Amoklauf in Halle

Halle-Attentat 2019: Das Wichtigste zur Schießerei in Halle, zum Attentäter und zum Prozess

21.07.2020, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Der angeklagte Stephan Balliet sitzt zu Prozessbeginn im Landgericht. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Attentäter von Halle 13 Straftaten vor, unter anderem Mord und versuchten Mord. Er hatte am 09. Oktober 2019 am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versucht, in der Synagoge in Halle ein Blutbad anzurichten. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/Pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit

Am 9. Oktober 2019 soll der Angeklagte Stephan Baillet in Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt zwei Menschen erschossen haben. Laut Bundesanwaltschaft habe er geplant, einen Amoklauf in einer Synagoge zu verüben. Am 21. Juli 2020 begann der Prozess zur Schießerei in Halle am Gericht in Magdeburg.

Bild: Hendrik Schmidt/dpa

Am 9. Oktober 2019 soll der Angeklagte Stephan Baillet in Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt zwei Menschen erschossen haben. Laut Bundesanwaltschaft habe er geplant, einen Amoklauf in einer Synagoge zu verüben. Am 21. Juli 2020 begann der Prozess zur Schießerei in Halle am Gericht in Magdeburg.

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Die Schießerei in Halle und der Anschlag auf eine jüdische Synagoge am 9. Oktober 2019 erschütterten die Menschen weltweit. Ein Überblick zum Halle-Attentat.

Von dpa
05.08.2020 | Stand: 15:14 Uhr

Eines der schlimmsten antisemitischen Attentate der deutschen Nachkriegsgeschichte wird von Dienstag an in Magdeburg verhandelt: das Attentat auf eine Synagoge und die Schießerei in Halle. Neun Monate nach dem rechtsterroristischen Amoklauf in Halle muss sich der 28-jährige Stephan Baillet vor Gericht verantworten. Was genau ist am 9. Oktober 2019 bei der Schießerei in Halle passiert? Wer ist der mutmaßliche Attentäter von Halle? Was wird dem Täter des Amoklaufs vorgeworfen? Eine Zusammenfassung zum Attentat in Halle.

Der Amoklauf in Halle: Was passiert ist

Am 9. Oktober 2019 versucht ein schwerbewaffneter Mann, in die Synagoge in Halle einzudringen, in der Gläubige den höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, begehen. Als der Attentäter scheitert, erschießt er in der Nähe eine 40-jährige Passantin vor der Synagoge und einen 20-jährigen Mann in einem Dönerimbiss. Laut Bundesanwaltschaft wollte er möglichst viele der 52 Besucher der Synagoge töten. Auf der Flucht verletzt der Attentäter ein Paar schwer, bevor ihn Polizisten gut eineinhalb Stunden nach Beginn der Tat etwa 50 Kilometer südlich von Halle nahe Zeitz festnehmen konnten. Das Geschehen streamt der Halle-Attentäter live ins Internet. Das Video der Tat wurde auch im Prozess gezeigt.

Vor der Tür zur Synagoge legten die Menschen nach der Schießerei in Halle zahlreiche Blumen und Kerzen nieder.
Vor der Tür zur Synagoge legten die Menschen nach der Schießerei in Halle zahlreiche Blumen und Kerzen nieder.
Bild: Jan Woitas/dpa

Wer ist der Halle-Attentäter?

Stephan Baillet, geboren im Januar 1992 in der Nähe der Lutherstadt Eisleben, gilt als sogenannter einsamer Wolf. Ein Chemie-Studium brach er ab. In einem elf Seiten langen "Manifest", das er vor dem Attentat in Halle veröffentlichte, wimmelt es vor antisemitischen Begriffen. Baillet spricht etwa von einer "zionistisch besetzten Regierung" - ein klassischer judenfeindlicher Begriff aus der rechtsextremen Szene.

"Die Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie", sagte der 28-Jährige am Dienstag kurz nach Beginn des Prozesses zur Schießerei in Halle. "Man fragt sich natürlich, wie man solche Taten verhindern kann, ich habe da natürlich kein Interesse dran." Auf Nachfragen der Vorsitzenden Richterin sagte Stephan Baillet, seine Eltern hätten sich getrennt, als er 14 oder 15 Jahre alt gewesen sei. Das Verhältnis zu beiden Eltern und Schwestern sei gut. Gute Freunde habe der Attentäter von Halle nicht gehabt, er sei auch in keinem Verein gewesen.

Halle-Attentäter war bei der Bundeswehr

Noch bevor die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, hatte der Attentäter eine Grundausbildung bei der Bundeswehr absolviert und wurde laut Verteidigungsministerium auch an der Waffe ausgebildet. Stephan Baillet sei sechs Monate Panzergrenadier in Niedersachsen gewesen. Er habe den Wehrdienst anstrengend und doof gefunden, es sei "keine richtige Armee" gewesen.

Bei den Sicherheitsbehörden war der Halle-Attentäter zuvor nicht in Erscheinung getreten, wie der Verfassungsschutz mitteilte. Die von ihm veröffentlichten Schriften und das live übertragene Video belegten eine antisemitische und fremdenfeindliche Grundeinstellung.

