Pielli, die im Hotel Roma von Tolmezzo in den 1950er Jahren eine Süßspeise namens „Tirimi sù“ ersonnen hatte. Als Beweismittel diente eine Rechnung von 1959. Noch früher datiert die „Coppa Vetturini“ aus einer Trattoria in Pieris bei Gorizia. Koch Mario Cosolo reicherte um 1939 die Zabaione-Creme mit Schlagsahne und Schokolade an. Ein Gast soll gesagt haben: „Ottimo, c’ha tirato su“ – „Ausgezeichnet, das hat uns belebt.“ So entstand der Name, wobei nicht auszuschließen ist, dass die Wirklichkeit in manchen Fällen geschönt wurde. Festzuhalten ist, dass die Basis von Zabaione (Eigelb und Zucker) auch eine der Grundlagen des Tiramisu ist. Während im ersten Fall Marsala-Likör beigegeben wird, ist es im traditionellen Tiramisu-Rezept Mascarpone-Creme.

Venetiens Gouverneur Luca Zaia jedenfalls zögerte nach Campeols Tod nicht, die Herkunft des Tiramisu in der von ihm geführten Region zu verorten. „Treviso“, schrieb Zaiaüber ihn in einem viel beachteten und viel zitierten Beitrag auf Facebook, „verliert einen anderen Stern seiner gastronomischen Geschichte, er wird nun weit oben leuchten.“

Längst haben sich natürlich auch andere Konditoren weltweit des Tiramisu bemächtigt. Mit Händen zu greifen ist dieses Phänomen etwa in Rom, wo sich die Erlebnis-Konditorei „Pompi“ gar als „Königreich des Tiramisu“ inszeniert. Trotz allem Prunk ist das Produkt auch dort unwiderstehlich, auch mit Erdbeeren statt Kakao.

Tiramisu hilft zuweilen gar beim Ertragen von Extrem-Situationen: 22.000 Kilogramm Tiramisu sollen angeblich während des Corona-Jahres 2020 in Italien per Kurierservice in die italienischen Haushalte geliefert worden sein. Allein in der Hauptstadt Rom wurden 7300 Kilogramm verzehrt, heißt es.

Zum Selbermachen: Tiramisu

  • Zutaten für vier Personen: vier Eier, vier Esslöffel Zucker, 400 Gramm Mascarpone-Creme, Marsala-Likör, eine Packung Löffelbiskuits, Kaffee und Kakao-Pulver.
  • Zubereitung Eigelb mit Zucker zu Creme verrühren. Ein bis zwei Löffel Marsala-Likör untermischen. Eiweiß zu hartem Eischnee schlagen, Mascarpone unter die Creme mischen und Eischnee unterheben. Löffelbiskuits in Espresso-Kaffee einseitig tränken und die getränkte Seite nach oben in eine rechteckige Form legen. Creme darüber und mit bitterem Kakao-Pulver bestäuben. Vier Stunden kaltstellen.