Gesundheit

Grippe, Erkältung, Corona: Droht die Dreifach-Infektionswelle?

Durch die coronabedingten Hygienemaßnahmen war die Zahl der Grippepatienten im vergangenen Winter gering. Das könnte sich jetzt ändern.

Durch die coronabedingten Hygienemaßnahmen war die Zahl der Grippepatienten im vergangenen Winter gering. Das könnte sich jetzt ändern.

Bild: Fabian Strauch, dpa

Durch die coronabedingten Hygienemaßnahmen war die Zahl der Grippepatienten im vergangenen Winter gering. Das könnte sich jetzt ändern.

Bild: Fabian Strauch, dpa

Corona ist noch nicht weg, die Grippe und gewöhnliche Erkältungen kehren mit Macht zurück: Das könnte das Gesundheitssystem an die Grenzen bringen.
06.10.2021 | Stand: 17:50 Uhr

Steht Deutschland vor einer heftigen Dreifach-Infektionswelle? Während Corona noch nicht besiegt ist und die Impfkampagne stagniert, beginnt jetzt die Grippe- und Erkältungssaison. Die war vergangenen Winter wegen der Pandemie-Schutzmaßnahmen fast komplett ausgefallen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte unserer Redaktion: „Wir müssen darauf achten, dass wir nicht durch einen Freedom Day oder ein vorschnelles Ende der Maskenpflicht eine große, kombinierte Infektionswelle bekommen.“ Wenn Corona, die Influenza (Grippe) und die gewöhnlichen Erkältungen gemeinsam massenhaft aufträten, könne es zur Überlastung von Krankenhäusern und Intensivstationen kommen. „Das gilt es zu verhindern“, sagte Lauterbach.

Er empfiehlt, Infektionsschutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht auf Schulhöfen allenfalls behutsam zu lockern und weiter auf häufige Tests zu setzen. Sonst drohe eine „Durchseuchung“ der jüngeren, zum großen Teil noch nicht gegen Covid-19 geimpften Bevölkerung. An die Erwachsenen appellierte Lauterbach: „Wer kann, soll sich gegen Grippe impfen lassen, und wer es noch nicht hat, soll sich gleichzeitig gegen Corona impfen lassen.“

Der Politiker Karl Lauterbach ist Gesundheitsexperte der SPD.
Der Politiker Karl Lauterbach ist Gesundheitsexperte der SPD.
Bild: Kay Nietfeld, dpa

Robert-Koch-Institut rät zur Grippe-Impfung

An diesem Mittwoch will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zusammen mit Lothar Wieler, dem Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), die Empfehlungen zur Grippe- und Corona-Lage in Herbst und Winter vorstellen. Spahn will sich vorher noch medienwirksam bei einem Berliner Arzt gegen Grippe impfen lassen. Bereits jetzt rät das RKI zur Grippe-Impfung – gerade auch mit Blick auf die Corona-Pandemie. Denn bei älteren Menschen kann eine Grippe schnell lebensbedrohlich werden. Wäre die Lage auf den Intensivstationen durch eine steigende Zahl von Corona-Patienten bereits angespannt, könnten zusätzliche Grippefälle schnell für Überlastung sorgen.

Arzt: Errungenschaften wie Handdesinfektion beibehalten

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Der Arzt und CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Pilsinger sagte unserer Redaktion: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kombination Corona plus normale Grippe plus andere Atemwegserkrankungen zu einer starken Belastung des Gesundheitswesens führt.“ Nachdem die übliche Grippewelle im vergangenen Jahr durch die Corona-Hygiene-Maßnahmen und die Absage von Großveranstaltungen fast gänzlich ausgefallen sei, könne es nun zu „Nachholeffekten“ kommen. Wie stark die Influenza-Welle verlaufe und wie gefährlich sie sei, hänge davon ab, wie viele ältere oder vorerkrankte Menschen sich gegen Grippe impfen lassen. Manche der Hygienemaßnahmen sehe er als „Errungenschaften, die jeder als Einzelperson freiwillig beibehalten“ könne. Pilsinger: „Wer sich selbst schützen will, desinfiziert die eigenen Hände oft, schüttelt andere Hände selten, hält Abstand, trägt Maske und meidet Großveranstaltungen.“

Bei den üblichen saisonalen Erkältungskrankheiten hat der Nachholeffekt bereits begonnen. Betroffen ist vor allem der jüngste Teil der Bevölkerung. Quer durch die Republik schniefen und husten zahlreiche Kinder. Jakob Maske, Bundessprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), sagte unserer Redaktion: „Wir beobachten gerade vermehrt Infekte, die wir sonst um diese Jahreszeit nicht sehen.“ Im vergangenen Winter hätten sich Erreger wie das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) durch Lockdown und Hygienemaßnahmen kaum verbreitet, nun würden die Infekte nachgeholt. Eigentlich sei das eine positive Sache, sagt Maske, selbst Kinderarzt in Berlin. Denn dadurch bauten die Kinder eine bessere Immunabwehr auf. Gefährlich werden könne es aber für Frühgeborene oder Kinder mit Vorerkrankungen wie Asthma. So berichtet das RKI von einem starken Anstieg der Krankenhaus-einweisungen wegen RSV-Infektionen bei Ein- bis Vierjährigen.

Mit einer weiteren Zunahme wird gerechnet und dies könne die Kinderkliniken überlasten, sorgen sich Mediziner wie Maske. Von neuen Lockdown-Maßnahmen rät Maske aber eindringlich ab. Denn während der pandemiebedingten Einschränkungen hätten Kinderärzte eine Reihe schwerwiegender Folgen für Kinder und Jugendliche beobachtet. Maske: „Es gibt eine starke Zunahme psychischer Erkrankungen, mehr Kinder, die an Adipositas, krankhafter Fettsucht, leiden. Wir sehen einen Anstieg der Spielsucht, manche Kinder zocken täglich eine zweistellige Zahl von Stunden am Computer, die soziale Schere klafft immer weiter auseinander, Lernerfolge bleiben aus.“ Der Kinderarzt fordert: „Geschlossene Kitas und Schulen darf es nicht mehr geben.“