Spezialkräfte der Polizei gehen nach Ende des ersten Prozesstages im Hof des Landgerichts Magdeburg zu ihren Fahrzeugen. Aus Sicherheitsgründen wird der Prozess im dortigen geführt.
Spezialkräfte der Polizei gehen nach Ende des ersten Prozesstages im Hof des Landgerichts Magdeburg zu ihren Fahrzeugen. Aus Sicherheitsgründen wird der Prozess im dortigen geführt.
Bild: Hendrik Schmidt/dpa

Diese Straftaten soll der Attentäter bei der Schießerei in Halle begangen haben

Das Gerichtsverfahren gilt als eines der größten und bedeutendsten in der Geschichte Sachsen-Anhalts: 13 Straftaten werden dem Angeklagten angelastet, darunter Mord und versuchter Mord. 43 Nebenkläger ließ das Gericht vor Prozessbeginn zu und benannte insgesamt 147 Zeugen zum Halle-Attentat. Die Anklage der Bundesanwaltschaft umfasst insgesamt 121 Seiten. Das Gericht hat für das Verfahren zunächst 18 Verhandlungstage bis Mitte Oktober angesetzt.

>> Anschlag auf Synagoge: Prozess zum Halle-Anschlag beginnt mit zwei Stunden Verzögerung <<

Vor dem Prozessbeginn zur Schießerei in Halle: Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude

Vor dem Gerichtsgebäude hatten sich Menschen aus Solidarität mit Betroffenen, Hinterbliebenen und Opfern versammelt. Die Kundgebung mit dem Motto "Solidarität mit den Betroffenen - keine Bühne dem Täter" will dafür sorgen, dass die Nebenklägerinnen und Nebenkläger nicht allein in den Prozess gehen, hieß es von den Veranstaltern. Es sei ein Ort der Trauer, der Wut und der Forderungen. Vor dem Prozessbeginn sprachen die Veranstalter von rund 100 Teilnehmern.

Die Kundgebung und eine Mahnwache sind organisiert von einem Bündnis mehrerer Organisationen, darunter sind der Arbeitskreis Antirassismus Magdeburg, die Initiative 9. Oktober Halle, Solidarisches Magdeburg und die Seebrücke Magdeburg.

Teilnehmer einer Kundgebung stehen mit Transparenten vor dem Landgericht Magdeburg, wo der Prozess um die Schießerei in Halle begonnen hat.
Teilnehmer einer Kundgebung stehen mit Transparenten vor dem Landgericht Magdeburg, wo der Prozess um die Schießerei in Halle begonnen hat.
Bild: Sebastian Willnow/dpa

>> Terrorprozess nach Anschlag in Halle: Das Wichtigste im Überblick <<

Was die Bundesanwaltschaft dem Halle-Täter vorwirft

Die Bundesanwaltschaft wirft dem Täter von Halle vor, "aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens" geplant zu haben. Im Falle einer Verurteilung droht dem Mann, der die Vorwürfe laut Gericht im Wesentlichen eingeräumt hat, eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Was die Verteidigung des Halle-Attentäters sagt

Bislang hat sich Rechtsanwalt Hans-Dieter Weber mit öffentlichen Äußerungen weitgehend zurückgehalten. Kurz nach dem Amoklauf in Halle hatte er dem Südwestrundfunk (SWR) gesagt, sein Mandant Stephan Baillet sei intelligent, wortgewandt, aber sozial isoliert. Auslöser für das Attentat sei gewesen, dass er andere Menschen für eigene Probleme verantwortlich mache. Webers Kanzlei teilte der Deutschen Presse-Agentur mit, dass sie in Absprache mit dem Mandanten vor dem Halle-Prozess keine Stellungnahme abgeben werde. 

Die Nebenkläger zum Attentat in Halle

Zunächst sind laut Gericht 43 Nebenkläger zum Halle-Attentat-Prozess zugelassen worden. Es könnten jedoch noch mehr werden, hieß es. Viele von ihnen sind bislang nicht an die Öffentlichkeit getreten. Grundsätzlich können sich Menschen einer Nebenklage anschließen, die unter anderem von einer Tat "gegen das Leben oder die körperliche Unversehrtheit" betroffen sind, wie das Gericht mitteilte. 

Am dritten Tag des Prozesses um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle ergriff erstmals ein Betroffener selbst das Wort. Der US-Amerikaner Ezra Waxman, der während des Anschlags in der Synagoge in Halle war und als Nebenkläger auftritt, stellte dem Angeklagten mehrere Fragen. Waxman konfrontierte den Angeklagten mit den antisemitischen Vorurteilen, die der 28-Jährige immer wieder vor Gericht ausbreitete.

Betroffener befragt angeklagten Halle-Attentäter

Am dritten Tag des Prozesses um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle ergriff erstmals ein Betroffener selbst das Wort. Der US-Amerikaner Ezra Waxman, der während des Anschlags in der Synagoge in Halle war und als Nebenkläger auftritt, stellte dem Angeklagten am Dienstag mehrere Fragen. Waxman konfrontierte den Angeklagten mit den antisemitischen Vorurteilen, die der 28-Jährige immer wieder vor Gericht ausbreitete.

