Interview

Sänger Michael Patrick Kelly: "Ich träume nachts meine Songs"

„Wenn ich aufstehe, sage ich als Erstes ,Danke‘“: der Sänger und Songwriter Michael Patrick Kelly.

„Wenn ich aufstehe, sage ich als Erstes ,Danke‘“: der Sänger und Songwriter Michael Patrick Kelly.

Bild: Andreas Arnold, dpa

„Wenn ich aufstehe, sage ich als Erstes ,Danke‘“: der Sänger und Songwriter Michael Patrick Kelly.

Bild: Andreas Arnold, dpa

Michael Patrick Kelly hält wenig davon, vor Weihnachten ein neues Album zu veröffentlichen. Er tut es trotzdem. Ein Gespräch über Hits, Gebete und Jugendsünden.
12.11.2021 | Stand: 16:44 Uhr

Haben Sie heute schon gebetet?

Michael Patrick Kelly: Yes. Beten gehört zu meinem morgendlichen Programm. Wenn ich aufstehe, sage ich als Erstes „Danke“. Das mache ich allerdings nicht nur aus religiösen Gründen, sondern es ist für mich auch eine Art mentale Hygiene. Denn wir Menschen schauen zu oft auf das, was nicht läuft oder fehlt, aber zu selten auf das Gute, was uns widerfährt. Zu danken hilft mir enorm, auch durch so eine Zeit wie durch die Pandemie zu kommen. Ich mache auch Atem- und Achtsamkeitsübungen. So bleibe ich sozusagen immer mit den Füßen am Boden.

Sie haben sechs Jahre in einem Kloster verbracht und fanden dort auch zum christlichen Glauben. Wie verträgt sich das mit dem Musikbusiness, wo eher dem irdischen Schein denn dem himmlischen gehuldigt wird?

Kelly: Ich komme mit jedem Menschen klar, der echt und ehrlich ist – ob in der Musikbranche oder im Kloster. In der Musikbranche gibt es natürlich sehr viel Überhöhtes, das gehört ja zur Natur der Popkultur. Das ist tatsächlich oft künstlich. So lange es aber das Ziel hat, die Zuschauer einfach zu berühren, ist das dann auch gut so. In der Musikbranche gibt es nicht nur Dampfplauderer, sondern auch Menschen, die richtig spirituell sind. Denn gerade in der Musik erlebt man ja auch oft diese magischen Momente.

Sie meinen in Konzerten?

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Kelly: Genau. Da kann alles so schön und so harmonisch sein mit 10.000 Menschen, die einfach nur glücklich sind. Das gibt es selbst im Sport nicht, denn beim Fußball beispielsweise ist die Hälfte des Stadions der Fans immer enttäuscht, dass ihr Team nicht gewonnen hat. Auch Politik oder Religion spaltet die Geister. Ein gutes Konzert ist so ein kleines Stück Himmel auf Erden. Und das ist es, was die meisten wollen – einfach nur glücklich sein.

Mit „B.O.A.T.S“ bringen Sie ein neues Album auf dem Markt und haben die Veröffentlichung um eine Woche verschoben, dadurch kommen Sie jetzt fast zeitgleich mit Adeles neuem Album. Hat man davor ein wenig Bammel oder ist Ihnen das egal?

Kelly: Ich bewundere Adele sehr, weil sie eine der weltbesten Künstlerinnen ist, die wir haben. Um ihre erste Single gleich hören zu können, bin ich eigens bis Mitternacht wach geblieben. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Es ist im Prinzip sowieso keine gute Idee, vor Weihnachten mit einem neuen Album rauszukommen, wenn man eine hohe Chartplatzierung anstrebt. Denn da veröffentlichen alle. Mein Problem ist, dass ich einfach nicht früher fertig geworden bin. In der Nacht, bevor ich das Master abgegeben habe, habe ich nur eine Stunde geschlafen.

Was ist passiert?

Kelly: Es gibt die Aufnahmephase, dann die Mixingphase und am Schluss kommt das Mastering. Und ich bin einer, der beim Mixen das ein oder andere noch mal neu aufnehmen möchte. Wenn das zu oft passiert, dreht mein Team schon mal durch, denn dadurch kann man natürlich aus dem Zeitfenster rutschen. Ich will diese Extrameile aber gehen, denn ich höre es oft erst beim Mixen, dass mir etwas nicht gefällt. Der Perfektionist in mir lässt da nicht los. So habe ich am letzten Tag drei Songs parallel gemischt.

Was bedeutet eigentlich B.O.A.T.S?

