Offener Brief von 100 Wissenschaftlern

Britische Corona-Öffnungspolitik "gefährliches und skrupelloses Experiment" - Zusammenhang von Corona-Anstieg und Fußball-EM?

Vor dem zweiten Halbfinale der Fußball-EM haben am Mittwoch Hunderte Fans der englischen Nationalmannschaft ohne Abstand und Masken vor dem Wembley-Stadion gefeiert.

Vor dem zweiten Halbfinale der Fußball-EM haben am Mittwoch Hunderte Fans der englischen Nationalmannschaft ohne Abstand und Masken vor dem Wembley-Stadion gefeiert.

Bild: Zac Goodwin, PA Wire, dpa

Vor dem zweiten Halbfinale der Fußball-EM haben am Mittwoch Hunderte Fans der englischen Nationalmannschaft ohne Abstand und Masken vor dem Wembley-Stadion gefeiert.

Bild: Zac Goodwin, PA Wire, dpa

Dass am 19. Juli alle Corona-Regeln in England aufgehoben werden, könnte zu einer weltweiten Gefahr werden, sagen Wissenschaftler.

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dpa
08.07.2021 | Stand: 10:58 Uhr

In einem offenen Brief haben mehr als 100 Wissenschaftler und Mediziner die Corona-Öffnungspolitik der britischen Regierung als "gefährliches und skrupelloses Experiment" kritisiert. Wenn sich das Virus dank der geplanten Lockerungen, die ein Ende von Maskenpflicht und Abstandsregeln vorsehen, weiter ausbreite, würden Millionen Menschen infiziert, Hunderttausende riskierten Langzeiterkrankungen und bleibende Behinderungen. Die für den 19. Juli geplanten Lockerungen müssten verschoben werden, forderten die Experten in dem in der Nacht zum Donnerstag vom Fachjournal "The Lancet" veröffentlichten Brief.

Die britische Regierung plant, im größten Landesteil England alle verbliebenen Corona-Regeln aufzuheben. Dann sollen auch Nachtclubs wieder öffnen, für Veranstaltungen gibt es keine Teilnehmerbegrenzung mehr. Die endgültige Entscheidung soll am 12. Juli getroffen werden.

Die Strategie bereite der Entstehung impfstoffresistenter Varianten fruchtbaren Boden, warnten die Experten. "Dies würde alle, auch die bereits Geimpften, innerhalb Großbritanniens und weltweit gefährden." "Bei dieser Strategie besteht die Gefahr, dass eine Generation mit chronischen Gesundheitsproblemen und Behinderungen zurückbleibt, deren persönliche und wirtschaftliche Auswirkungen noch über Jahrzehnte spürbar sein könnten", hieß es in dem Schreiben weiter, das insgesamt 122 Fachleute unterzeichnet haben. Vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen, junge Leute, Kinder und Ungeimpfte liefen Gefahr, andauernde Folgeschäden zu erleiden.

Das britische Gesundheitsministerium betonte indes: "Unser Ansatz (...) findet eine Balance bei der Notwendigkeit, sowohl Leben als auch Existenzen zu schützen."

Studie sieht Zusammenhang von Corona-Anstieg und Fußball-EM

Gemeinsames Schauen der Fußball-EM könnte einer vorläufigen Studie zufolge verantwortlich für einen höheren Corona-Anstieg bei Männern als bei Frauen in England sein. Tests bei mehr als 47.000 Freiwilligen im größten britischen Landesteil hätten ergeben, dass Männer ein 30 Prozent höheres Risiko als Frauen hätten, sich zu infizieren, heißt es in dem sogenannten Preprint des Imperial College London. "Es könnte sein, dass das Fußballschauen dazu führt, dass Männer sozial aktiver sind als sonst", sagte Studienautor Steven Riley der BBC am Donnerstag.

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Der Bericht stellt zudem fest, dass derzeit eine "erhebliche dritte Infektionswelle" das Land treffe. Demnach hat sich das Infektionsgeschehen im Vergleich zur vorigen Erhebung vor einem Monat vervierfacht. Infektionen seien in allen Altersgruppen unter 75 Jahren deutlich gestiegen, vor allem aber bei Kindern und Jugendlichen. Auch bei Menschen, die beide Impfungen bekommen haben, habe sich die Zahl der Corona-Fälle vervierfacht. Für den Anstieg wird die hochansteckende Delta-Variante verantwortlich gemacht. Die britische Regierung will die Corona-Maßnahmen in England am 19. Juli vollständig aufheben.

"Obwohl die Impfstoffe einen guten Schutz vor Infektionen und schweren Krankheiten bieten, besteht für geimpfte Menschen immer noch das Risiko, an dem Virus zu erkranken und andere zu infizieren", sagte Riley. Deshalb sei es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich beide Dosen erhielten.