 

Ein Tor ist am Landgericht Magdeburg für Besucher geöffnet. Zum Prozess um das Attentat in Halle gibt es 43 Nebenkläger.
Ein Tor ist am Landgericht Magdeburg für Besucher geöffnet. Zum Prozess um das Attentat in Halle gibt es 43 Nebenkläger.
Bild: Hendrik Schmidt/dpa

>> Attentäter von Halle: Stephan Balliet äußert sich vor Gericht <<

Was die Familie des Angeklagten sagt

Im Prozess wollten sich die Eltern und die Halbschwester des Angeklagten nicht äußern. Die drei erklärten zu Beginn des vierten Prozesstages in Magdeburg, von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen. Der Vater nickte seinem Sohn kurz zu, die Halbschwester wich den Blicken des Angeklagten aus. Ein Anwalt der Nebenklage versuchte, die Halbschwester, welche die gleiche Mutter hat wie der Angeklagte, davon zu überzeugen, auszusagen. Die Richterin unterband das. 

Hintergründe der Schießerei in Halle sollen aufgedeckt werden

Deutlich wurde auch schon vor dem Prozessbeginn, dass die Nebenkläger sich vor allem eine Beleuchtung der Hintergründe erhoffen. Es gehe darum, zu klären, wie sich der Täter so radikalisieren konnte, sagte Juri Goldstein, Anwalt von Besuchern der Jüdischen Gemeinde in Halle. Es gehe um die Frage: Wie konnte jemand so viel Hass entwickeln "auf die Menschen, die er gar nicht kennt". "Wir werden versuchen, diese antisemitische Straftat so gut wie möglich aufzuklären", erklärte Goldstein.

Die größte Herausforderung sei der Prozess selbst, so der Nebenkläger-Vertreter. "Sie müssen bedenken, es ist eine der größten und schwerwiegendsten antisemitisch motivierten Straftaten, die wir in den vergangenen Jahrzehnten hatten. Das ist Aufgabe genug."

Es gehe darum, zu klären, wie sich der Täter so radikalisieren konnte, sagte Juri Goldstein vor dem Prozessauftakt am Dienstag in Magdeburg. Es gehe um die Frage: Wie konnte jemand so viel Hass entwickeln "auf die Menschen, die er gar nicht kennt". "Wir werden versuchen, diese antisemitische Straftat so gut wie möglich aufzuklären", erklärte Goldstein. Die größte Herausforderung in dem Verfahren sei der Prozess zum Halle-Attentat selbst, so der Nebenkläger-Vertreter. "Sie müssen bedenken, es ist eine der größten und schwerwiegendsten antisemitisch motivierten Straftaten, die wir in den vergangenen Jahrzehnten hatten. Das ist Aufgabe genug."

Die Synagoge im Paulusviertel war am 9. Oktober 2019 das Ziel des Attentäters. Weil er aber nicht nach drinnen gelangte, erschoss der Täter zwei Menschen in der Nähe.
Die Synagoge im Paulusviertel war am 9. Oktober 2019 das Ziel des Attentäters. Weil er aber nicht nach drinnen gelangte, erschoss der Täter zwei Menschen in der Nähe.
Bild: Jan Woitas/dpa

Integrationsrat und Zentralrat: Das fordern Vertreter nach der Schießerei in Halle

Zum Prozessauftakt des rechtsterroristischen Attentats von Halle fordert der Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat (BZI) die lückenlose Aufarbeitung rechtsextremer Verbindungen in dem Fall des Halle-Attentats. "Ein Gerichtsverfahren kann im Prozess gegen den Attentäter von Halle dem Angeklagten im Zweifelsfall individuelle Schuld als Strafmaß zuweisen", sagte der BZI-Vorsitzende Memet Kilic. Allerdings müssten darüber hinaus rechtsextreme Netzwerke nicht nur innerhalb der Gesellschaft, sondern vor allem innerhalb der staatlichen Institutionen aufgedeckt werden, verlangte der Grünen-Politiker.

Was der Zentralrat der Juden nach der Schießerei in Halle fordert

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat eine Bestrafung des Halle-Attentäters "mit aller Härte des Gesetzes" gefordert. Ein klares Urteil über die Taten setzte ein deutliches Signal gegen Gewalt und Rechtsextremismus in Deutschland, erklärte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, am Dienstag in Berlin. "Die Gesellschaft muss sich Hass und Hetze von Rechts entgegenstellen."

Hatte der Attentäter von Halle Hilfe? Zentralrat der Juden fordert Aufklärung

Der Zentralrat halte es für unerlässlich, dass die Hintergründe der Tat gründlich und lückenlos aufgearbeitet werden. Es müsse auch der Frage nachgegangen werden, ob der Halle-Attentäter Unterstützer gehabt habe oder in rechte Netzwerke eingebunden gewesen sei. "Angesichts jüngster Rechtsextremismus-Fälle und neuer Drohschreiben des "NSU 2.0" gilt es noch genauer hinzusehen. Gerade der Staat darf in der Bekämpfung von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus nicht nachlassen."