Kelly: Based on a true Story. Das heißt, alle Lieder basieren auf wahren Geschichten. Entweder Erlebnisse von mir oder von anderen, die mich inspiriert haben. Das Lied, „Mothers day“ ist beispielsweise meiner Mutter gewidmet, die ja mit 36 schon gestorben ist. Ich war damals fünf Jahre alt und lebte in einem kleinen baskischen Dorf. Sechs Monate nach ihrem Tod war Muttertag, und ich wollte meiner Mutter Blumen bringen. Als ich am Friedhof ankam, habe ich gemerkt, dass die anderen Gräber mit tollen Blumen geschmückt waren und mein Strauß vom Feld sah dagegen relativ bescheiden aus. Deswegen habe ich alle anderen Blumen geraubt und auf das Grab meiner Mutter gelegt. Ich kann mir vorstellen, dass meine Mutter von oben runtergeschaut hat und sich gedacht hat: gutes Herz, schlecht erzogen. Um diese Geschichte zu vollenden: Ich war vor einigen Wochen wieder in Spanien, bin mit einem Pick-up Truck voller Blumensträuße wieder zu dem Friedhof gefahren und habe auf alle Gräber Blumensträuße gelegt, um es wiedergutzumachen. Die Dorfbewohner haben das mitbekommen und waren echt gerührt.

Sie haben in den letzten drei Jahren mehr als 60 Songs geschrieben, von denen es nur 15 aufs Album geschafft haben. Was passiert mit den anderen?

Kelly: Genauer gesagt gab es hunderte Songideen, von denen 60 tatsächliche Songs geworden sind. Aus denen habe ich versucht, eine Sammlung von Themen und musikalische Vielfalt aufs Album zu packen. So manche der anderen Songs kommen vielleicht auf spätere Alben. Außerdem schreibe ich auch für andere Künstler wie Lost Frequencies, Calum Scott und Peter Maffay. Wer weiß, vielleicht gibt es die eine oder andere Nummer, die dann von anderen gesungen wird.

Wie schwierig ist es, in Zeiten des Streamings selbst als renommierter Sänger einen Hit zu landen?

Kelly: Ich glaube, wenn irgendjemand die geheime Formel für einen Hit wüsste, dann könnte Jeff Bezos einpacken…

Der Amazon-Gründer. Dann wäre aber die Magie der Musik weg.

Kelly: Könnte sein. Chris Martin, der Sänger von Coldplay, hat mal gesagt: Songs kommen nicht von uns, sondern Songs kommen zu uns. Ich träume nachts manchmal meine Songs. Dann stehe ich auf, um die Idee festzuhalten, weil ich sie sonst am nächsten Morgen vergessen hätte. Zum Beispiel „iD“ ist so entstanden. Da hatte ich diese Melodie im Traum im Ohr. Ich spürte, sie ist gut und habe mich sozusagen gezwungen, wach zu werden, um sie auf dem iPhone aufzunehmen.

Als Teil der Kelly Family standen Sie früh im Rampenlicht. Wie war das so?

Kelly: Gute Frage. Ich war vor kurzem wieder in Irland, wo ich in Dublin in einem Campingwagen zur Welt gekommen bin. Zehn Tage später hatten meine Eltern damals einen Auftritt in einer TV-Show. Weil meine Mutter mich nicht bei einem Babysitter abgeben wollte, hat sich mich einfach im Arm gehalten. So hatte ich bereits mit zehn Tagen meinen ersten TV-Auftritt. Für mich war die Bühne als Kind ein Spielplatz. Ich habe da mit meinen Autos und Trucks gespielt, während meine Eltern gesungen haben. Irgendwann habe ich dann auch zum Mikro gegriffen. Aber ich wurde nie dazu gezwungen. Ich wollte das. Andererseits, klar, in den 90ern vor tausenden kreischenden Teenagern auf der Bühne zu stehen, war unnormal. Ich habe das damals nie verstanden, warum man Geld für ein Konzert-Ticket ausgibt, um schon beim zweiten Song umzukippen. Aber in diesem Alter spielen offenbar die Hormone eine große Rolle und dann entsteht so etwas wie Massenhysterie. Und viele hatten einfach zu wenig getrunken und haben hyperventiliert. Ich bin ganz froh, dass die Hysterie vorbei ist. Heute gibt es bei den Konzerten Begeisterung. Das ist schön, viel gesünder als Hysterie.

Zur Person:Michael Patrick Kelly, 43, ist das zehnte Kind der berühmten Kelly Family. Heute lebt der Sänger mit seiner Frau, einer belgischen Journalistin und Religionsphilosophin, in Oberbayern. Sein neues Album erscheint an diesem Freitag.

Hören Sie sich dazu auch unsere Podcastfolge mit Mimy und Josy von The Voice Kids an, die wir 2019 aufgenommen haben: