Ernährung

Der Käse mit dem angeschlagenen Image

Schon einmal war der original italienische Parmesan nur schwer an Mann und Frau zu bringen: Damals, 2012, hatte ein Erdbeben in der Emilia Romagna viele Laibe zerstört.

Schon einmal war der original italienische Parmesan nur schwer an Mann und Frau zu bringen: Damals, 2012, hatte ein Erdbeben in der Emilia Romagna viele Laibe zerstört.

Bild: Elisabetta Baracchi, dpa (Archivbild)

Schon einmal war der original italienische Parmesan nur schwer an Mann und Frau zu bringen: Damals, 2012, hatte ein Erdbeben in der Emilia Romagna viele Laibe zerstört.

Bild: Elisabetta Baracchi, dpa (Archivbild)

Auf seinen Parmesan lässt ein stolzer Italiener nichts kommen. Jetzt geißeln die Kostverächter der EU ihn als ungesund – und nicht nur das.
29.03.2022 | Stand: 08:45 Uhr

Stefano Patuanelli ist italienischer Minister für Landwirtschaft. Der 47 Jahre alte Politiker der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung war einmal Systemkritiker. Heute verteidigt er Italiens Traditionen förmlich mit dem eigenen Leib. „Ich habe 25 Kilo abgenommen und das nur mit der Mittelmeer-Diät“, sagte er vor Kurzem. Patuanelli hat sich an die Spitze der italienischen Lebensmittel-Industrie gesetzt, die einen gefährlich Feind der italienischen Lebensart am Horizont ausgemacht hat. Sein Name: Nutri-Score.

Damit ist ein Kennzeichnungssystem gemeint, das EU-weit eingeführt werden könnte. Patuanelli und die italienischen Lebensmittelerzeuger, Landwirte und Bäuerinnen fürchten, Italiens Leibspeisen würden davon schwer benachteiligt und könnten keine Abnehmer mehr finden, vor allem im Ausland. Dort werden Parmesan, Parmaschinken und Mozzarella nicht nur geschätzt, sondern auch bestens verkauft.

Wenn nun Nutri-Score käme, könnte es damit zu Ende sein. Denn einige traditionelle italienische Lebensmittel schneiden nach dem System eher schlecht ab. Nutri-Score sei „absurd“, sagte der Minister. Er hat Brüssel den Kampf angekündigt.

Frankreich und Italien: Nicht nur im Fußball, sondern auch auf dem Lebensmittelmarkt eine Rivalität

Das System wurde 2013 in Frankreich entwickelt, eine Tatsache, die in Italien an sich schon Verdacht hervorruft, weil man in dem Land den größten Konkurrenten bei der Herstellung typisch mediterraner Produkte sieht. Nutri-Score ist ein Ampelsystem, das den Nährwert verpackter Lebensmittel anhand einer Skala von Grün bis Rot und mit den Buchstaben A bis E kennzeichnet. Weist ein Produkt viel Eiweiß und Ballaststoffe auf, bekommt es eher Grün und „A“, enthält es viel gesättigte Fettsäuren, Salz oder Zucker geht es in Richtung Rot und „E“. Tiramisù, Gorgonzola, Parmesan, Mailänder Salami, Grissini aber auch kalt gepresstes Olivenöl schneiden eher schlecht ab.

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Sieben EU-Mitgliedsstaaten haben den Nutri-Score bereits zugelassen, darunter auch Deutschland, Frankreich und Belgien. In einer Umfrage sprachen sich 57 Prozent der Befragten in Deutschland für Nutri-Score als am besten verständliches Kennzeichnungssystem aus. Bofrost, Danone und Pepsi wenden die Etikettierung bereits freiwillig an, auch der Discounter Aldi macht bei Nutri-Score mit.

Die Idee ist, dass die Konsumenten mit einem schnellen Blick auf die Verpackung ähnliche Produkte auf ihren Nährwert hin vergleichen können. Italien fühlt sich deswegen unfair behandelt. Denn Maßstab für die Berechnung sind jeweils 100 Gramm. Parmesan oder andere italienische Lebensmittel würden aber meist in geringeren Dosen verwendet, heißt es. Das System benachteilige Italiens Küche.

Der Nutri-Score: Nährwertampel oder Luftnummer?

Gänzlich überzeugend ist Nutri-Score tatsächlich nicht. Kohlenhydratreiche Hartweizengrieß-Spaghetti aus Weißmehl bekommen in der freien Datenbank für Nahrungsmittel „Open Food Facts“ Nutri-Score-Bestnoten. Pommes, Chips und Tiefkühlpizza sind dort Mittelmaß. Kritikerinnen und Kritiker wenden außerdem ein, hochverarbeitete Lebensmittel hätten Vorteile. So könnten Hersteller von Cornflakes den Zuckergehalt einfach mit Süßstoff ersetzen und schnitten dann besser ab. Zuspruch bekam das System aber auch aus Italien selbst. 2019 forderten fünf renommierte italienische Wissenschaftler die italienische Regierung auf, die Initiative zu unterstützen, da sie leicht verständlich Anhaltspunkte für eine ausgewogene Ernährung gebe.

Auch bei den Gegnern verlaufen die Grenzen weniger scharf als gedacht. So läuft nicht nur die italienische Käselobby Sturm gegen Nutri-Score, entsetzt ist auch der französische Käsekonzern Lactalis, der fettige Schwergewichte wie Roquefort und Camembert herstellt. Dario Dongo, Gründer des italienischen Online-Magazins Gift vermutet hinter dem Widerstand gegen Nutri-Score die großen Lebensmittelkonzerne Italiens. Dongo behauptet, der Süßwarenhersteller Ferrero habe die Kampagne begonnen. Ferrero stellt unter anderem Nutella her, das bei Nutri-Score im roten Bereich landet.